Doppelmord-Prozess Das Deckmäntelchen namens Ehre

Erol P. misshandelte und unterdrückte seine Frau, bis sie sich scheiden ließ. Als das Sorgerecht für die drei Kinder verhandelt werden sollte, griff der Türke zur Waffe - um seine "Ehre" zu retten. Er erschoss Ex-Frau und Tochter auf offener Straße. Nun steht er vor Gericht.

Mönchengladbach - Den kahl rasierten Kopf gesenkt betritt Erol P. den Saal A 100 des Landgerichts Mönchengladbach. Nur selten sucht er den Blick zu seinen Verwandten, die in langen Mänteln und mit Kopftüchern zum Prozessauftakt aufmarschiert sind.

Ihm gegenüber sitzt im schwarzen Hosenanzug, die blond gefärbten Haare hochgesteckt, die Schwester seiner Ex-Frau Rukiye, die er kaltblütig getötet hat. Als ihr Schwager in Handschellen hereingeführt wird, nimmt sie die verspiegelte Brille ab. "Sie hat große Angst vor Erol P.", sagt ihre Anwältin, Gülsen Celebi, SPIEGEL ONLINE. "Und gleichzeitig ist sie die einzige, die sagt, dass sie ihm an allen Verhandlungstagen gegenüber sitzen und ihn dabei ansehen will." Erol P., der sowohl die niederländische als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, ist des zweifachen Mordes und des versuchten Mordes angeklagt.

Der 39-Jährige lauerte laut Anklage am 9. März dieses Jahres seiner Ex-Frau und den drei gemeinsamen Kindern im Alter von neun, zwölf und 18 Jahren vor deren Wohnung in Mönchengladbach auf. Sie sahen ihn in seinem Auto sitzen, wie er es oft in letzter Zeit getan hatte, um sie einzuschüchtern. Eiligst liefen sie zu dem Mehrfamilienhaus, als Erol P. auf sie zustürmt. Mit einer Pistole Luger 9 Millimeter, so haben es die Ermittler rekonstruiert, schießt er auf Rukiye P. Die 38-Jährige fällt zu Boden. Er setzt einen Fuß auf ihren Oberkörper und feuert ihr zwei Mal direkt in den Kopf - die Staatsanwaltschaft wertet das als ein Zeichen "übersteigerten Geltungs- und Machtdrangs".

Dann schießt er laut Anklage auf seinen zwölfjährigen Sohn Orkan, der hinter ein Auto vor dem Haus flüchten kann. Seine neunjährige Schwester versteckt sich im Hausflur. Erol P. rennt zurück auf den Bürgersteig zu seiner Tochter Derya. Die 18-Jährige tippt noch die 110 in ihr Handy.

Ihr Vater packt sie an den Haaren und schießt ihr aus nächster Nähe zwei Mal in den Kopf. Rukiye P. stirbt noch am Tatort, ihre Tochter im Rettungshubschrauber auf dem Weg in die Notaufnahme. Nach einem kurzen Fluchtversuch stellt sich Erol P. nach einer Stunde der Polizei.

"Er fühlte sich verletzt und gedemütigt"

Der Tat ging am selben Tag eine gerichtliche Verhandlung voraus: Ein Familienrichter sollte das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder klären. Er habe die Tat aus Wut begangen, "weil keine Einigung erzielt worden war und er die Kinder nicht seiner Ex-Frau überlassen wollte", erklärten die Staatsanwälte heute vor Gericht. Sie streben neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe unter Feststellung der besonderen Schuld eine zusätzliche Sicherungsverwahrung des Angeklagten an.

Rechtsanwältin Celebi bezeichnet die Tat als "Mord wegen falsch verstandener Ehre". "Er nahm die Scheidung und den Streit ums Sorgerecht sehr persönlich und fühlte sich aufgrund seiner traditionell geprägten Moral- und Ehrvorstellungen durch das gesamte Verfahren und das Verhalten seiner Ex-Frau verletzt und gedemütigt." Der Mord sei die letzte Möglichkeit gewesen, seinem "falsch verstandenen Ehrbedürfnis Geltung zu verschaffen".

Seine beiden Verteidiger, Rainer Pohlen und Gerd Meister, verwiesen dagegen auf den gesundheitlichen Zustand ihres Mandanten: Erol P. sei seit Jahren in psychiatrischer Behandlung, wegen eines Suizidversuchs sei er im Jahr 2000 sogar eingewiesen worden. "Nach mehreren Zeugenaussagen hat er wochen-, monatelang Tag und Nacht im Auto vor dem Haus seiner Familie verbracht", erklärte Pohlen. Erol P. habe sich auch sonst psychisch auffällig verhalten. Er habe im Affekt getötet und sei nur vermindert schuldfähig. Doch einer Begutachtung hatte sich Erol P. in der Haft ebenso strikt verweigert wie dem Vorschlag, ein Geständnis abzulegen. Der Vorsitzende Richter Lothar Beckers appellierte noch einmal eindringlich an Erol P., beides zu überdenken - auch um seinen Kindern und anderen Angehörigen eine Aussage vor Gericht zu ersparen. "Solche Zeugenaussagen führen zu sekundären Traumatisierungen", so Beckers.

Die Verteidigung will sich nun mit Erol P. beraten - und ihn zu einer Begutachtung und einer Aussage überreden. Warum erst jetzt, wenn sie selbst von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgeht? "Das ist die Taktik der Verteidigung", sagte Meister. "Wir sind nicht dazu verpflichtet, dem Gericht zu dienen. Wir können sogar am letzten Tag noch neue Anträge stellen - und wir werden unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen." Er erwarte "juristisch einen sehr spannenden Prozess". Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen war das Verfahren eröffnet, Besucher zwei Mal kontrolliert worden.

