Prozess gegen mutmaßliche Linksextremisten »Im Fußball würde man sagen, er hat meinen Kopf volley genommen«
Anfang September: Beim Prozessbeginn versteckte sich Lina E. hinter einer Aktenmappe
Foto: Jens Schlüter / AFPDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Cedric S. lässt sich Zeit mit seinen Antworten. Der 23-Jährige überlegt lange, wählt seine Worte mit Bedacht. Am 30. Oktober 2018 wurde er im sächsischen Wurzen Opfer eines brutalen Überfalls. Vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden soll er nun als Zeuge davon berichten. Doch was er erzählt, lässt den Vorsitzenden Richter ein wenig ratlos zurück.
Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass Cedric S. das Opfer einer linksextremistischen kriminellen Vereinigung wurde, die seit 2018 Jagd auf Neonazis machte. Eine führende Rolle in dieser Vereinigung schreibt sie Lina E. zu, einer 26-jährigen Studentin. Im Fall von Cedric S. soll Lina E. den Tatort ausgekundschaftet haben. Hinweise darauf, dass sie oder eine andere Frau bei dem Angriff auf Cedric S. dabei waren, gab es bisher nicht. Das ändert sich, als Cedric S. am Mittwoch das Tatgeschehen vor Gericht plötzlich anders darstellt, als er es noch bei der Polizei getan hat.
Auf dem Weg zum Fußballtraining
Cedric S. wollte damals im Oktober 2018 zum Fußballtraining. Gegen 18.45 Uhr verließ er das Haus. In einiger Entfernung habe er dann zwei Personen unter einer Laterne stehen sehen. Eine sehr große Person und eine zierliche. Cedric S. sagt, heute sei er sicher, dass die zierliche Person eine Frau gewesen ist. Er habe es an ihren Beinen erkannt. Die Verteidigung wird später nachfragen, wie die Beine denn ausgesehen haben. Cedric S. überlegt. »Elegant«, sagt er.
Er berichtet, dass damals plötzlich zwei Menschen von hinten auf ihn zugerannt seien. Einer von ihnen sei ihm in den Rücken gesprungen und habe ihn im Würgegriff zu Boden gebracht. Die Frau und der Mann, die unter der Laterne standen, seien hinzugekommen. Alle vier seien vermummt gewesen. »Mit aller Wucht« hätten die Angreifer auf seinen Rücken, seine Beine und seinen Kopf eingeschlagen und eingetreten. Auch zwei Schlagstöcke seien zum Einsatz gekommen. Als es ihm für einen Moment gelungen sei, sich aufzurichten, sei er von zwei Angreifern links und rechts an den Armen festgehalten worden, ein dritter habe zugetreten. »Im Fußball würde man sagen, er hat meinen Kopf volley genommen.« Erst als ein Nachbar hinzukam, hätten sie von ihm abgelassen. »Scheiß-Nazi« oder »Nazischwein« habe die Frau beim Wegrennen noch gebrüllt.
Der Vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats guckt den Zeugen lange schweigend an. »Wann ist Ihnen das eingefallen?«, fragt er schließlich. Dass eine Frau beim Angriff beteiligt gewesen sein soll, hört das Gericht zum ersten Mal. »Meiner Meinung nach habe ich das auch schon der Polizei gesagt«, sagt Cedric S. »Nein«, sagt der Richter, »das haben Sie der Polizei zu keinem Zeitpunkt erzählt. Von einer weiblichen Person haben Sie nie jemandem jemals etwas erzählt.«
»Strammer Nationalsozialist«
Cedric S. hat einen kahl rasierten Schädel. Er trägt Vollbart, weißes Hemd und schwarze Hose. Als eine Verteidigerin ihn im Laufe ihrer Befragung als »strammen Nationalsozialisten« bezeichnet, widerspricht er nicht. Cedric S. erzählt ungefragt, dass er einer der rund 250 Rechtsextremen war, die im Januar 2016 den linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz überfallen haben. Er sei deswegen rechtskräftig verurteilt worden. Nach dem sogenannten Sturm auf Connewitz seien auf einer linksradikalen Internetseite ein Foto von ihm und sein Name veröffentlicht worden. Er sei dort als »Neonazi aus Wurzen« bezeichnet worden. Cedric S. berichtet, dass er schon damals in der Jugendorganisation der NPD engagiert war. Er war sogenannter Stützpunktleiter, habe Demonstrationen organisiert und angemeldet. Der Angriff auf ihn im Oktober 2018 habe ihn daher nicht überrascht.
Nach der Tat wurde Cedric S. dreimal von der Polizei vernommen. Eine Frau erwähnte er dort nicht. Bei der Polizei hatte Cedric S. auch noch von fünf Angreifern berichtet. Nun spricht er von vier. Und dass er von zwei Personen festgehalten wurde, während ein Dritter ihm gegen den Kopf trat, erzählt er erstmals vor Gericht.
Der Vorsitzende Richter appelliert an den Zeugen: »Sie müssen hier wirklich die Wahrheit sagen!« »Das ist die Wahrheit«, sagt Cedric S. Der Richter versucht, dem Zeugen Brücken zu bauen. »Es ist eine schwierige Situation, sich nach fast drei Jahren überhaupt zu erinnern«, sagt er. Doch Cedric S. macht keine Erinnerungslücken geltend. Im Gegenteil. »Wie ich es heute sagen, so war es.« Er habe Ende 2019 noch einmal intensiv über die Tat von 2018 nachgedacht. Und seither will er sich nun richtig erinnern. An eine Frau zum Beispiel.
Verteidigerin Weyers fragt nach Kontakten zu Enrico B. Laut Anklage soll Enrico B. – ein ehemaliger NPD-Stadtrat in Leipzig – wenige Wochen vor Cedric S. zum Opfer der linksextremistischen Vereinigung geworden sein. Der Zeuge bestätigt, dass sie sich kennen und auch über die Angriffe miteinander sprachen. Der Fall Enrico B. ist am Donnerstag erneut Thema im Prozess.
Enrico B. hatte keine Frau unter seinen Angreifern wahrgenommen. Doch es gibt eine Plastiktüte, die am Tatort vor seinem Haus unter einem Auto lag. Die Ermittler entdeckten daran später eine DNA-Mischspur, die auf Lina E. hinweist. Die Verteidigung zieht die Aussagekraft der Spur in Zweifel. Sie hält es für möglich, dass die DNA erst nachträglich an die Tüte gelangt sein könnte. Sie beantragt am Donnerstag, weitere Zeugen in dieser Frage zu hören.
Und auch Cedric S. muss noch einmal wiederkommen. Die Verteidigung ist mit ihren Fragen noch nicht am Ende.