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12. Juni 2011, 17:40 Uhr

DNA-Spuren

Barschel-Kleidung soll in Labor untersucht werden

Wird der Fall Uwe Barschel doch noch aufgeklärt? 24 Jahre nach dem Tod des Politikers in einem Genfer Luxushotel will die Staatsanwaltschaft nun dessen Kleidung auf DNA-Spuren untersuchen lassen. Ergebnisse könnten in den nächsten Tagen vorliegen.

Lübeck - Knapp 24 Jahre nach dem mysteriösen Tod des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel will die Lübecker Staatsanwaltschaft einem Zeitungsbericht zufolge neue Untersuchungen anstellen. Demnach sollen die Kleidungsstücke des CDU-Politikers auf DNA-Spuren geprüft werden, darunter auch der Anzug, mit dem der tote Barschel in der Badewanne des Genfer Hotels Beau Rivage entdeckt worden war, wie am Sonntag die "Lübecker Nachrichten" berichteten.

"Wir werden in den nächsten Tagen prüfen, ob es DNA-Spuren gibt und ob sie verwertbar sind", sagte Oberstaatsanwalt Günter Möller dem Blatt.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Werner Kalinka, der auf den späten DNA-Check gedrungen hatte, nannte es erfreulich, dass alle Möglichkeiten genutzt würden, "um an die Wahrheit heranzukommen". Er sieht in der Entscheidung "fast die Wiedereröffnung des Verfahrens". Kleinste Dinge könnten eine Rolle spielen.

Kalinka, der wie auch der frühere Chefermittler Heinrich Wille der Mordtheorie anhängt, hatte Landesjustizminister Emil Schmalfuß (parteilos) bereits vor sieben Monaten um eine Neuaufnahme des Falls Barschel gebeten. Vorangegangen war die Aufklärung alter Mordfälle aufgrund neuer kriminaltechnischer Möglichkeiten. Diese sollten ausgeschöpft werden. "Der Fall ist zu gewichtig, um ihn ruhen zu lassen."

"Drei plus eins"-Theorie

Auf Drängen der Familie Barschel hatte der Schweizer Toxikologe Hans Brandenberger 1994 ein Gutachten verfertigt. Darin kam er zu dem Ergebnis, dass der Politiker die vier Präparate, die in seinem Körper gefunden worden waren, nicht zeitgleich genommen haben konnte. Die Schlussfolgerung: Es sei unwahrscheinlich, dass Barschel noch handlungsfähig war, als er das Schlafmittel Cyclobarbital einnahm.

"Drei plus Eins" hieß fortan die Theorie. Danach müsste Barschel zunächst durch "dämpfende" Medikamente betäubt worden sein, bevor ihm ein oder mehrere Mörder die tödliche Giftdosis verabreichten - etwa durch einen Schlauch in die Speiseröhre.

Ob Mord, Selbstmord oder assistierter Suizid: Barschels Tod wurde jedenfalls durch eine komplizierte Methode ausgelöst. Bei der Obduktion entdeckten Gerichtsmediziner eine Lungenentzündung, die auf eine "mehrstündige Überlebenszeit" im kühlen Badewasser schließen lässt.

Vier weitere Gutachten

Die "Drei plus Eins"-Theorie ist umstritten. Vier weitere Gutachten kamen zu anderen Ergebnissen.

Einig sind sich alle Experten, dass Barschel an einer schweren Medikamentenvergiftung starb. In seinem Körper fanden sie mehrere "zentral dämpfende" Wirkstoffe und zwei Schlafmittel in "hochtoxischer Konzentration". Der Streit entzündet sich an der eklatant abweichenden Konzentration der verschiedenen Wirkstoffe in Organen, Blut, Mageninhalt und Urin.

Die meisten Gutachter argumentierten, man könne einen Mord zwar nicht völlig ausschließen, aber die Reihenfolge der Medikamente lasse sich nicht mehr rekonstruieren. Brandenberger dagegen beharrte darauf, dass ein Wirkstoff deutlich später in den Körper gelangt sei. Allerdings schränkt auch er inzwischen ein: "Nicht mehr handlungsfähig" meine, Barschel sei zum Zeitpunkt der Einnahme von Cyclobarbital so sediert gewesen , dass er beim letzten Medikament nicht mehr gewusst habe, "was er tat oder was mit ihm geschah."

jdl/dapd

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