Prozess gegen mutmaßliche Linksextremistin Mit Eisenstange und Pfefferspray
Angeklagte mit Verteidigern (Archiv): Gab eine Frau die Kommandos?
Foto: Sebastian Kahnert / picture alliance/dpa/dpa-ZentralbildDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Es ging alles ganz schnell. Keine Minute habe der Angriff gedauert. Maximilian A. saß in der Nacht auf den 19. Oktober 2019 gegen Mitternacht in Eisenach in der Kneipe seines Freundes Leon R. Der gilt als Rechtsextremist, seine Bar Bull´s Eye als Neonazitreffpunkt. Plötzlich seien gut ein Dutzend bewaffnete Vermummte in die Kneipe gestürmt, sagt Maximilian A. vor dem Oberlandesgericht Dresden. Sie hätten wahllos auf die Gäste eingeprügelt. Einem Gast sei mit einem Schlagstock auf den Kopf geschlagen worden, er selbst habe einen Schlag auf den Arm bekommen. Leon R. habe mit Gläsern geworfen, um die Angreifer abzuwehren. Maximilian A. habe versucht, sie mit einem Barhocker zurückzudrängen. Eine Frau habe irgendwann das Kommando zum Rückzug gegeben. Bevor sie mit den anderen Angreifern die Kneipe verließ, habe sie noch Reizgas versprüht.
Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft war Lina E. jene Frau im Bull´s Eye. Die heute 26 Jahre alte Studentin muss sich seit September 2021 mit drei Mitangeklagten vor dem Oberlandesgericht Dresden verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, eine kriminelle linksextreme Gruppe angeführt zu haben, die Jagd auf Neonazis machte. Leon R. und Maximilian A. sollen zwei ihrer Opfer sein.
Maximilian A. ist 21 Jahre alt, ein Zwei-Meter-Mann von kräftiger Statur. Am Mittwoch und Donnerstag hat er vor Gericht als Zeuge ausgesagt. Die Befragung seines Freundes, Leon R., fiel wegen eines Bandscheibenvorfalls kurzfristig aus.
»Die Stimme war weiblich, das weiß ich noch«
Davon, dass eine Frau die Angreifer damals kommandiert haben soll, hatte Maximilian A. der Polizei in der Tatnacht noch nichts berichtet. Mehrfach liest der Vorsitzende Richter dem Zeugen die Niederschrift seiner damaligen Aussage vor. In seiner ersten Vernehmung hatte Maximilian A. nur von den längeren Haaren einer Person gesprochen, die er deshalb als Frau erkannt haben will. Am Donnerstag erinnert er sich nicht mehr an die Haare. Jetzt ist er sicher, dass es eine Frau gewesen sei, die die anderen zum Rückzug aufgerufen hat. »Die Stimme war weiblich, das weiß ich noch.«
Zwei Monate später, am 14. Dezember 2019, wurden Leon R. und Maximilian A. ein weiteres Mal überfallen – nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft erneut von Lina E. und einem Teil der Angeklagten.
Der Zeuge berichtet, dass er damals gegen drei Uhr mit Leon R. und zwei Freunden das Bull´s Eye verließ. Dann fuhren sie Leon R. mit dem Auto nach Hause. Als dieser ausgestiegen war, seien ihm etwa zehn Vermummte gefolgt. Im Vorbeigehen habe einer von ihnen mit einem Hammer auf die Windschutzscheibe ihres Autos geschlagen. Dann seien sie weiter Leon R. nachgelaufen. Maximilian A. sei ausgestiegen, um seinem Freund zu helfen. Laut Anklage konnte Leon R. die Angreifer mit einem Teppichmesser und Reizgas vertreiben. Maximilian A. sagt, er habe gehört, wie eine Frau zum Rückzug aufgerufen habe. »Das hat mich ja so gewundert, weil das beim ersten Mal auch so gewesen ist.«
Die Vermummten seien in Richtung ihrer beiden Autos gelaufen. Dabei seien sie auf Maximilian A. aufmerksam geworden. Er floh in sein Auto und setzte sich auf den Beifahrersitz. Sein Kumpel habe vergeblich versucht, den Wagen zu starten. Die Angreifer schlugen auf das Auto ein und zerstörten das Fenster auf der Beifahrerseite. Irgendwann habe einer die Tür aufgerissen. Mit einer Eisenstange habe ein Mann wieder und wieder auf ihn eingeschlagen, so Maximilian A. Der Mann habe gedroht: »Leon soll mit der Scheiße aufhören, sonst bringen wir ihn das nächste Mal um.« Eine Frau habe Pfefferspray ins Innere des Wagens gesprüht. Als ihr Auto endlich ansprang, fuhren sie davon.
Maximilian A. erlitt Prellungen an Knie, Armen und Händen. Die psychischen Folgen wirkten länger. »Jedes Mal, wenn man abends nach Hause kommt, guckt man sich halt um«, so sagt er.
Leon R. und Maximilian A. vermuteten die Angreifer in der linken Szene. »Weil wir ansonsten mit niemandem Probleme hatten.« Sie gingen davon aus, dass die Angriffe Leon R. galten.
Unpolitische Kampfsporttruppe?
Die Verteidigung möchte mehr über ihre Aktivitäten in der rechten Szene erfahren. Nur zögerlich gibt Maximilian A. Auskunft. Über die Mitgliedschaften seines Freundes will er so gut wie gar nichts wissen. Auch die Gruppe »Nationaler Aufbau Eisenach« will er zunächst nicht kennen. Erst auf erneute Belehrung durch den Vorsitzenden Richter, dass er vor Gericht die Wahrheit sagen muss, räumt er ein, zusammen mit Leon R. und etwa acht weiteren Neonazis Mitglied in dieser Gruppe gewesen zu sein. Sie hätten sich »getroffen und unterhalten«. Worüber? »Wie der Tag so war«, sagt Maximilian A.
Auch ihre Kampfsporttruppe »Knockout 51« stellt er als unpolitisch dar. Etwa zehn Männer hätten sich hin und wieder zum Training getroffen. Jeder sei willkommen gewesen, behauptet er. Dass er mit Leon R. beim »Kampf der Nibelungen« war, einer der größten Kampfsportveranstaltungen der militanten Neonaziszene, räumt er erst auf den Hinweis des Gerichts ein, dass eine bloße Teilnahme nicht strafbar sei.
Die Verteidigung fragt den Zeugen auch nach einer Gruppe namens »Atomwaffen Division« , die als eine der gefährlichsten Neonazigruppierungen der USA gilt. Er kenne die Gerüchte, wonach Leon R. Kontakt zu dieser »Terrorgruppe« gehabt haben soll, sagt Maximilian A. Doch sie träfen nicht zu. »Ich weiß, dass Leon mit solchen Leuten nie Kontakt hatte.« Er habe ihn einmal danach gefragt. »Da hat er zu mir gesagt, dass das nicht stimmt.«
Weder ihre Kampfsportgruppe noch den »Nationalen Aufbau Eisenach« soll es heute noch geben. Auch seinen Freund sehe er kaum noch, sagt Maximilian A. Sie hätten sich auseinandergelebt.