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12. Oktober 2016, 19:10 Uhr

Missbrauch im Bistum Regensburg

Späte Anerkennung für die Domspatzen

Von Juri Auel

Priester und Lehrer sollen im Bistum Regensburg Hunderte Kinder misshandelt und sexuell missbraucht haben. Jetzt einigten sich Betroffene und die Kirche auf einen Plan zur Aussöhnung.

Es ist einer der größten Missbrauchsskandale der deutschen Kirchengeschichte: Priester und Lehrer des Regensburger Bistums sollen über Jahrzehnte Hunderte Kinder geschlagen, schikaniert und sich sexuell an ihnen vergangen haben. Auch bei dem berühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen soll es zu solchen Fällen gekommen sein.

Lange haben die Betroffenen dieser Taten um Anerkennung ihres Leids gekämpft. Jetzt sind sie ihrem Ziel ein Stück näher gekommen. In Regensburg haben Opfer gemeinsam mit Vertretern des Bistums einen Fahrplan vorgestellt, wie die Missbrauchsfälle aufgearbeitet werden sollen.

Dass es dazu kommen konnte, ist nicht zuletzt das Verdienst Ulrich Webers. Das Bistum hatte den Anwalt beauftragt, die Geschichte der Missbräuche aufzuarbeiten. Mehr als 250 Interviews mit möglichen Opfern und Verantwortlichen hat er seitdem geführt.

Wie jetzt bekannt wurde, sind seit der ersten Zwischenbilanz vom Januar Dutzende Weitere Opfermeldungen hinzugekommen. Damit haben sich insgesamt bislang 422 ehemalige Schüler und Chorknaben gemeldet, die angaben, von Lehrern und Priestern zwischen 1945 und Anfang der Neunzigerjahre sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt worden zu sein.

Die Dunkelziffer könnte noch wesentlich höher liegen. Es gebe keinen Grund, an seiner alten Schätzung von 700 Fällen zu rütteln, sagte Weber SPIEGEL ONLINE. Das Bistum habe seine Arbeit "tatkräftig unterstützt" und ihm alle gewünschten Akten zur Verfügung gestellt. Einen abschließenden Bericht will Weber Anfang 2017 vorlegen.

Kirchenvertreter und Betroffene stellten nun gemeinsam ihren Plan zur Aussöhnung vor, der auf vier Säulen beruht:

"Es ist klar, dass erlittenes Leid nicht mit Geld aufgewogen werden kann", sagte Rainer Schinko, Direktor des Internats der Domspatzen. Das Geld sei eine Anerkennung dessen, was in der Vergangenheit geschehen sei und kein Schmerzensgeld im juristischen Sinn.

Keine Verschwiegenheitsklauseln

Alle Betroffenen könnten das Geld beantragen - auch jene, denen das Bistum bereits etwas gezahlt hat. Verschwiegenheitsklauseln gebe es keine, jedem stehe der weitere Rechtsweg offen - allerdings seien viele der Taten bereits verjährt, der Gang vors Gericht daher wenig Erfolg versprechend.

Es sei eine Selbstverständlichkeit, dass Täter, sollten sie noch leben, mit "allen Mitteln des Strafrechts" belangt würden, sagte Schinko. Allerdings seien, was die Sexualdelikte angeht, alle bekannten Beschuldigten bis auf einen bereits verstorben, sagte Rechtanwalt Weber.

Die Missbräuche seien die "bedrückenste Erfahrung" seines Amtes, sagte Rudolf Voderholzer, seit 2012 Bischof in Regensburg. "Ich kann es nicht ungeschehen machen und die Betroffenen nur um Vergebung bitten."

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Gerhard Ludwig Müller hatte Voderholzer den Aussöhnungsprozess vorangetrieben.

Die Missbrauchsopfer dankten ihm dafür. "Wir haben einen Grad erreicht, von dem wir jahrelang geträumt haben", sagte der ehemalige Domspatz Alexander Probst. Die übrigen Opfer und er hätten sehr viel kämpfen müssen, um ernst genommen zu werden. "Es war ein Aufbruch nach vielen Jahren des Stillstands", sagte Peter Schmitt, ebenfalls Betroffener.

Probst betonte, dass es ihm und den anderen Betroffenen nicht um das Geld gehe - sondern um die Anerkennung und das Gehör. "Man ist nicht mehr derjenige, der das Bistum beschmutzt hat", sagte er.

Mit Material von dpa und AFP

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