Prozess zum Tod von Diren Dede "Ich werde die Kids umbringen"

Im April erschoss ein Amerikaner den deutschen Austauschschüler Diren Dede in Montana. Jetzt begann der Prozess gegen den Täter - mit viel Emotionen, blutigen Fotos und Direns entsetzten Eltern.

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Aus Missoula, Montana, berichtet Karin Assmann


Er habe sie gewarnt, sagt Bernhard Docke, einer der zwei deutschen Anwälte von Celal und Gülcin Dede. Er meint die Fotos: ihr toter Sohn; das blutverschmierte Auto mit dem Abdruck seines Arms; das Gewehr, mit dem er erschossen wurde.

Wirklich vorbereitet sind sie dann aber doch nicht.

Staatsanwältin Jennifer Clark beginnt mit den ihr zufolge letzten Worten von Diren, fast hysterisch und ohne Vorwarnung schreit sie: "Nein, nein, nein, bitte… Tu es nicht!"

Der Saal zuckt zusammen. Nur die acht Frauen und vier Männer der Jury bleiben gefasst, als Clark in kurzen Sätzen beschreibt, was in jener Nacht geschehen sei.

Und daran besteht kein Zweifel: In der Nacht zum 27. April hat Markus Kaarma, 30, den 17-jährigen Austauschschüler Diren Dede in seiner Garage in Missoula erschossen. Nachdem bei ihm und seiner Partnerin Janelle Pflager mehrfach eingebrochen worden war, hatten sie mit Überwachungskameras und einem geladenem Gewehr auf den nächsten Vorfall regelrecht gewartet. Als Diren in jener Nacht durch die offene Garagentür schlich, drückte Kaarma ab.

"Keine Sorge, nicht geladen", sagt die Staatsanwältin, hebt die Mordwaffe auf und lächelt der Jury zu. Dann lädt sie durch - lock'n load. Einmal, zweimal, dreimal. Eine Pause, und noch einmal.

Das, sagt Clark, sei der Todesschuss gewesen.

Auf einem großen TV-Monitor erscheint das Bild des Autos, auf das Diren fiel, blutverschmiert, ein sauberer Fleck nur, wo sein Arm zu liegen kam.

Gülcin Dede ist mit den Nerven fertig. "Fast bewusstlos" sei sie vor Schmerzen geworden, sagt sie später. Ihr Mann Celal, der im Mai schon mal in Missoula war, um den toten Sohn nach Hamburg zu überführen, ist erschöpft. "Erschlagen" sei das bessere Wort, sagt er. Der Taxifahrer trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Foto seines Sohnes, lässig an eine Bretterwand gelehnt, das der Gastvater in Missoula von ihm gemacht hatte.

Nach der Mittagspause trägt Dede eine geschlossene Strickjacke darüber: "Ich soll das hier nicht offen zeigen." Die Anklage habe moniert, das sei Schöffenbeeinflussung, erklärt Andreas Thiel, der zweite deutsche Anwalt.

Als ginge es bei einem Prozess wie diesem nicht immer nur genau darum - die Geschworenen von einer bestimmten Realität zu überzeugen. Und damit kennt sich Strafverteidiger Paul Ryan, der mit vier weiteren Anwälten antritt, gut aus: Auch er beginnt emotional - mit einem Plädoyer für die heile Familie Kaarma, die ein schönes Leben mit ihrem Baby haben möchte.

Dass sein Mandant gekifft habe, das wolle er dabei gleich auf den Tisch legen. Kaarma habe Ängste: vor Menschen, vor Berührung, er sei kein sozialer Mensch, und Marihuana helfe ihm bei alledem. Die Jungs da draußen, diese Teenager, das seien organisierte Gangs, gegen die Kaarma sich nicht mehr zu helfen gewusst habe. Die Polizei habe ihren Job nicht gemacht: Es ginge hier um einen Mann, der Dinge getan habe, die er habe tun müssen.

"Wie war ich, hat das Sinn gemacht?", fragt der Anwalt draußen. "Ich hätte noch viele Punkte, die bringe ich alle noch." Dann verschwindet er.

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Offiziell dürfen weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung mit der Presse sprechen. Der Lokalzeitung "Missoulian" hatte Richter Ed McLean geraten, von der Berichterstattung ganz Abstand zu nehmen. Jetzt twittert deren Reporterin munter aus dem Gerichtssaal - unter anderem auch, dass sich Anwalt Ryan über den Tenor ihrer Tweets beschwert habe.

