Doppelmord in Notzing Zu schlimm, um wahr zu sein

Christoph W. tötete im bayerischen Notzing die Eltern seiner Ex-Freundin. Er zwang Cornelia R., ihm bei der Verscharrung der Leichen zu helfen. Die 17-Jährige gehorchte, ließ sich auch danach keinerlei Verstörung anmerken. Das Landgericht Landshut versucht, Erklärungen für ihr Verhalten zu finden.

Bestatter am Tatort in Notzing: Als ob die Eltern im Urlaub seien
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Bestatter am Tatort in Notzing: Als ob die Eltern im Urlaub seien

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Die Ermittler haben Mitleid mit Cornelia R. Es ist die Nacht auf den 2. April 2012. Vor ihnen steht ein Mädchen, 17 Jahre alt, dessen Eltern in ihrem Haus im bayerischen Notzing (Landkreis Erding) ermordet wurden. Vom Ex-Freund dieses Mädchens. Christoph W. hatte ihnen die Schuld gegeben, dass sich das Mädchen von ihm getrennt hatte. Nach der Tat hatte er Cornelia R. aufgelauert, ihr gedroht, sie ebenfalls umzubringen, wenn sie ihm nicht beim Verscharren der Leichen helfe. Den Ermittlern ist klar: Cornelia R. muss Furchtbares erlebt haben.

Doch im Vernehmungsraum der Polizeiinspektion Erding sitzt den Ermittlern eine geradezu abgeklärte Person gegenüber. Gelassen und detailliert schildert Cornelia R., was in den vergangenen Tagen geschehen ist: Ihr Ex-Freund Christoph W. empfing sie am 30. März, als sie von der Berufsschule nach Hause kam und berichtete ihr, er habe ihre Eltern getötet. Der 21-Jährige brachte seine Ex-Freundin in den Keller, da lagen sie: blutüberströmt, regelrecht niedergemetzelt.

Cornelia R. sagte ihrem Ex-Freund, die Mutter habe sich immer eine Feuerbestattung gewünscht, dann assistierte sie ihm bei einer grausamen Odyssee: Gemeinsam wuchteten sie die Leiche des Vaters ins Auto und versuchten sie mit Spiritus und Benzin im Rohbau eines Hauses zu verbrennen. Vergeblich. Das Paar transportierte die stark verkohlte Leiche erst in ein Erholungsgebiet, dann zurück in Cornelias Elternhaus. Im Garten dort hoben sie schließlich ein Grab aus, warfen die Leichen hinein, schütteten es wieder zu.

Sie teilten wieder Tisch und Bett, schauten fern, gingen essen - und versuchten, die Spuren zu verwischen. Sie schrubbten das Wohnzimmer, den Flur, den Partykeller in Cornelias Elternhaus, immer wieder. Sie weißelten die Wände, mehrfach hintereinander, lüfteten den Neubau, in dem es verbrannt roch. Cornelia R. flüchtete nicht, holte keine Hilfe, alarmierte nicht die Polizei. Erst als ihr Bruder misstrauisch wurde, vertraute sie sich ihm an.

Christoph W. ist vor dem Landgericht Landshut wegen zweifachen Mordes angeklagt. Immer wieder kommt in dem Verfahren die Sprache auf das untypische Verhalten Cornelia R.s. "Ihr merkte man in keinster Weise an, was geschehen war", sagte ein Kriminalhauptkommissar, der direkt nach dem Notruf verständigt worden war und an den Tatort kam. Die beiden Kollegen, die sich um die Jugendliche kümmerten, seien "sehr erstaunt" gewesen über deren Verhalten. Ein erfahrener Kriminaler sagte, solch ein Auftreten habe er bei keinem anderen Zeugen beobachtet. War die 17-Jährige traumatisiert? Würde der Zusammenbruch noch folgen?

Sie lachte in der Vernehmung

In Vernehmungen habe sich ihre fast entspannte Art nicht verändert. "Sie war nie aufgeregt, immer emotionslos, wir haben sie nie trauern sehen", konstatierte der Sachbearbeiter des Falls. "Als Außenstehender hätte man nie erahnen können, dass sie so schlimme Sachen erlebt hat." Sie habe sachlich alle Fragen der Beamten beantwortet, jede Situation beschrieben, alles erklärt.

