Drei Tote in Rüsselsheim Erste Festnahmen nach Eisdielen-Schießerei

Keiner beachtete sie, bis sie das Feuer eröffneten: Vier Männer stürmten eine italienische Eisdiele in Rüsselsheim, sie erschossen drei Menschen - und flohen dann durch die Fußgängerzone. Die Polizei hat nun zwei Personen festnehmen können.

Aus Rüsselsheim berichtet


Rüsselsheim - Bis zu 200 Polizeibeamte, außerdem Hubschrauber und Hunde waren die ganze Nacht im Einsatz. Sie suchten nach den vier Männern, die am Dienstagabend gegen 20 Uhr mitten in der Rüsselsheimer Fußgängerzone zwischen Grabenstraße und Bahnhofstraße ein Blutbad angerichtet hatten.

Am Mittwochvormittag dann sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt, es seien zwei Personen festgenommen worden. Details sollten um 15 Uhr auf einer Pressekonferenz in Wiesbaden bekanntgegeben werden.

Die Tat, der nach Augenzeugenberichten eine Prügelei vorausgegangen war, ereignete sich vor der italienischen Eisdiele De Rocco, einem beliebten Café im Kreis Groß-Gerau. Vier Unbekannte, die Augenzeugen als südländischaussehend beschrieben, attackierten völlig überraschend drei Männer, feuerten auf sie mehrere Schüsse ab. Zwei Opfer starben, einer von ihnen auf dem Weg ins Krankenhaus.

Eine Frau, die in einem benachbarten griechischen Lokal saß, wurde bei dem Schusswechsel von einem Querschläger in den Bauch getroffen, als einer der Überfallenen wegzulaufen versuchte. Die etwa 50-Jährige starb noch am Tatort.

Ging es um Wettschulden?

Bei dem weiblichen Opfer soll es sich um die Mitinhaberin der griechischen Gaststätte handeln, die direkt neben dem Eiscafé liegt. Die Frau soll zusammen mit der Schwester ihrer Schwiegertochter zum Beginn der Auseinandersetzung zwischen den Tätern und den Angegriffenen in dem Eisladen gewesen sein, berichtete eine Augenzeugin.

Als der Streit eskaliert sei, hätten die beiden Frauen das Café verlassen. Auf dem Weg in das Lokal nebenan soll die Frau von einem der angeschossenen Männer zu Boden gerissen worden sein. Anschließend habe einer der Täter auf die beiden Liegenden geschossen.

Angaben mehrerer Anwohner zufolge soll es bei dem Streit um Wettschulden gegangen sein. Eines der Opfer soll ein Wettbüro betreiben und angeblich Wettgewinne an einen der Täter nicht ausbezahlt haben. Ermittler wollten das auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bislang ebenso wenig bestätigen wie Gerüchte, es habe sich um eine Familienfehde beziehungsweise eine eskalierte Schutzgelderpressung gehandelt.

Am Dienstagabend hatten die Beamten zunächst von vier Todesopfern gesprochen. Inzwischen teilte die Polizei jedoch mit, dass einer der Überfallenen schwer verletzt sei und in Lebensgefahr schwebe. Er werde nun schwer bewacht. Warum der Mann zunächst als tot gegolten habe, sei noch unklar, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts SPIEGEL ONLINE.

"Gerüst der Fakten sondieren"

Zur Identität oder Nationalität der Opfer äußerten sich die Behörden vorerst nicht. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE jedoch waren die Männer Türken, die Frau stammte aus Griechenland. "Wir sind gerade dabei, das grobe Gerüst der Fakten zu sondieren", so Staatsanwalt Neuber.

Bis tief in die Nacht sicherten Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen rund um die Eisdiele alle winzigen Partikel, die zur Aufklärung des Verbrechens beitragen könnten. ''Der Tatort wird noch immer sehr akribisch nach jeder kleinsten Spur abgesucht'', sagte ein Polizeisprecher.

Blaue Plastikplanen verbargen die Leichen vor den neugierigen Blicken Hunderter Schaulustiger. Schnell hatte sich die Nachricht der Schießerei in der 59.000-Einwohner-Stadt herumgesprochen. "Wir mussten die Leute regelrecht überreden, den Tatort zu verlassen", so der Sprecher. Notfallseelsorger und das Technische Hilfswerk kümmerten sich um diejenigen, die unfreiwillig Augenzeugen der Schießerei wurden.

Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Nach ersten Erkenntnissen gebe es keine Hinweise auf ein Verbrechen der Mafia, sagte der Polizeisprecher. Die Verbindungen zwischen Tätern und Opfer lägen noch im Dunklen. Es habe vorher weder eine Auseinandersetzung gegeben noch seien die Attackierten bewaffnet gewesen. Auch sei unklar, ob der Tatort vor dem italienischen Lokal Zufall war.

Das Landeskriminalamt in Wiesbaden übernahm die Ermittlungen, gründete eine Sonderkommission und sucht nun Zeugen. Bis zu 200 Beamte bleiben vorerst in die Großfahndung eingebunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden noch Gesuchten bewaffnet und gefährlich sind.



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