Trotz Freispruch für Strauss-Kahn Schuldig im Namen des Volkes

Das Gericht in Lille hat Dominique Strauss-Kahn vom Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen. Doch für den früheren IWF-Chef bleibt nach der juristischen Auseinandersetzung vor allem eines: der moralische Bankrott.

Dominique Strauss-Kahn: Vom Gericht freigesprochen, von der Öffentlichkeit nicht
REUTERS

Dominique Strauss-Kahn: Vom Gericht freigesprochen, von der Öffentlichkeit nicht

Von


Nach mehr als dreijähriger Untersuchung hat Dominique Strauss-Kahn als freier Mann das Gericht in Lille verlassen: Der Wirtschaftsprofessor, Ex-Minister und frühere Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) wurde vom Vorwurf der schweren, gemeinschaftlichen Zuhälterei freigesprochen.

Strauss-Kahn, kurz DSK, folgte dem Spruch mit unbeweglichem Gesicht. Ihm war vorgeworfen worden, von einem Prostituiertenring profitiert zu haben; ihm drohten zehn Jahre Haft und bis zu 1,5 Millionen Euro Geldstrafe. Auch die meisten der 13 Mitangeklagten wurden freigesprochen.

In einer zehnminütigen Verlesung stellte der Vorsitzende Richter fest: DSK habe nicht wissen können, dass die Frauen bei den Orgien bezahlte Prostituierte gewesen seien. Weder von der Bekleidung noch von der Art der sexuellen Praktiken her hätte der frühere IWF-Chef auf deren professionellen Status schließen können. Mit dem Urteil, insgesamt 147 Seiten lang, folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Sie hatte bereits im Februar "schlicht und einfach" Freispruch für Strauss-Kahn gefordert.

Kein Zuhälter, nur ein "Libertin"

Für die Anhänger von DSK hatte es sich stets um einen "politischen Prozess" gehandelt: Ihrer Ansicht nach ging es seinen Gegnern nur darum, einen Mann weiter zu beschädigen, dem wenige Jahre zuvor noch beste Aussichten auf die Kandidatur bei Frankreichs Präsidentschaftswahlen eingeräumt worden waren.

Die Karriere des DSK endete 2011 in den USA, als er beschuldigt wurde, ein Zimmermädchen in einer Suite des New Yorker Hotels Sofitel vergewaltigt zu haben. Das Strafverfahren wurde durch eine außergerichtliche Einigung und eine finanzielle Entschädigung eingestellt. Strauss-Kahn hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen und sich in einem Buch als Opfer einer Verschwörung bezeichnet.

Umso peinlicher waren die nachfolgenden Enthüllungen um die Vorgänge im Carlton-Hotel von Lille: Die Praktiken Strauss-Kahns im Umgang mit den Callgirls, die herabwürdigende Art und Weise, wie er per SMS-Botschaften bei zwielichtigen Bekannten "Material" für ausschweifende Sexorgien bestellte - sie stellten DSK in der Öffentlichkeit als brutalen Pascha bloß.

Strauss-Kahn hatte die Ausschweifungen nicht geleugnet, auch nicht die Kontakte zu Männern aus dem belgischen Rotlichtmilieu. Die hatten Prostituierte für seine Unternehmerfreunde organisiert und erhofften sich durch den Kontakt zu dem einflussreichen Strauss-Kahn offenbar Vorteile. DSK beharrte vor Gericht stets darauf, er habe bei den Partys - in Lille, Paris und Washington, in Wien oder Madrid - stets geglaubt, die dienstbaren Frauen seien Freundinnen, Sekretärinnen oder Bekannte seiner Freunde gewesen. Bezahlte Prostituierte? Niemals!

Die Frauen waren anfangs als Nebenklägerinnen aufgetreten. Doch mit ihrem Rückzug aus dem Verfahren brach alles zusammen: Ihre Anwälte zogen die Klagen im Februar zurück, nachdem klar geworden war, dass die Beweislage gegen DSK nicht ausreichen würde.

Eine Rückkehr in die Politik? Undenkbar!

"Weder die Beweisaufnahme noch die Anhörungen" hätten es gestattet, den Vorwurf der schweren Zuhälterei zu stützen, gab der Staatsanwalt seinerzeit zu Protokoll. Und angesichts des prominenten Angeklagten stellte er fest: "Der Bekanntheitsgrad darf keinesfalls eine Schuldvermutung sein."

Der Freispruch ist für Strauss-Kahn ein juristischer Erfolg. Doch seine Rückkehr in die Politik ist ausgeschlossen. Die sexuellen Eskapaden haben seine Karriere gründlich zerstört. Im Umfeld des Prozesses meldeten sich weitere Frauen mit Vorwürfen sexueller Aggression zu Wort, Strauss-Kahns Neigungen wurden in Büchern geschildert und dienten Filmen als Vorlage.

Nach dem Richterspruch ist DSK kein Zuhälter, sondern nur ein "Libertin" und ein testosterongesteuerter Macho - kein Straftatbestand, aber ein moralischer Bankrott. In der Öffentlichkeit bleibt er ein Verurteilter.

Das ist dem ehemaligen Hoffnungsträger der Sozialisten während des Verfahrens offenbar klar geworden. "Ich habe immer gedacht, dass Privatleben das Privatleben bleibt, solange es dem öffentlichen Leben nicht schadet", sagte DSK: "Damit habe ich mich getäuscht."

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.