Doppelmord in Bodenfelde Behörde lehnte Haftbefehl gegen Jan O. ab

Im Fall Bodenfelde gerät eine Behörde ins Zwielicht. Zehn Tage vor dem Doppelmord hat sie nach SPIEGEL-Informationen einen Sicherungshaftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter abgelehnt. Jan O. hatte sich nicht bei seiner Bewährungshelferin gemeldet und war durch Brandstiftung aufgefallen.


Hamburg - Der mutmaßliche Doppelmörder von Bodenfelde war für die Behörden kein Unbekannter: Zehn Tage vor seiner ersten Bluttat hatte die Polizei einen Sicherungshaftbefehl bei der zuständigen Behörde angefragt - die lehnte jedoch nach SPIEGEL-Informationen ab. Der Hintergrund waren Bewährungsauflagen, gegen die Jan O. verstoßen hatte.

Mittlerweile hat Jan O. die Taten in der niedersächsischen Ortschaft gestanden. Am Freitag sagte er vor dem Ermittlungsrichter in Northeim aus, gegenüber der 14-jährigen Nina sexuelle Absichten gehabt zu haben. Er habe das Mädchen gewürgt, damit sie ruhig sei. Tobias habe er Tage später in der Nähe des ersten Tatorts getroffen. Weil sich Jan O. von dem 13-Jährigen entdeckt gefühlt habe, will er auch ihn getötet haben.

In den Monaten zuvor hatte Jan O. sich nicht an Auflagen gehalten. Die Behörden hatten verfügt, dass sich der 26-Jährige ein Jahr lang wegen seiner Drogen- und Alkoholsucht betreuen lassen musste. Regelmäßig hatte er seinen Urin auf Suchtmittel kontrollieren lassen. Dennoch war er für seine Therapeuten im Sommer nicht mehr erreichbar und hielt im September auch Termine mit seiner Bewährungshelferin nicht mehr ein.

Polizei stellte Antrag auf Sicherungshaftbefehl

Am 24. Oktober verursachte Jan O. ein Feuer in einem Schuppen im Uslarer Ortsteil Vahle, in der Folge brannte ein angrenzendes Mehrfamilienhaus. Im Zuge der Ermittlungen wurde er nur kurzzeitig festgenommen. Laut Staatsanwaltschaft hätten keine Haftgründe vorgelegen, die Beweise allenfalls für eine fahrlässige Brandstiftung gereicht.

Kriminalhauptkommissar Hartmut Reinecke, der spätere Leiter der Mordkommission, veranlasste diese Tat zu einem Anruf bei der Strafvollstreckungskammer in Stade. Fahrlässige Brandstiftung und Alkoholmissbrauch reichten der Behörde als Grund für einen Sicherungshaftbefehl jedoch nicht aus. "Gewalt war nie ein Thema", erklärt die Sprecherin des Landgerichts Stade, Petra Baars.

Immerhin erkannte die Strafvollstreckungskammer möglichen Handlungsbedarf: Am 12. November, drei Tage vor der ersten Tat, beschloss die Kammer, mit ihm über eine kurzfristige Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt zu reden. Der Gesprächstermin wäre am 25. November gewesen, vier Tage nach dem Auffinden der Leichen.

Die Ermittler erhoffen sich von Jan O.s Geständnis nähere Erkenntnisse über den Tathergang. Noch sei nicht ausgeschlossen, dass Jan O. in der Vergangenheit schon einmal getötet habe. Laut O.s Verteidiger zeigten beide Motive, dass der arbeitslose 26-Jährige nicht aus "Mordlust" gehandelt habe. Davon waren die Ermittler bislang ausgegangen. Zugleich sprach der Verteidiger Jan O. das Potential zum Serienmörder ab.

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Bodenfelde: Jan O. gesteht
Am Samstag soll der getötete Tobias in Bodenfelde beigesetzt werden. Die Trauerfeier soll in kleinem Kreis stattfinden. Erwartet wird aber, dass zahlreiche Menschen an dem Gottesdienst und der anschließenden Beerdigung teilnehmen wollen. Schon zur Beerdigung der 14-jährigen Nina am Freitag waren rund 400 Menschen gekommen.

ore



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