Doppelanschlag von Norwegen Polizei veröffentlicht erste Opfernamen

Viele Menschen werden nach den Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya vermisst, die Zahl der Toten könnte noch steigen. Jetzt hat die Polizei Informationen über die ersten Opfer veröffentlicht. Attentäter Anders Breivik will unter Auflagen über andere "Zellen" auspacken.


Oslo - Die norwegischen Behörden haben die ersten Namen von Opfern der beiden Anschläge in der vergangenen Woche veröffentlicht. Zunächst wurden am Dienstag Namen, Alter und Heimatorte von vier Opfern bekannt gegeben. Dabei handelte es sich um drei Personen, die bei dem Bombenanschlag in Oslo getötet wurden, sowie eine Person, die auf der Insel Utøya ums Leben kam. Das Alter der Opfer liegt zwischen 23 und 61 Jahren.

Sobald die Toten identifiziert und die Angehörigen unterrichtet sind, sollen in den nächsten Tagen Informationen zu weiteren Opfern veröffentlicht werden. Mindestens 76 Menschen kamen ums Leben, als der 32-jährige Anders Breivik am Freitag eine Bombe im Osloer Regierungsviertel zündete und anschließend in einem Feriencamp für Jugendliche auf Utøya das Feuer eröffnete.

Noch immer werden viele Menschen vermisst, die möglicherweise unter den Trümmern im Regierungsviertel liegen oder die im Fjord rund um die Insel vermutlich auf der Flucht ertrunken sind.

Die Polizei ist wegen ihrer Reaktion auf die Hilferufe weiter in Erklärungsnot. Das Sondereinsatzkommando brauchte fast anderthalb Stunden, um zum Tatort auf Utøya zu gelangen und Breivik dort festzunehmen. Als Begründung gab die Polizei an, dass kein Hubschrauber zur Verfügung gestanden habe, da die gesamte Besatzung des Helikopters im Urlaub gewesen sei.

Justizminister Knut Storberget stemmte sich am Dienstag gegen Kritiker: "Ich denke, die Polizei hat in dieser Situation gute Arbeit geleistet", sagte er. Von einer Untersuchung der polizeilichen Ermittlungsarbeit halte er derzeit nichts. "Es gibt eine Zeit für alles." Zunächst einmal müsse man sich um die Betroffenen kümmern. Auch der Stabschef der Osloer Polizei, Johan Fredriksen, wies die Kritik an der Arbeit der Sicherheitskräfte zurück. "Ich halte es für würdelos, wie einige Akteure politische Fragen in der Situation aufwerfen, in der wir uns gerade befinden", sagte Fredriksen. "Wir wollen uns an dieser Debatte nicht mehr beteiligen."

Breivik stellt Forderungen

Der inhaftierte Attentäter Anders Behring Breivik, dessen Anwalt ihn für unzurechnungsfähig erklären lassen will, hat unterdessen für Aussagen über angebliche Mittäter Forderungen an die Polizei gestellt. Bei Polizeiverhören und vor dem Haftrichter hatte er von weiteren "Zellen" mit Gleichgesinnten gesprochen: zwei in Norwegen und mehrere im westlichen Ausland. Pål Hjort Kraby von der Osloer Kriminalpolizei sprach gegenüber der Online-Ausgabe der Zeitung "Verdens Gang" von verschiedenen Forderungen. Einige davon "konnten wir ganz unmöglich erfüllen".

In einer ersten Anhörung vor Gericht hatte Breivik die Anschläge am Montag zugegeben. Die Anhörung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - unter anderem, weil das Gericht fürchtete, Breivik könne Botschaften an mögliche Verbündete übermitteln.

In Polen nahm der Inlandsgeheimdienst jetzt Ermittlungen gegen den Händler auf, der Breivik im März Komponenten für seine Bomben verkauft haben soll. Dem Mann werde der "unerlaubte Besitz und Handel mit potentiell gefährlichen Substanzen" vorgeworfen, hieß es am Dienstag in einer auf der Internetseite des Geheimdienstes veröffentlichten Erklärung.

Der Besitzer der Firma Keten Chemicals bestätigte, dass er Chemikalien an Breivik geliefert habe. Er habe den Norweger jedoch für einen gewöhnlichen Geschäftsmann gehalten. Nach offiziellen Angaben verlangte der Attentäter bei der Firma in Breslau genau diejenigen Substanzen, die er laut seiner im Internet veröffentlichten 1500 Seiten starken Schrift zum Bau von Bomben benutzen wollte.

