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Diebstahl in Dresden "Dann ist die Kunst für immer zerstört"

Kunstdiebe haben wertvolle Schätze aus dem Grünen Gewölbe in Dresden gestohlen. Immer wieder gelingen solche spektakulären Coups. Was treibt die Täter an - und wie setzen sie die Beute ab?

Am frühen Montagmorgen ist in Dresdens Schatzkammer Grünes Gewölbe eingebrochen worden. Im betroffenen Teil der wertvollen Sammlung befinden sich Juwelengarnituren und Kunstobjekte. Laut Innenminister Roland Wöller (CDU) wurden "Kunstschätze von unermesslichem Wert" gestohlen. Wer könnte hinter dem Raub stecken? Und was stellen die Täter mit ihrer Beute an? Fragen an Arthur Brand.

Zur Person
Foto: John Thys/ AFP

Arthur Brand, Jahrgang 1969, ist ein bekannter Kunstdetektiv. Der Niederländer hat bislang rund 200 gestohlene Kunstwerke aufgespürt. Mitte November erhielt er viel Aufmerksamkeit für die Wiederentdeckung eines Goldrings des Schriftstellers Oscar Wilde, der vor 17 Jahren im britischen Oxford entwendet worden war.

SPIEGEL: Herr Brand, warum werden historische Kunstwerke gestohlen? Was lässt sich mit der Beute anstellen?

Arthur Brand: Normalerweise kann man zwei Typen von Kunstdieben unterscheiden. Es gibt zum einen Leute, die rauben ein Gemälde oder Schmuck mit der Überzeugung, dass es für diese Kunstwerke Käufer gibt. Aber die gibt es nicht. Wer würde etwas kaufen, das man weder seinen Freunden zeigen noch vererben kann? Sobald die Diebe merken, dass sie keinen Käufer finden, suchen sie nach Alternativen. Sie erpressen dann zum Beispiel die Versicherung. Diese Kunstdiebe sind vergleichsweise einfach zu überführen.

SPIEGEL: Wie geht der zweite Typ vor?

Brand: Viel schlimmer sind wirklich professionelle Räuber, die das Gold und das Silber umschmelzen oder die Diamanten herausarbeiten und separat verkaufen. Diese Täter wissen, dass die meisten Kunstwerke als Ganzes unverkäuflich sind, sich aber in ihre Bestandteile zerlegt zu Geld machen lassen. Doch sobald die Werke eingeschmolzen oder auseinandergebaut sind, ist die Kunst für immer zerstört und bleibt verschwunden. Deshalb kann man nur hoffen, dass es sich im Fall des Grünen Gewölbes um Diebe handelt, die Verkaufsversuche unternehmen und der Polizei so ins Netz gehen.

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Einbruch in Museum: Gold und Glitzer im Grünen Gewölbe

Foto: imago images

SPIEGEL: Wer steckt hinter solchen professionellen Taten?

Brand: Vor zwei Jahren wurde aus dem Berliner Bode-Museum eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro gestohlen. Die mutmaßlichen Täter waren Mitglieder einer arabischstämmigen Großfamilie. Sie wurden zwar gefasst, aber das Gold war zu diesem Zeitpunkt schon umgeschmolzen. Solche Diebe haben meist gute Kontakte zu korrupten Juwelieren. Und jeder Juwelier weiß, wie man Kunstwerke umschmelzen kann. Oft kalkulieren die Täter sogar ein, dass man ihnen auf die Schliche kommt. Dann werden sie verhaftet und werden zu zwei oder drei Jahren Gefängnis verurteilt. Aber sobald sie wieder freikommen, ist das Geld noch immer da.

SPIEGEL: Als Kunstdetektiv haben Sie schon oft Diebesgut wieder aufgespürt. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die gestohlenen Kunstwerke aus dem Grünen Gewölbe wieder auftauchen?

Brand: Im Fall des 2002 gestohlenen Goldrings von Oscar Wilde ging man mit großer Sicherheit davon aus, dass er noch im selben Jahr eingeschmolzen worden war. Das hat der Dieb, der gefasst werden konnte, auch so erklärt. Aber ich habe ihm nicht geglaubt, und nach 18 Jahren konnte ich den Ring ausfindig machen. Es gibt immer eine Chance, dass man Diebesgut auch nach langer Zeit wiederentdeckt. Handelt es sich allerdings um professionelle Diebe mit der Absicht, die Kunstwerke einzuschmelzen, kann man nur auf einen schnellen Ermittlungserfolg hoffen. Sonst sehen wir die Exponate nie wieder.

SPIEGEL: Immer wieder kommt es zu aufsehenerregenden Kunstdiebstählen. Müssen Museen besser gesichert werden?

Brand: Das ist eine Frage, die nach fast jedem dieser Fälle diskutiert wird. Natürlich muss es Sicherheitsvorkehrungen geben, und die gibt es ja auch. Aber in einem Museum sollen Menschen die Möglichkeit haben, Kunst zu betrachten, und dafür muss sie zugänglich sein. Selbst wenn man alle Objekte verstecken würde, könnte sich immer noch jemand mit einer Waffe Zutritt verschaffen. Man kann nie völlig ausschließen, dass so etwas passiert.

SPIEGEL: Sie haben durch ihre Arbeit viele professionelle Kunstdiebe kennengelernt. Haben Sie den Eindruck, dass hohe Sicherheitsvorkehrungen die Täter abschrecken?

Brand: Nein. Wirklich professionelle Diebe sehen es als eine Art Sport: Je komplizierter der Raub ist, desto mehr Befriedigung gibt es ihnen. Es gibt immer irgendwo eine Lücke, die man nutzen kann. Ich kenne einen der Männer, die 2002 in das Van-Gogh-Museum in Amsterdam eingebrochen sind und zwei Bilder geraubt haben. Dieser Dieb ist gerade auf jene Coups besonders stolz, von denen alle gesagt haben: Das ist doch gar nicht möglich.

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