Die Weichen der Verteidigung sind auf jeden Fall gestellt: Der Täter ist demnach das Opfer, und das Opfer hätte es eigentlich besser wissen sollen.

Vielleicht ist es da fast besser, dass Gülcin und Celal Dede kein Englisch sprechen. Es muss ihnen vorkommen wie ein bizarres Sittenbild aus einer Stadt, in der sich ihr Sohn gut eingelebt hatte.

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Die ersten Zeugen sind die der Anklage: Drei Teenager mit wabernden Stimmen, die immer wieder daran erinnert werden müssen, deutlich zu sprechen. Sie alle sind oder waren Schüler der Big Sky High School, die auch Diren besuchte.

Der erste ist ein Nachbar, der von Kaarmas Angst und Wut nach den Einbrüchen erzählt und davon, dass er sich wundert, warum dieser trotzdem die Garagentür immer wieder offen ließ. Dann kommt Tristan Staber, einer derer, über die sich Kaarma so aufgeregt hatte.

Halbherzig murmelt er in Richtung Mikrofon, die Geschworenen lehnen sich vor. Nur einer von ihnen, der jüngste, der auch einen Hoodie trägt und vielleicht ahnt, aus welcher Welt die beiden kommen, grinst ein wenig. Und jetzt offenbart sich, welche Schätze es waren, die sich in Kaarmas Garage befanden: Fotos von Wasserpfeifen und Mahlmaschinen für Marihuana.

Die Verteidigung zeichnet das Bild einer High School, in der ein paar Kids mehr und ein paar weniger Ärger haben, in der Sportler oder Kinder reicher Eltern mehr dürfen als andere.

Ebenso knapp werden die Friseusen abgefertigt, die nicht einen leidenden Kaarma darstellen, der sich mächtig geärgert hat über die Einbrüche, sondern einen fluchenden, unangenehmen Kerl, der mitnichten Angst vor Berührung habe, denn er komme alle vier bis sechs Wochen zum Haareschneiden. Von Frau und Kind habe er ihnen nichts erzählt.

Die Staatsanwältin fordert die Zeuginnen auf, für die Jury auszusprechen, was Kaarma gesagt habe: "I'm gonna kill the fucking kids, I am serious, you are going to see this in the news." Ich werde die verdammten Kids umbringen, ich meine es ernst, ihr werdet es in den Nachrichten sehen.

In Montana gilt die "Castle Doctrine", eine Art Freibrief zur "berechtigten Selbstverteidigung" auf eigenem Grund und Boden. Aber selbst hier funktioniere das System so nicht, sagt Staatsanwältin Clark.

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Die Mär der Privilegierten, die bei den hart arbeitenden Kaarmas einbrechen und straflos davonkommen, bricht am Nachmittag endgültig ein - in dem Moment, als Janelle Pflager, seine Lebensgefährtin, in den Zeugenstand tritt.

Sie ist groß und laut und spricht die Vokale aus, wie sie es in Detroit gelernt hat. Nein, sie arbeite nicht, ihr Sohn Finn sei Arbeit genug, auch Kaarma sei derzeit ohne Beschäftigung. Pflager versucht mädchenhaft und flapsig zu wirken, als sie erklärt, dass sie den Baseballschläger zur Selbstverteidigung gekauft habe. Aber was genau sie damit angefangen hätte, wenn ein Einbrecher vor ihr gestanden hätte, das weiß sie nicht.

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Prozess um erschossenen Auschtauschschüler: Die letzte Nacht des Diren Dede
"Ich habe den Eindruck, er hat meinen Sohn in seinem Käfig gefangen und dann geschossen, er ließ Diren keine Chance", hat Celal Dede schon am Vormittag gesagt. Als der Richter die Geschworenen schließlich bis zum Morgen nach Hause schickt, hat sich der Eindruck gefestigt.

An diesem Freitag soll Janelle Pflager noch einmal in den Zeugenstand kommen. Auch die Dedes werden wieder da sein, bis zum bitteren Ende. Nur an dem Tag, an dem die Obduktionsfotos gezeigt werden, will Mutter Gülcin wegbleiben.



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