Der norwegische Geheimdienst war wegen des Einkaufs bereits im Vorfeld der Anschläge auf den Attentäter aufmerksam geworden. Allerdings sahen die Sicherheitsbehörden keinen Anlass, gegen Breivik zu ermitteln. Er habe ein "unglaublich gesetzestreues Leben" gelebt, rechtfertigte der Polizeisicherheitsdienst die damalige Entscheidung.

can/dapd/dpa/AFP

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regierungs4tel 26.07.2011
1. Von der Frage der Anzahl der Mittäter hängt die Anklage ab
Nicht politisch organisierte und damit Einzeltäter können nach dem Römischen Statut nicht wegen Völkerverbrechen angeklagt werden: http://berlin2011.wordpress.com/2011/07/26/oslo-erwagt-anklage-nach-volkerstrafrecht/
Rainer Helmbrecht 27.07.2011
2. .
Zitat von sysopViele Menschen werden nach den Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya vermisst, die Zahl der Toten könnte noch steigen. Jetzt hat die Polizei Informationen über die ersten Opfer veröffentlicht. Attentäter Anders Breivik will unter Auflagen über andere "Zellen" auspacken. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776816,00.html
Ich finde es gut, dass man die Opfer veröffentlicht, aber man sollte dem Täter kein Forum bieten. Jede Mitteilung, über ihn ist zu viel. Die Spekulationen über ihn und seine Ideen sind kontraproduktiv. Die Veröffentlichungen über seine Wünsche bezüglich eines Computers oder Ähnliches verleiht ihm ein Machtgefühl und verschiebt die Machtverhältnisse zwischen Staat und Täter. MfG. Rainer
Danny Wilde 27.07.2011
3. Nicht nur das!
Zitat von Rainer HelmbrechtIch finde es gut, dass man die Opfer veröffentlicht, aber man sollte dem Täter kein Forum bieten. Jede Mitteilung, über ihn ist zu viel. Die Spekulationen über ihn und seine Ideen sind kontraproduktiv. Die Veröffentlichungen über seine Wünsche bezüglich eines Computers oder Ähnliches verleiht ihm ein Machtgefühl und verschiebt die Machtverhältnisse zwischen Staat und Täter. MfG. Rainer
Nicht nur das, sondern das wäre bzw. ist ja sein eigtl. Ziel in seiner ganzen narzisstischen Einzigartigkeit. Dem Schwein wird keine juristische Strafe etwas ausmachen außer null Publicity. Wirklich null. Findet, neben Ihnen und mir auch, ebenfalls Ihr Namensvetter Bonhorst auf der Achse (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/totschweigen/). Leider, leider, braucht gerade diese Tat aber dennoch eine maximale Öffentlichkeit. Damit der ganze Verschwörungskäse, der bereits jetzt kursiert, nicht weiteren Nährstoff erhält. Die Norwegischen Ermittlungsbehörden (im Vorfeld) wie auch die Einsatzkräfte während der Bomben und Massenmorde haben sich jedenfalls wie die Kindergartencops aufgeführt. Wie die Dorfpolizisten bei Pippi Langstrumpf. Es wird sich zeigen, dass jeglicher Vertrauensvorschuss in die Qualität des norwegischen Sicherheitsapparates in blanke Fassungslosigkeit verpuffen wird. Da derartige naive Unfähigkeit kaum glaublich erscheint, triggert dies die Verschwörungstheoretiker. Die Herausforderung wird darin bestehen, ab sofort eine fehlerfreie und handwerklich saubere Untersuchung durchzuführen - und dabei der Öffentlichkeit die ungeschminkte Wahrheit zuzumuten (ohne Tabus), wie dem Schwein kein Podium.
Malshandir 27.07.2011
4. Fehler
Wenn man die Fakten sieht, dann muss sich die Polizei grosses Mitverschulden anrechnen lassen und dilettantisches Vorgehen. 90 Minuten bis zum Eintreffen vor Ort, weil die lokale Polizei Angst hat. Liebe Polizei, es ist euer Job euch notfalls zu opfern. Dort lief ein Irrer Amok und Ihr seid zu feige, Kinder zu schützen. So etwas ist traurig.
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