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18. September 2012, 17:21 Uhr

Rechtsextremismus

Neonazis in neuem Gewand

Von , Düsseldorf

Drei Wochen nach dem Verbot ihrer Kameradschaften gründen führende Neonazis aus Nordrhein-Westfalen eine neue Organisation. "Die Rechte" will nach eigenen Angaben das "enorme Potential" im Westen ausschöpfen.

Der Dortmunder Stadtteil Dorstfeld ist eine Gegend von eher herbem Charme. Kneipen, Spielhallen und Discounter bestimmen die Szenerie, jedenfalls auf dem Wilhelmplatz, der lange Zeit als Zentrum der örtlichen Rechten galt. Mit Aufklebern, "Spuckis" genannt, markierten die Neonazis hier ihr Revier und sagten jedem Demokraten den Kampf an: "Dortmund ist unsere Stadt."

Die Rechtsextremisten gerierten sich als Platzhirsche auf den Straßen der Stadt, so unverhohlen, dass sich selbst Szeneaussteiger später darüber wunderten, wie sie sich über Jahre hatten aufführen können. Doch der neue Dortmunder Polizeipräsident Norbert Wesseler und der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) machten dem Treiben schließlich ein vorläufiges Ende, vor drei Wochen verboten die Behörden sowohl den "Nationalen Widerstand" um Dennis Giemsch als auch die Kameradschaft im benachbarten Hamm um Sascha Krolzig.

Inzwischen aber haben sich die Führungsfiguren der beiden geschlossenen Gesellschaften in neuer Konstellation zusammengefunden. Am Wochenende gründeten die Extremisten in Dortmund-Dorstfeld den nordrhein-westfälischen Ableger der Gruppierung "Die Rechte". Dabei fungiert Giemsch nun als Landesvorsitzender, Jurastudent Krolzig soll laut Pressemitteilung auf "juristische Fragen eine Antwort finden". Zum Ziel setzen sie es sich demnach, das angeblich "enorme Potential im Rheinland und Westfalen" auszuschöpfen.

Die Frage aber ist, ob man sie lässt. In den Verbotsverfügungen gegen die rechtsextremen Zusammenschlüsse hatte das Düsseldorfer Innenministerium den Betroffenen zugleich untersagt, "Ersatzorganisationen zu bilden". Deswegen werden die Behörden nun prüfen müssen, ob es sich bei der "Rechte"-Filiale in Dortmund um eine solche Nachfolgetruppe handelt.

Der NPD Konkurrenz machen

"Die Rechte" ist eine Erfindung des bekannten Neonazis Christian Worch, der für seine Gruppierung beim Bundeswahlleiter eine offizielle Registrierung beantragt hat und mit ihr am äußersten rechten Rand der NPD Konkurrenz machen will. Die Gründung ging lautlos vonstatten. Schon am Pfingstsonntag sollen sich Gesinnungsgenossen in Hamburg zum ersten Parteitag getroffen haben, "in kleinem, geschlossenen Rahmen", wie es hieß.

In einer Gründungserklärung war die Rede davon, dass die Partei "nicht unwesentlich auf den Trümmern der DVU aufbaut". Selbst das Programm sei von der alten DVU übernommen, "in etlichen Punkten allerdings sprachlich wie inhaltlich modernisiert und ergänzt", so Worch seinerzeit. "Die Rechte" solle "radikaler als die REPs und die Pro-Bewegung" sein, aber "weniger radikal als die NPD".

Doch das zu glauben, fällt schwer. Seit mehr als 35 Jahren ist Worch in der Szene aktiv, 1989 gründete er etwa die "Nationale Liste" mit, die 1995 verboten wurde. Die 1983 geschlossene "Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationaler Aktivisten" hatte er 1977 gemeinsam mit dem bereits verstorbenen Neonazi Michael Kühnen aufgebaut. Mehrere Jahre saß er wegen seiner Aktivitäten in Haft. Zu den Dortmunder Kadern um Dennis Giemsch pflegt Worch seit geraumer Zeit intensiven Kontakt und trat wiederholt bei deren Aktionen auf.

"Autonome Nationalisten"

Giemsch, der im Internet mit Szeneartikeln handelt, zuletzt in einem aufwendigen Verfahren von dem Vorwurf des Landfriedensbruchs freigesprochen wurde und wegen seines unauffälligen Äußeren auch als Student der Zahnmedizin durchginge, hat im östlichen Ruhrgebiet das Modell der "Autonomen Nationalisten" (AN) populär gemacht. Dabei handelt es sich laut Verfassungsschutz zumeist um junge Neonazis, die in Auftreten und Aktionsformen bewusst auf das Vorbild der politisch linken autonomen Bewegung zurückgreifen. Der klassische Skinhead-Stil gilt ihnen als überholt, sie tragen Kapuzenpullover, schwarze Baseball-Kappen, Palästinensertücher und Sonnenbrillen - Glatze und Springerstiefel sind out.

In einem aktuellen Internetfilmchen mit dem Titel "Der Widerstand ist eine Hydra" führen die Rechten daher nicht nur ihre dunklen Anoraks vor und beweisen, dass sie mit bengalischem Feuer umgehen können. Nein, sie marschieren auch hinter einem Banner mit der bezeichnenden Aufschrift: "Verboten - na und?" Die Sprecherin des Dortmunder Antifa-Bündnisses ist daher überzeugt: "Verbote alleine werden die Neonazis nicht kleinkriegen. Antifaschistisches Engagement wird daher jetzt nicht weniger gebraucht als vor dem Vereinsverbot."

Die Nationalisten skandieren in dem Video übrigens auch folgende Parole: "Trotz Verbot sind wir nicht tot."

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