Prozess gegen mutmaßliche Linksextremisten »Das ist ein Nazi, der hat es verdient«

Sie sollen Rechte gejagt haben – oder welche, die sie dafür hielten: Lina E. und drei Männer stehen vor Gericht. Nun sagte ein Opfer aus, das bei einem Angriff schwer verletzt wurde.
Aus Dresden berichtet Wiebke Ramm
Angeklagte Lina E. (verdeckt) mit ihrem Verteidiger Erkan Zünbül am 8. September 2021: Sie äußert sich nicht zu den Vorwürfen

Angeklagte Lina E. (verdeckt) mit ihrem Verteidiger Erkan Zünbül am 8. September 2021: Sie äußert sich nicht zu den Vorwürfen

Foto: JENS SCHLUETER / AFP

Die Angreifer hielten ihn offenbar für einen Neonazi. Seit den frühen Morgenstunden war Tobias N. am 8. Januar 2019 mit drei Kollegen in Leipzig-Connewitz unterwegs, einem linksalternativen Viertel der Stadt. Sie untersuchten die Kanalisation auf Schäden, reinigten eine Dachrinne. Gegen elf Uhr brachte Tobias N. eine Leiter zurück zu ihrem Dienstfahrzeug.

»Ich habe die Leiter am Lkw festgemacht, mich umgedreht, und in dem Moment stand jemand vor mir«, sagt Tobias N. am Dienstag als Zeuge vor dem Oberlandesgericht Dresden. Der Mann sei maskiert gewesen, habe ihn prüfend angeguckt, dann zugeschlagen. Der Faustschlag traf Tobias N. im Gesicht. Er sei zu Boden gegangen. Dann seien weitere Schläge von allen Seiten gekommen, weswegen Tobias N. von mehr als einem Täter ausgeht. Wahrgenommen hat er nur den einen, der plötzlich vor ihm stand.

Tobias N. ist 31 Jahre alt und kommt aus Sachsen-Anhalt. Die Aussage vor Gericht fällt ihm schwer. Nach einer Weile wird er das Gericht um eine Pause bitten.

Der Vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats fragt, wie lange der Angriff in etwa gedauert habe. »Mir kam es vor wie eine Ewigkeit«, sagt Tobias N. »Ich hatte Todesangst«, heißt es im Protokoll seiner Vernehmung bei der Polizei. Der Richter zitiert den Satz.

Mehrere Brüche im Gesicht

Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft wurde Tobias N. das Opfer von Lina E. und weiteren Mitglieder einer linksextremen kriminellen Vereinigung. Seit September muss sich die 26-Jährige zusammen mit drei Mitangeklagten vor dem Staatsschutzsenat verantworten. Die Gruppe soll zwischen Oktober 2018 und Februar 2020 Jagd auf Neonazis gemacht und 13 Männer zum Teil schwer verletzt haben .

Tobias N. erlitt Platzwunden am Kopf und mehrere Brüche im Gesicht. Sein Jochbein und die Knochen um sein rechtes Auge mussten mit Metallplatten fixiert werden. Die Platten sind noch heute in seinem Kopf. Eine Operation, um sie zu entfernen, sei riskant, hätten ihm die Ärzte gesagt. Noch heute leidet Tobias N. unter starken Kopfschmerzen und Taubheitsgefühl im Gesicht. Darüber, dass er seit dem Angriff unter Ängsten leidet, will er vor Gericht nicht reden. »Muss man durch«, sagt er nur.

Der Richter fragt, ob er eine Idee habe, wer ihn aus welchen Gründen zusammengeschlagen hat. Nein, sagt er. »Ich bin das tausendmal durchgegangen: Wieso? Weshalb? Warum?« Der erste Angreifer habe ihn zunächst an einen früheren rumänischen Kollegen erinnert, weil er meinte, Deutsch mit osteuropäischem Akzent gehört zu haben. Den Verdacht habe er aber wieder verworfen.