In unpassenden Momenten habe sie zu lachen begonnen. Sie habe erzählt, wie sie sich die Hände versaut habe, weil sie keine Handschuhe getragen habe, und dass die Bettwäsche bedruckt gewesen sei, in der sie die Leiche des Vaters eingewickelt hatten. Manchmal habe ihre Aussage gewirkt, als würde Cornelia R. sie ablesen. Nach einer Vernehmung sei sie "fröhlich durch unsere Dienststelle marschiert", sagte ein Beamter.

Für die Ermittler ergab sich auch durch die Fakten ein völlig neues Bild: Cornelia R. hatte ihrem Ex-Freund nicht nur geholfen, sie hatte sich nach der Tat fast wie eine Komplizin verhalten - so, als habe sie sich nie von ihm getrennt. Sie hatte den Ermittlungen zufolge mehrfach die Möglichkeit, Hilfe zu holen oder zu fliehen. Christoph W. ließ sie einmal allein, fuhr zu einer Bank, um Geld abzuheben. Gemeinsam kauften sie Benzin an einer Tankstelle und besorgten Reinigungsutensilien und Farbe in einem Baumarkt. Doch Cornelia R. blieb bei ihrem Ex-Freund.

Nun bestätigte auch der Zeitungsbote vor Gericht, dass er sich mit Cornelia R. unterhielt, als er sie um 4.15 Uhr im Garten antraf. Was er nicht ahnte: Das Mädchen hatte soeben seine Eltern beerdigt. Auch eine Nachbarin sagte aus, dass sie am Nachmittag desselben Tages durch den Garten auf die Terrasse kam und der 17-Jährigen ein Paket übergab, die in diesem Moment mit dem Gartenschlauch die Veranda abspritzte.

"Diese Fakten sprechen gegen sie", konstatiert Staatsanwalt Ralph Reiter. "Es bleibt rätselhaft, warum sie in diesen Situationen nicht die Polizei verständigte."

Die 17-Jährige wurde nach der Tat in ein Bezirkskrankenhaus eingewiesen. Eine posttraumatische Belastungsstörung wurde nicht attestiert. Nach dem Aufenthalt dort von Ermittlern befragt, ob sie Beschwerden habe, sagte sie, der Rücken schmerze, weil "der Vater so schwer gewesen" sei. Bis heute macht Cornelia R. keine Therapie.

Attest vom Hausarzt

Am Donnerstag erschien auch ihre Arbeitgeberin vor Gericht und sprach von ihrem Eindruck, wie Cornelia R. das Erlebte verdränge. Sie sei nach wenigen Wochen bereits zur Arbeit erschienen, als würde sie sich ablenken wollen. Die Auszubildende habe ihr gesagt, dass sie keine Erklärung dafür habe, warum sie ihrem Ex-Freund geholfen habe. Die Tat wirke noch immer "irrational" auf sie, so als ob die Eltern nur im Urlaub seien und irgendwann zurückkehrten. Es scheint so, als sei das Erlebte für Cornelia R. zu schlimm, um wahr zu sein.

Die Arbeitgeberin erinnerte sich an Gespräche mit Cornelia R.s Mutter über Christoph W., der die Jugendliche mehrfach geschlagen haben soll. Einmal habe er sie von der Arbeit abgeholt, vom Auto aus beobachtet, wie sie länger mit einem Kunden sprach. Als sie zu ihm ins Auto gestiegen sei, habe er ihr rechts und links eine gescheuert. Auch soll er ihr konkrete Anweisungen gegeben haben, wie sie sich zu kleiden habe.

Cornelia R. wurde bereits im Dezember vergangenen Jahres zu einer sechsmonatigen Jugendstrafe auf Bewährung wegen versuchter Strafvereitelung verurteilt. Sie hat umfassend Berufung eingelegt. Dadurch ist das Urteil noch nicht rechtskräftig und Cornelia R. hätte am Donnerstag im Prozess gegen ihren Ex-Freund von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen können.

Doch sie erschien erst gar nicht. Durch die gesamten Vorgänge sei sie noch immer stark traumatisiert, sagte ihr Anwalt Robert Alavi. Am Donnerstag ging bei den Justizbehörden ein Fax ein mit einem Attest. Demnach hat Cornelia R.s Hausarzt eine erhebliche seelische Belastung festgestellt. Eine direkte Konfrontation mit dem Angeklagten sei deshalb im Gerichtssaal zu vermeiden.



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