DNA-Eklat um Phantommörderin "Eine sehr peinliche Geschichte"

Monatelang hielt das "Phantom von Heilbronn" Ermittler in Atem - jetzt scheint der Tatverdächtige in sechs Mordfällen als Hirngespinst der Fahnder entlarvt. Wattestäbchen, die bei der Spurensicherung verwendet wurden, waren wohl verunreinigt. Die Polizeigewerkschaft drängt auf schnelle Aufklärung.


Stuttgart - Sie galt als die "Frau ohne Gesicht", als unerklärliches Phänomen und meistgesuchte Verbrecherin Deutschlands: Mit sechs Morden wurde das "Phantom von Heilbronn" in Verbindung gebracht, eine Belohnung von 300.000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zu seiner Ergreifung führen. Vergeblich.

Jetzt scheint die Chance, der mysteriösen Tatverdächtigen auf die Spur zu kommen, geringer als je zuvor - denn: Es gibt sie vermutlich gar nicht. Das baden-württembergische Landeskriminalamt in Stuttgart untersucht derzeit laut Staatsanwaltschaft Heilbronn, ob Wattestäbchen, mit denen Spuren an Tatorten gesichert wurden, schon vorher mit DNA verunreinigt waren - und die Ermittler mithin auf eine falsche Fährte gelockt wurden.

Laut einem Bericht von stern.de soll es sich bei der gefundenen DNA um die einer Packerin handeln, die bei einem Hersteller für Medizinalbedarf arbeitet. Dem Bericht zufolge sind solche Wattestäbchen zwar sterilisiert. DNA-Verunreinigungen durch Körperzellen würden dadurch aber nicht beeinflusst, sagte Christian Ruef vom Universitätsspital Zürich stern.de. Laut Informationen der "Bild"-Zeitung soll es sich bei dem betreffenden Unternehmen um eine Hamburger Firma handeln, die Dienststellen in verschiedenen Bundesländern sowie Frankreich und Österreich beliefert.

Experten fordern Einführung eines DNA-Gütesiegels

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) drängt nun auf schnelle Aufklärung. Der baden-württembergische GdP-Vorsitzende Josef Schneider sagte der Nachrichtenagentur dpa, wenn es sicher sei, dass die Spuren von einer Dame stammten, die die Wattestäbchen verpackt habe, so sei dies "eine sehr peinliche Geschichte".

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte die Einführung eines DNA-Gütesiegels, um die Möglichkeit von Falschanalysen wegen Verunreinigungen auszuschließen. "Die Hersteller sollten den Packungen DNA-Merkmale der beteiligten Mitarbeiter als Code beilegen", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen den "Stuttgarter Nachrichten" zufolge, "damit könnte diese Spur gleich ausgeschlossen werden."

Schon lange würden auch bei der Sicherung von Fingerspuren Merkmale des sachbearbeitenden Polizisten vermerkt, um nicht versehentlich nach den eigenen Leuten zu fahnden. Dass mit den immer besseren Methoden des genetischen Fingerabdrucks auch Gefahren von Fehlern heraufbeschworen werden, hatte der BKA-Experte und Serologe Hermann Schmitter dem Blatt zufolge bereits vor einiger Zeit festgestellt. "Die Untersuchungsmethoden sind derart verbessert und empfindlich geworden, dass sich die Frage stellt, was überhaupt spurenrelevant ist." Die wesentliche Arbeit im Labor sei nicht, alle gefundenen Spuren auszuwerten, sondern zu klären, "was überhaupt ins Reagenzglas gehört".

DNA-Verunreinigung schon beim Baumwollpflücken möglich

Die Polizei hatte das "Phantom" unter anderem verdächtigt, Ende April 2007 in Heilbronn eine 22 Jahre alte Polizistin kaltblütig erschossen zu haben. Bereits seit einiger Zeit räumten die Ermittler jedoch ein, in dem Fall zunehmend ratlos zu sein. An mindestens 40 verschiedenen Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Österreich waren die DNA-Spuren des "Phantoms" gefunden worden. Die Spur der Gewalt geht bis in das Jahr 1993 zurück.

Wie die Heilbronner Anklagebehörde berichtete, geht das LKA bereits seit April 2008 der Möglichkeit einer Fremdverunreinigung nach. Dabei arbeiteten die Ermittler mit dem Bundeskriminalamt (BKA), den Landeskriminalämtern Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und dem Landeskriminalamt Oberösterreich zusammen. Im Kriminaltechnischen Institut des LKA seien mehrere hundert unbenutzte Wattestäbchen als sogenannte Leerproben untersucht worden. "Diese Untersuchungen verliefen ohne Ergebnis und ergaben keinen Hinweis auf Fremdkontaminationen", heißt es in der Mitteilung weiter.

Erste Zweifel waren den Ermittlern gekommen, als sie klären wollten, ob es sich bei einer verbrannten Leiche um einen im Jahr 2002 verschwundenen Asylbewerber handelte. Die Untersuchung des Fingerabdrucks ergab am 19. März eine Übereinstimmung mit der DNA der Phantomtäterin, "was eigentlich nicht sein konnte", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ernst Meiners.

Bei einer erneuten Untersuchung fand sich die DNA nicht mehr. Dies steht seit Donnerstag vergangener Woche fest. Daraufhin kam der Verdacht auf, dass das Untersuchungsmaterial der Ermittler bereits mit DNA in Berührung gekommen sein muss. Dies könne theoretisch schon beim Pflücken der Baumwolle geschehen, sagte Meiners. Die Herstellung der Wattestäbchen wird nun überprüft. Wie lange dies dauere, könne noch nicht gesagt werden.

ala/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.