»Ich bin dann raus aus dem Milieu«

Dann kommt Tobias N. von sich aus auf die schwarze Wollmütze zu sprechen, die er an jenem Tag trug. Die Mütze stammt noch aus seiner Jugendzeit, sagt er. Sie sei ein Geschenk eines Kumpels gewesen. Der Vorsitzende Richter fragt, ob die Mütze als »Szenebekleidung« bezeichnet werden könne. »Ich befasse mich damit nicht«, sagt der Zeuge. Der Richter fragt nicht, was Tobias N. damit sagen will. Stattdessen fragt er einfach direkt: »Waren Sie mal in der rechten Szene?«

Im Alter von 15 oder 16 Jahren sei er in der rechten Szene aktiv gewesen, sagt Tobias N. Er sei damals auch wegen Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen und wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden, ausgesetzt zur Bewährung. Die Verurteilung habe ihn zum Umdenken gebracht. Weil er nicht doch eines Tages im Gefängnis landen wollte, habe er mit dem »Quatsch« aufgehört. »Ich bin dann raus aus dem Milieu.«

Später wird das Gericht Fotos der Mütze zeigen. Sie ist schwarz und trägt ein Logo mit einem Greifvogel, irgendwo stehen die Worte »Radical Warrior«, »radikaler Krieger«. Die Kleidung soll auch nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft unter Neonazis beliebt sein. Der Zeuge sagt, er habe die Mütze nie zuvor getragen. Seine Frau habe sie ihm an jenem Tag wegen der Kälte mitgegeben.

Die Verteidigung hat keine Fragen an den Zeugen. Nachdem Tobias N. den Saal verlassen hat, zeigt das Gericht Fotos seiner Verletzungen. Sein Gesicht ist geschwollen, sein Hinterkopf blutig.

Sein Kollege hörte ihn damals schreien. Auch er sagt an diesem Tag vor Gericht aus. Der heute 48-Jährige stand damals hinter dem Fahrzeug, als Tobias N. die Leiter an einer Seite des Wagens befestigte.

»Plötzlich stand ein Maskierter vor mir«, so sagt es auch dieser Zeuge. »Bleib ruhig, von dir wollen wir nichts. Geh mal bitte zur Seite«, habe der Mann zu ihm gesagt. Ganz ruhig habe er gesprochen. Dann habe mit einem Mal »ein Mädchen« vor ihm gestanden, bei ihr seien noch weitere »Jungs« gewesen. Alle hätten Sturmhauben und Handschuhe getragen. Das »Mädchen« habe eine kleine Flasche in seine Richtung gehalten. »Sah aus wie ein kleiner Feuerlöscher«, sagt der Zeuge. Die Bundesanwaltschaft geht von Reizgas aus. »Bleib ruhig. Von dir wollen wir nichts«, habe auch sie gesagt. Und dann: »Das ist ein Nazi, der hat es verdient.«

Das »Mädchen« habe den Zeugen in Schach gehalten, die »Jungs« seien in Richtung seines Kollegen Tobias N. gegangen. »Der wurde da dann zusammengeschlagen«, sagt der Zeuge. Gesehen habe er den Angriff auf seinen Kollegen nicht. »Ich habe ihn schreien hören.« Als eine Straßenbahn kam, seien die Täter geflüchtet.

Das Gericht fragt nach dem Mädchen. Der Zeuge sagt, es sei eher eine junge Frau gewesen. Sportlich-schlanke Gestalt, nicht viel kleiner als er selbst, vielleicht 1,75 Meter groß. Einen Dialekt habe sie nicht gesprochen.

Die Bundesanwaltschaft hält Lina E. für jene Frau, die damals dafür gesorgt hat, dass der Zeuge seinem Kollegen Tobias N. nicht zu Hilfe kam. Die 26-Jährige selbst äußert sich nicht zu den Vorwürfen.

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