Kunstdiebstahl in Dresden Mit der Axt

Weltweit herrscht Entsetzen über den Diebstahl im Dresdner Residenzschloss. Unbekannte Täter erbeuteten Juwelen von unschätzbarem Wert. Ein Überwachungsvideo zeigt, was im Grünen Gewölbe geschah.

Polizei Sachsen

Von Janne Kieselbach und


Es ist gerade erst fünf Uhr morgens, als sich in Dresden einer der spektakulärsten Kunstdiebstähle der vergangenen Jahrzehnte ereignet. Einbrecher verschaffen sich Zugang zum Grünen Gewölbe, der berühmten Schatzkammer im Residenzschloss der sächsischen Hauptstadt. Wenig später ist klar: Der Schaden ist immens.

Brillanten, Diamanten, Rubine, Smaragde - ein riesiger Schatz wurde entwendet. Der Fall sorgt international für Schlagzeilen.

Was ist passiert?

Mehrere Täter sind laut Polizei am frühen Montagmorgen in das Grüne Gewölbe im Dresdner Residenzschloss eingedrungen. Der Einbruch sei um 4.59 Uhr von einem Sicherheitsdienst gemeldet worden.

Wie Kripochef Volker Lange auf einer Pressekonferenz berichtete, kamen die Täter durch ein Fenster, durchtrennten ein Gitter und schlugen eine Scheibe ein, bevor sie zielgerichtet zu einer Vitrine im sogenannten Juwelenzimmer liefen. Später hieß es in einer Mitteilung der Polizei, die Täter hätten die Vitrine mit einer Axt zerstört. Die Tat habe nur wenige Minuten gedauert.

Überwachungskameras filmten die Tat, die Polizei veröffentlichte Aufnahmen auf YouTube:

Laut Polizei flüchteten die Täter mit einem Audi A6. Ein baugleiches Fahrzeug sei später etwa fünf Kilometer entfernt in einer Tiefgarage in Brand gesetzt worden. Das Auto sei von Polizisten sichergestellt worden und werde untersucht.

Möglicherweise kappten die Täter vor dem Einbruch die Stromzufuhr zum Grünen Gewölbe, indem sie einen Stromkasten unter einer Brücke anzündeten. Eine Sprecherin des Energieversorgers Drewag bestätigte den Brand und dass man den Kasten außer Betrieb gesetzt habe. Die Polizei geht von einem direkten Zusammenhang zum Kunstdiebstahl aus. Durch das Feuer fiel in der Umgebung des Tatorts die Straßenbeleuchtung aus.

Was haben die Diebe gestohlen?

Betroffen sind möglicherweise hundert Objekte aus den Juwelengarnituren Friedrich August II. Die Ensembles aus Knöpfen, Schnallen, Orden, Achselschleifen und Stockknöpfen sind mit Brillanten, Diamanten, Rubinen, Smaragden oder Saphiren besetzt. Es handele sich um "einen Staatsschatz des 18. Jahrhunderts", sagte die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Marion Ackermann. Die genaue Zahl der gestohlenen Objekte sei unklar.

Aus diesem begehbaren Tresor wurden die Juwelen offenbar entwendet
Matthias Hiekel / DPA

Aus diesem begehbaren Tresor wurden die Juwelen offenbar entwendet

Sachsens Kurfürst August der Starke (1670-1733) ließ die Schatzkammer zwischen 1723 und 1730 anlegen. Heute wird sie in zwei Abteilungen präsentiert. Der historische Teil befindet sich im Erdgeschoss des Residenzschlosses in den authentisch wiederhergestellten Räumen der Sammlung. In der ersten Etage zeigt das Neue Grüne Gewölbe besondere Einzelstücke.

Was sind die gestohlenen Gegenstände wert?

Nach Angaben von Generaldirektorin Ackermann lässt sich der Wert des Diebesguts nicht beziffern. Die besondere Bedeutung liege weniger im Material als in der Vollständigkeit des Ensembles. Sie hoffe, das Diebesgut sei aufgrund der "internationalen Bekanntheit" dem Kunstmarkt entzogen.

Sind die gestohlenen Schätze versichert?

Kulturgüter aus öffentlichen Museen sind im Prinzip nicht versichert, Schäden jedoch über die sogenannte Staatshaftung gedeckt. Für öffentliche Museen ist die Staatshaftung attraktiv, da sie keine Versicherungsbeiträge entrichten müssen.

Was ist über die Täter bekannt?

Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um mehrere Täter handelt. Über die Kameras im Grünen Gewölbe seien zwei Einbrecher zu sehen gewesen, hieß es in einer Mitteilung der Polizei. Man gehe jedoch von weiteren Beteiligten aus. Eine zehnköpfige Sonderkommission namens "Epaulette" fahndet nach den Tätern.

Wie ist die Sammlung im Dresdner Residenzschloss gesichert?

Die Sicherheitszentrale im Haus sei stets mit zwei Wachleuten besetzt, sagte Ackermann. Diese hätten die Einbrecher auf ihren Monitoren in Echtzeit beobachtet und daraufhin den Notruf gewählt. Als die Polizei am Tatort eintraf, waren die Diebe jedoch schon verschwunden.

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Diebstahl in Dresden: Diese Schmuckstücke haben die Diebe entwendet

Was könnten die Täter mit der Beute vorhaben?

