Drama von Amstetten Fritzl gab sich am Telefon als seine Tochter aus

Telefonanruf mit verstellter Stimme, fingierte Briefe, ein schalldichtes Verlies für seine Gefangenen: Keine Tricks ließ Josef Fritzl aus, um sein Verbrechen auszuführen. Selbst erfahrene Ermittler sind erschüttert - es scheint, als sei der 73-Jährige stolz auf seine Cleverness.

Der Begriff "kriminelle Energie" bekommt eine neue Dimension, wenn man sich die perfiden Tricks und Methoden anschaut, mit denen Josef Fritzl sein ungeheures Verbrechen durchführte, seine Spuren verwischte.

Josef Fritzl hatte die Gefangennahme seiner Tochter Elisabeth, die er 24 Jahre im Kellerverlies einkerkerte, perfekt eingefädelt - und gratulierte sich selbst nach seiner Festnahme dazu, wie er alle ausgetrickst habe:

Drei der mit seiner eigenen Tochter gezeugten Kinder legt Fritzl im Lauf der Jahre bei sich vor die Haustür, gaukelt dann seinem Umfeld vor, die vermeintlich von zu Hause durchgebrannte Elisabeth, die in die Hände einer Sekte geraten sei, habe sich der Babys entledigen wollen.

Damit diese List noch authentischer wirkt, ruft er selbst an einem Herbsttag im Jahr 1994 seine Frau Rosemarie an. Mit verstellter Stimme spricht er in den Hörer: "Ich bin’s. Sei mir bitte nicht böse. Ich kann dir aber leider nicht sagen, wo ich bin. Bitte kümmert euch um mein Baby. Ich hab’s euch gerade vor die Tür gelegt." Klick. Ohne dass die Mutter weitere Fragen stellen kann, ist die Leitung tot.

Rosemarie Fritzl hat die Stimme ihrer Tochter zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zehn Jahren nicht gehört. Das Gespräch ist zu kurz, um die Stimme genau zu hören - außerdem ist die damals 55-Jährige auf den Anruf nicht vorbereitet. Stutzig wird Rosemarie Fritzl trotzdem. Der neue Telefonanschluss ist erst wenige Tage alt. Woher hat die verschollene Tochter auf einmal diese Nummer?

Tatsächlich liegt vor der Tür ein Baby. Rosemarie und Josef Fritzl melden das der Polizei - und Rosemarie Fritzl betont auf dem Revier, dass die Stimme "irgendwie merkwürdig" klang und dass ihr Anschluss "ganz neu" sei. Die Polizei legt einen Aktenvermerk an.

Seit Josef Fritzls Festnahme ist nun sicher: Der Anrufer war ihr eigener Mann, Vater ihrer Tochter Elisabeth und Vater des kleinen Findelkindes. Er selbst gab sich als die vermisste Tochter aus.

Selbstsicher habe Josef Fritzl dieses Detail in seinem sonst spärlichen Geständnis am Montag betont, sagt Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, SPIEGEL ONLINE. "Er war sehr stolz darauf, wie ausgefuchst er ist." Polzer kann nur schwer verbergen, dass er das für eine widerliche Geschmacklosigkeit hält. Rosemarie Fritzl habe damals sofort realisiert, dass es sich um "eine eigenwillig weibliche Stimme" handele, sie habe gezweifelt, dass es die Stimme ihrer Tochter ist - "und ihr eigener Mann brüstet sich damit".

Das ist doppelt dreist, weil Josef Fritzl ansonsten sehr wortkarg ist, was sein Verbrechen angeht. "Er ist in wesentlichen Teilen geständig. Mehr aber nicht", sagt Polzer. Nach Angaben von Staatsanwalt Gerhard Sedlacek ist Josef Fritzl "nicht bereit, weitere Aussagen zu machen".

Erfahrene Ermittler vermuten, dass sich Fritzl auch in Zukunft nicht mehr zu den Vorwürfen äußern wird. Zwei österreichische Promi-Anwälte, die ihm zur Seite sprangen, werden ihm nichts Anderes empfehlen.

Was wäre passiert, wenn ihm etwas zugestoßen wäre?

So bleibt es den Ermittlern überlassen, ihm seine Taten en detail nachzuweisen und zu prüfen: Hätten sich die Gefangenen tatsächlich alleine befreien können, wäre Fritzl - etwa auf einer seiner Urlaubsreisen - etwas zugestoßen? Was wäre passiert, wenn der Strom ausgefallen wäre? Hätten seine Kinder trotz ausgeschaltetem Ventilator und Abluftsystem hinter den dicken Kellermauern überleben können?

