Doppelmord-Prozess "Seine Blicke waren fürchterlich"

Der Türke Erol P. hat Frau und Tochter erschossen. Heute gestand er dies überraschend - ein "Ehrenmord", der sich hätte verhindern lassen können. Gegen P. lag ein Haftbefehl vor. Trotzdem konnte er vor der Tat unbehelligt einem Gerichtstermin beiwohnen. Ein Justizskandal ohne Folgen.

Von Nina Magoley


Mönchengladbach - Der heutige Prozesstag im Verfahren gegen Erol P. begann mit einem überraschenden Geständnis. "Ich habe das Schrecklichste getan, was man tun konnte", sagte der Angeklagte, der bislang beharrlich geschwiegen hatte. "Ich habe meine Frau und meine Tochter erschossen." Die Ehe sei eine Zwangsheirat gewesen, arrangiert von seiner türkischen Familie. Der 39-Jährige kündigte an, sich nun auch psychiatrisch begutachten zu lassen.

Doch welches Urteil am Ende auch über Erol P. gesprochen werden mag - fest steht, dass der Doppelmord an Rukiye P. und ihrer Tochter hätte verhindert werden können.

Rückblick: Es sieht nach Regen aus an diesem grauen Frühlingsmorgen des 9. März 2007. Kläglich hockt Rukiye P. auf ihrem Stuhl im Verhandlungsraum 112 des Familiengerichts Mönchengladbach-Rheydt. Sie weint. Ihr gegenüber sitzt der Mann, der sie seit über zwei Jahren tyrannisiert, verfolgt, der gedroht hat, sie umzubringen: Erol P., 39, Rukiyes Ehemann und Vater der gemeinsamen drei Kinder. Erol P. ist wütend. Er darf sich, das hat der Richter gerade verkündet, seiner Familie in Zukunft nicht auf weniger als 500 Meter nähern. "Seine Blicke waren fürchterlich", wird Rukiye P.s Anwältin sich später erinnern, "wir hatten alle Angst".

Rukiye P. hat ihren Ehemann vor zweieinhalb Jahren verlassen. Mit den drei Kindern flüchtete sie vor ihm und seiner Brutalität, suchte Schutz in Frauenhäusern, verbrachte unzählige Nächte in panischer Angst hinter dem Küchenfenster, wenn Erol P. zwölf Stunden lang auf der Straße vor dem Haus im Auto saß. Viele Male rief die 38-Jährige verzweifelt die Polizei, meistens vergeblich.

Doch es gibt Hoffnung für Rukiye P., der in Holland aufgewachsene Erol P. wird per Haftbefehl gesucht. Er soll die Schwester seiner Frau vergewaltigt haben. Jetzt sitzt er hier im Gerichtssaal - der Richter könnte ihn festnehmen lassen. Kurz vor Beginn der Verhandlung hatte Rukiye P.s Anwältin, Gülsen Celebi, ihm ein Schreiben gezeigt, das den Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach bestätigt. Auf ihr Drängen war der Richter schließlich zum Telefon gegangen, um die Kollegen in der Staatsanwaltschaft darüber zu informieren, dass der gesuchte mutmaßliche Gewalttäter vor ihm sitze. Doch die zuständige Staatsanwältin war gerade in einer Sitzung. Eine Mitarbeiterin hatte die Information entgegengenommen und, wie sich später rekonstruieren ließ, kurz darauf ihre Vorgesetzte benachrichtigt.

"Die grausame Tat hätte verhindert werden können"

Um 11.20 Uhr ist die Verhandlung um das Sorgerecht der Kinder beendet. Die Anwesenden erheben sich. "Ich war mir sicher, dass vor der Tür die Polizei auf Erol P. wartet", erzählt Anwältin Celebi. Doch nichts geschieht. Unbehelligt läuft Erol P. die Stufen des Gerichtsgebäudes hinab, steigt in sein Auto, fährt davon. Auch seine Ehefrau macht sich zusammen mit ihren drei Kindern auf den Heimweg.

Minuten später sind Rukiye P. und die 19-jährige Tochter Derya tot. Nach Auffassung der Ermittler erschossen von Erol P., der vor der Haustür bereits auf sie wartet, als die Mutter mit den drei Kindern im Auto in die ruhige Wohnstraße einbiegt. Als sie aussteigen, habe Vater Erol seine Pistole direkt auf den Kopf seiner Frau gerichtet, abgedrückt und dann die Tochter erschossen. Der zwölfjährige Sohn kann sich gerade noch hinter dem Auto in Sicherheit bringen. Er und die zehnjährige Schwester müssen zusehen, wie ihre Mutter und die ältere Schwester am Boden verbluten. Der Mörder rast in seinem Auto davon. Eine Stunde später stellt er sich der Polizei im niederrheinischen Viersen.

In einer Sondersitzung des Landtags rekonstruiert NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) zwei Wochen später detailliert den Ablauf der Pannen an diesem Morgen. Die Information sei bei der Staatsanwaltschaft "tatsächlich steckengeblieben", wird der Sprecher des Landgerichts Mönchengladbach im Lauf der nächsten Tage der Presse gegenüber sagen. "Die grausame Tat hätte verhindert werden können", ruft Justizministerin Müller-Piepenkötter schließlich in den Plenarsaal des Landtags. Da ist aus dem Doppelmord längst ein politischer Skandal geworden.

Rücktrittsforderungen an die Ministerin sind zu hören, und diese verspricht zu prüfen, "wem in diesem Zusammenhang Versäumnisse vorzuwerfen sind". Warum Erol P. nicht verhaftet wurde, soll schließlich eine neutrale Instanz untersuchen. Die Staatsanwaltschaft in Krefeld bekommt den Auftrag.



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