Man müsse zwei Typen von Kunstdieben unterscheiden, sagte der niederländische Kunstdetektiv Arthur Brand im SPIEGEL-Interview. Zum einen gebe es Täter, die davon überzeugt seien, einen oder mehrere Käufer für das Diebesgut zu finden. Dies sei jedoch ein Trugschluss, weil die Exponate zu bekannt und deshalb schnell erkennbar seien. "Sobald die Diebe merken, dass sie keinen Käufer finden, suchen sie nach Alternativen. Sie erpressen dann zum Beispiel die Versicherung", so Brand. Diese Kunstdiebe seien vergleichsweise einfach zu überführen.

"Viel schlimmer sind wirklich professionelle Räuber, die das Gold und das Silber umschmelzen oder die Diamanten herausarbeiten und separat verkaufen", sagte Brand. Diese Täter seien sich darüber im Klaren, dass die meisten Kunstwerke als Ganzes unverkäuflich sind, sich aber in ihre Bestandteile zerlegt zu Geld machen lassen. Doch was einmal eingeschmolzen oder auseinandergebaut worden sei, bleibe für immer verschwunden. "Deshalb kann man nur hoffen, dass es sich im Fall des Grünen Gewölbes um Diebe handelt, die Verkaufsversuche unternehmen und der Polizei so ins Netz gehen."

Wie reagiert die Politik auf den Kunstdiebstahl?

Sachsens Regierungschef zeigte sich entsetzt. "Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen", sagte Michael Kretschmer (CDU). "Die Werte, die im Grünen Gewölbe und im Residenzschloss zu finden sind, sind von den Menschen im Freistaat Sachsen über viele Jahrhunderte hart erarbeitet worden." Man könne die Geschichte des Bundeslandes nicht ohne das Grüne Gewölbe und die Staatlichen Kunstsammlungen Sachsens verstehen."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters bezeichnete den Einbruch als erschütternd und schockierend. Der Diebstahl "von Stücken, die unsere Identität als Kulturnation ausmachen, trifft uns ins Herz", sagte die CDU-Politikerin. Sie danke den Verantwortlichen für die Einrichtung einer Sonderkommission und hoffe auf einen schnellen Fahndungserfolg.

"Angesichts generalstabsmäßig organisierter, hochkrimineller Täter ist der noch stärkere Schutz unserer Museen und Kultureinrichtungen eine Aufgabe von höchster Priorität", sagte Grütters. "Wir haben in letzter Zeit an verschiedenen Stellen die Sicherheitsvorkehrungen an unseren Häusern gezielt weiter verschärft." Der Schutz der Kulturschätze müsse jede Anstrengung wert sein.

insgesamt 171 Beiträge
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michael_h. 25.11.2019
1. Nichts für ungut...
...aber wenn das Personal der Polizei ausreicht, um in Hamburg Altona die leerstehende ETW von Olaf Scholz mit 18 Beamten im Schichtdienst zu bewachen, dann fühle ich mich als Bürger ein wenig verar..., wenn die mutmaßlich wertvollste und bedauerlicherweise unversicherte Schatzkammer Deutschlands - wenn nicht gar Europas - bescheidener geschützt wird als eine ordinäre Dorfdisco. Nach dem Bodemuseumsdebakel hätte man gewarnt sein müssen. So wird es langsam albern. Vielleicht könnte man Steinmeiers Weihnachtsbäumchen demnächst im Grünen Gewölbe überreichen, und im Gegenzug Schloß Meseburg veräußern? Mit den gesparten Unterhaltskosten ließen sich doch bestimmt professionellere Sicherheitsunternehmen anwerben, die nicht nur hilflos die 110 wählen?
Heliumatmer 25.11.2019
2. kann man nur hoffen,
dass die Diebe "dumm" sind. Dann hätten sie aber den Einbruch nicht geschafft. Wie naiv muss man eigentlich sein, derartige Hoffungen auch noch publik zu machen? Liebe Diebe, verkauft die Sachen im Ganzen, damit wir Euch fangen können. Im Übrigen, das Karl May Museum ist "gleich um die Ecke". Bei den Weltreisen Karl Mays sind paar km peanuts. Der ganze Fall könnte von Karl May stammen, in irgend einem seiner vielen, viele Millionen mal verkauften Büchern beschreiben, halt ein bisschen modernisiert auf Karl May 2.0.
Meckerameise 25.11.2019
3.
Die wichtigsten Fragen bleiben natürlich ungestellt: Wie konnten die Täter überhaupt die Tat durchziehen? Warum werden entsprechende Kunstschätze nicht adäquat gesichert? Warum hat man aus der Berliner Geschichte nichts gelernt?
spon_8761461 25.11.2019
4.
Wie gut, dass sich das Museum mit einer Menge solch hochwertiger Kameras für den Ernstfall gerüstet hat... damit sollte es doch ein Klacks sein, die Täter zu identifizieren...
mina2010 25.11.2019
5. Vermutlich ist die Sicherheitstechnik auch 300 Jahre alt ...
Sicherheitseinrichtungen, die offensichtlich ausschließlich vom öffentlichen Stromnetz abhängig sind, kann ich nicht nachvollziehen. Selbst die Anlage in unserer Firma schafft 1 bis 2 Stunden ohne externen Strom. Zu Zeiten August des Starken hat es vermutlich genug Wachen gegeben ... wo waren die am Montag?
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