Bundesnachrichtendienst Hinweis auf mutmaßlichen Dresden-Attentäter blieb liegen

Im Sommer 2019 erhielt der BND den Hinweis, dass ein Syrer nach der Haftentlassung einen Anschlag begehen will. Die sächsischen Behörden erreichte das erst jetzt – nach dem tödlichen Messerangriff von Dresden.
Verdächtiger al-H. H. 2018 vor Gericht in Dresden: Ermittler prüfen ein homosexuellenfeindliches Motiv

Verdächtiger al-H. H. 2018 vor Gericht in Dresden: Ermittler prüfen ein homosexuellenfeindliches Motiv

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Christian Essler / XCITEPRESS

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat 2019 einen brisanten Hinweis auf den mutmaßlichen Dresdner Messerattentäter Abdullah al-H. H. bekommen. Der Tipp blieb allerdings beim BND liegen. Die sächsischen Sicherheitsbehörden und der Verfassungsschutz erfuhren davon erst nach der Festnahme des Syrers, der im Oktober einen Mann getötet und einen weiteren verletzt haben soll.

Der Tipp stammt von einem ausländischen Geheimdienst und erreichte den BND im August 2019. Nach SPIEGEL-Informationen wies der Partnerdienst darin explizit darauf hin, dass Abdullah al-H. H. in Sachsen im Gefängnis sitze - und nach seiner Entlassung einen Anschlag verüben wolle. Der junge Syrer verbüßte damals eine rund dreijährige Haftstrafe, weil er sich eine Anleitung für ein Selbstmordattentat besorgt hatte.

In dem Hinweis des ausländischen Partners wurden auch eine Handvoll weitere mutmaßliche Islamisten genannt, mit denen der Syrer angeblich in Verbindung stehe. Darunter war eine Frau, die wie Abdullah al-H. H. in Dresden lebte und sich zum damaligen Zeitpunkt wegen Werbens um Unterstützer der Terrorgruppe IS vor Gericht verantworten musste. Zuerst hatten WDR, NDR und SZ über den beim BND liegen gebliebenen Hinweis berichtet.

In der Bundesregierung wird der Vorgang als Fehler bezeichnet. Ob sich allerdings die Einschätzung des 20-Jährigen wesentlich geändert hätte, wenn den sächsischen Behörden der Hinweis bekannt gewesen wäre, ist fraglich. Sie gingen selbst davon aus, dass von Abdullah al-H. H. nach der Haftentlassung eine Gefahr ausgehen würde. Im Juli 2020 ergab eine Einschätzung mithilfe des Prognoseinstruments Radar iTE die Risikostufe "hoch".

Nach seiner Entlassung Ende September musste der Syrer sich daher dreimal wöchentlich bei der Dresdner Polizei melden, Deradikalisierungsexperten des Violence Prevention Network betreuten ihn. Zeitweise observierte ihn der sächsische Verfassungsschutz.

Dennoch gelang es Abdullah al-H. H. offenbar, sich mehrere Messer zu kaufen und am Abend des 4. Oktober in der Dresdner Altstadt auf das Paar aus Nordrhein-Westfalen einzustechen. Erst 16 Tage nach der Tat wurde der mutmaßliche Attentäter festgenommen, am Schuh eines Opfers fanden die Ermittler seine DNA. Die Ermittler prüfen ein homosexuellenfeindliches Motiv. Bereits vor Jahren hatte al-H. H. in Chats Hass auf Schwule offenbart.