Mehr als hundert Personen haben während der 24 Jahre von Elisabeth Fritzls Gefangenschaft in dem Mehrfamilienhaus in der Amstettener Ybbsstraße gelebt. "Wir wollen alle befragen, auch wenn sie nur kurz dort wohnten", sagt ein Ermittler.

Sie müssen auch herausfinden: Wie sah Josef Fritzls Leben unter Tage aus? Wie das zwei Stockwerke darüber? Die Spurensicherer arbeiten rund um die Uhr. 15 Beamte der Mordkommission sind nur für diesen Fall abgestellt. Sie müssen überprüfen, wo sich Josef Fritzl wann, in welchem österreichischen Bundesland und wie lange dort aufgehalten hat. "Dieser Mann ist sehr aktiv durchs Leben gegangen", sagt Polzer. "Viele Fragen sind noch offen."

Fest steht: Josef Fritzl ging akribisch vor. So arbeitete er beim Bau des Verlieses größtenteils mit einem Schaum, um eine effiziente Schalldichtung zu erzeugen. "Wir haben unfassbare Geräuschproben unternommen", erzählt Polzer. "Man hat keinen Piep draußen gehört."

Zudem musste man fünf Räume passieren, um zu dem Gefängniseingang zu gelangen, der sich in einer kleinen Werkstätte befindet. "Das Regal musste man teilweise erst abrüsten, um es verschieben zu können", sagt Franz Pucher, Sicherheitsdirektor für Niederösterreich. Die Brandschutztür - gerade einmal einen Meter hoch und 60 Zentimeter breit - habe Josef Fritzl vor Ort mit Beton verkleidet, wodurch sie extrem schwer wurde. "Es war also nicht so, dass er sie alleine in den Keller gewuchtet und dort installiert hat." Ein weiteres Indiz dafür, dass Josef Fritzl ein "Einzeltäter" sei, betont Polzer. Zudem habe man weder biologische noch technische Spuren gefunden, die für einen Mittäter oder Mitwisser sprechen.

"Josef Fritzl hatte ein übersteigertes Sexualbedürfnis"

"Türen spielen eine große Rolle bei diesem Verbrechen", so Polzer. Jeder der fünf Durchgänge vor dem Gefängniseingang sei abschließbar gewesen, ebenso wie die wenigen Türen innerhalb des Verlieses. Die Gründe dafür - man möchte sie nicht wissen.

Fest steht auch: "Dieses Verbrechen ist definitiv sexuell motiviert. Josef Fritzl hatte ein übersteigertes Sexualbedürfnis", sagt Polzer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Was Elisabeth Fritzl während der 24 Jahre ertragen und über sich ergehen lassen musste, bleibt geheim. Die 42-Jährige, die als Folge ihrer Gefangenschaft viel älter aussieht, hat der Polizei lediglich zwei Stunden lang Einblick in ihr Leben als Leibeigene gegeben. Wie sich Josef Fritzl gegenüber den Kindern verhielt, ob die den Missbrauch an der Mutter miterleben mussten und ob Elisabeth Fritzl alleine oder mit der Hilfe ihres Vaters die sieben Kinder gebar - das soll die Öffentlichkeit nie erfahren.

Medizinisch belegt ist nur, dass sich Josef Fritzl ausschließlich an seiner Tochter verging - seit deren zwölftem Lebensjahr.

Noch ist unklar, ob die Kinder überhaupt wissen, dass Josef Fritzl ihr Vater und Großvater zugleich ist. "Wir haben mit den Kindern überhaupt noch nicht gesprochen und haben es auch nicht vor", sagt ein Ermittler. "Für unsere Ermittlungen wäre es zwar hilfreich, aber das Wohl der Kinder steht absolut im Vordergrund."

Das gilt auch für die sechs Kinder, die Josef Fritzl mit seiner Ehefrau Rosemarie hat: "Das sind allesamt erwachsene Menschen mit eigenen Familien", sagt Polzer bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in die Mikrofone englischer, schwedischer, tschechischer, amerikanischer und französischer Journalisten.

"Gegen sie gibt es keinerlei Verdachtsmomente, an der Tat beteiligt oder eingeweiht gewesen zu sein. Sie haben mit diesem Verbrechen nichts zu tun."

Ihr Leben wird dennoch nicht mehr so sein wie vor dem 26. April 2008.

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