"Morde hätten verhindert werden können"

"Diese Morde hätten verhindert werden können" - ein Satz, den seit dem 9. März viele gesagt haben. Auch die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter. Denn der in den Niederlanden gemeldete Türke war schon seit dem 15. Februar 2007 per Haftbefehl gesucht worden - also Wochen vor der Bluttat. Der Vorwurf damals: Der 39-Jährige soll seine Schwägerin vergewaltigt haben.

Heute erinnert sich Rechtsanwältin Celebi mit Grauen an den 9. März, den Tag der Morde: "Wir hatten nicht damit gerechnet, dass er vor Gericht erscheint, weil wir gehört hatten, er sei in Holland", sagt Celebi. Doch Erol P. erschien im Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt, wo ein Familienrichter das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder regeln sollte.

Die Verhandlung hätte einen Schlusspunkt unter eine misslungene Beziehung setzen sollen, vor allem für die inzwischen völlig verängstigte Rukiye P. Ihre Ehe mit Erol P. war in der Türkei von den Eltern und Verwandten arrangiert worden, als sie 15 Jahre alt war. Es hatte Rukiye P. große Überwindung gekostet, sich vor vier Jahren von ihrem brutalen Ehemann zu trennen. Sie ahnte wohl, dass er ihr das Leben zur Hölle machen wird. Und er tat es. Mit Gewalt zwang er sie, weiterhin mit ihm zusammenzuleben. Seit Juni 2006 dann lebte sie endlich allein mit den Kindern. Aber er verfolgte sie, manchmal rund um die Uhr, fing sie ab, bedrängte sie, schlug auf sie ein. Immer wieder suchte die 38-Jährige Schutz in Frauenhäusern.

Trotz Haftbefehl lässt der Richter Erol P. gehen

In der Sorgerechtsverhandlung habe Erol P. ruhig im Gerichtssaal gesessen, erinnert sich die Düsseldorfer Juristin. "Er machte fast einen seriösen Eindruck." Offenbar gab er sich Mühe, denn neben dem Sorgerecht ging es auch um das Gewaltschutzgesetz. "Wir haben den Antrag gestellt, dass er sich meiner Mandantin nicht auf 500 Meter nähern, sie nicht mehr anrufen darf und vor allem aufhören soll, sie zu beschimpfen und zu schlagen. Das volle Programm eben", so Celebi.

Die Familienrechtlerin legte dem Richter vor Beginn der Anhörung ein Schreiben vor, das belegte, dass gegen Erol P. ein Strafverfahren lief und er per Haftbefehl gesucht wurde. Der Richter versuchte, die Staatsanwaltschaft zu informieren. Doch die zuständige Staatsanwältin war in einer Sitzung. Eine Vertretung bestätigte ihm den Haftbefehl und versprach, die Polizei zu alarmieren. Um 10.30 Uhr eröffnete der Richter die Sitzung. Um 11.30 Uhr verkündete der Richter, am 23. März werde er das Urteil sprechen. Die Polizei war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen.

Rukiye P. und ihre Anwältin gingen schließlich davon aus, dass die Polizei draußen auf Erol P. warten würde, "um den Kindern den Anblick zu ersparen, wie ihr Vater verhaftet wird". Umso größer war ihre Verwunderung darüber, dass er vor dem Justizgebäude in seinen Wagen stieg und davon brauste - als freier Mann.

Gülsen Celebi begleitete daraufhin ihre eingeschüchterte Mandantin zu deren Auto und riet ihr, sofort die Polizei zu rufen, sollte Erol P. vor ihrer Wohnung auftauchen. Rukiye P. lud die Juristin noch auf einen Kaffee zu sich nach Hause ein, doch diese lehnte wegen anschließender Termine ab - es rettete ihr vielleicht das Leben.

Bis zum Ende stolz darauf, die Ex-Frau ermordet zu haben

Dass Rukiye auch Opfer eines Justizskandals ist, wird im Prozess jedoch kein Thema sein. "Das Verfahren wurde eingestellt. Angeblich soll es noch ein Disziplinarverfahren geben - aber wer weiß", sagt Celebi und zieht die Augenbrauen hoch. Die 35-jährige Anwältin vertritt in erster Linie muslimische Frauen. "Ich habe tagtäglich mit gewalttätigen Ehemännern zu tun", sagt Celebi und hofft, dass der "Ehrenmord" von Mönchengladbach den Fokus auf die Frauen lenkt, die ihrer Freiheit beraubt werden und keine Stimme haben. In Schulen, Behörden und Moscheen müsse die Aufklärung über Zwangsheirat, Beschneidung und die gesellschaftliche Ausgrenzung mancher Frauen verbessert werden. "Jeder sollte erfahren, was eine traditionelle Erziehung für junge islamische Mädchen und Frauen bedeutet." Die wenigsten von ihnen können sich alleine aus der Unterdrückung und Demütigung befreien.

Zuletzt hatte ein "Ehrenmord" in München für Fassungslosigkeit gesorgt: Kazim M. hatte wenige Stunden nach der Scheidung seine Ex-Frau Sazan bei lebendigem Leib mit Benzin übergossen und angezündet. Stolz auf seine Tat und ohne einen Funken Reue betonte der 36-jährige Iraker wieder und wieder: "Sie hat es verdient." Er würde es jederzeit wieder tun. Erol P. habe nach dem Mord an seiner Ex-Frau und seiner Tochter ebenfalls keine Reue gezeigt, sagt Celebi.

Ehrenmorde in Deutschland