Urteil gegen Islamisten in Dresden Die religiöse Verblendung des Abdullah al H. H.

Nach dem tödlichen Messerangriff auf ein schwules Paar hat das Oberlandesgericht Dresden die Höchststrafe verhängt. Abdullah al H. H. habe eine eingewurzelte Neigung, Mordtaten zu begehen, stellte der Senat fest.
Von Wiebke Ramm, Dresden
Abdullah al H. H. vor Gericht: Er wird für Jahre, eher Jahrzehnte, womöglich sein Leben lang, eingesperrt bleiben

Abdullah al H. H. vor Gericht: Er wird für Jahre, eher Jahrzehnte, womöglich sein Leben lang, eingesperrt bleiben

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Robert Michael / dpa

Ganz am Ende wählt der Vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats einen ungewöhnlichen, sehr persönlichen letzten Versuch, den Angeklagten vielleicht doch noch irgendwie zu erreichen. »Ich bin selbst ein gläubiger Mensch«, sagt er, »und deshalb sage ich Ihnen: Das, was Sie getan haben, ist wahrlich gotteslästerlich gewesen.« Abdullah al H. H. habe sich zum Herrn über Leben und Tod von Menschen aufgespielt, die Gott geschaffen habe, und dafür habe er auch noch den Namen Gottes missbraucht. »Das ist sicherlich eine Sünde, die kaum zu übertreffen ist.«

Gott sei tatsächlich groß, so wie es auch im islamischen Glaubensbekenntnis heiße: »Allahu akbar.« Der Angeklagte aber habe sich nicht daran gehalten. »Sie haben getötet, weil Sie Gott kleingemacht haben.« Der Richter schaut zum Angeklagten. »Vielleicht denken Sie darüber einmal nach.«

Wegen Mordes, Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung hat der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden den jungen Syrer zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und die besondere Schwere seiner Schuld festgestellt.

Der Angeklagte bleibt sitzen, als sich alle anderen zur Urteilsverkündung erheben. Gefesselt an Händen und Füßen lauscht er den Worten des Vorsitzenden Richters, die ihm der Dolmetscher ins Arabische übersetzt. Äußerlich wirkt er ganz ruhig.

Die Richterin und die Richter schaffen in ihrem Urteil zusätzlich die Möglichkeit, dass eines Tages auch noch die Anordnung der Sicherungsverwahrung erfolgen kann. Deutlicher können sie nicht machen, dass sie den jungen Islamisten für gefährlich halten. Abdullah al H. H. ist 21 Jahre alt. Nun wird er für Jahre, eher Jahrzehnte, womöglich sein Leben lang eingesperrt bleiben.

Gefangen im eigenen Terror

»Herr al H. H. hat eine eingewurzelte Neigung, Mordtaten zu begehen«, sagt der Richter. »Er ist vielleicht nicht grundsätzlich und für alle Zeit unbeeinflussbar.« Doch derzeit seien keine Anhaltspunkte erkennbar, dass er sich aus seiner »religiösen Verirrung«, seiner »religiösen Verblendung« lösen könnte. Der Angeklagte sei eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Abdullah al H. H. ist in seinem eigenen Terror gefangen. Er scheint getrieben von der Angst vor einem Gott, den er sich aus radikalislamischer Propaganda selbst geschaffen hat. Der Richter spricht von einem »selbst gezimmerten Zerrbild Gottes«, nach dem der Angeklagte sein mörderisches Handeln ausgerichtet hat. Abdullah al H. H. sieht sich selbst als Sünder. Seine Angst vor der Hölle habe sein Leben beherrscht. Um doch noch ins Paradies zu gelangen, habe er »Ungläubige« töten und als Märtyrer sterben wollen.

Am 4. Oktober 2020 stach Abdullah al H. H. in Dresden mit zwei Messern auf ein schwules Paar aus Nordrhein-Westfalen ein. Thomas L., 55, starb, sein Lebenspartner, Oliver L., überlebte knapp.

»Es ist eine Tat, die fassungslos macht«, sagt der Richter. Der Angeklagte habe zwei ihm vollkommen unbekannte Menschen angegriffen, um sie zu töten. »Dass es bei Oliver L. nur beim Versuch blieb, war letztlich nur eine glückliche Fügung.« Abdullah al H. H. habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt und damit gleich zwei Mordmerkmale verwirklicht.

»Er hat sich einen kurzen, bequemen, leichten Weg ins Paradies versprochen, so pervers es klingt«, sagt Richter Schlüter-Staats. Mit Gott habe das nichts zu tun, nur mit Egoismus. »Im Prinzip war es ihm egal, wen er tötet. Auch wenn er die beiden Männer zu Opfern seiner tief sitzenden Homophobie gemacht hat, hätte es doch jeden treffen können.«

Abdullah al H. H. war 20 Jahre alt, als er zum Mörder wurde. Damit galt er zum Tatzeitpunkt als Heranwachsender, der je nach Reifegrad nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden könnte. Der Senat hat ihn als Erwachsenen verurteilt, weil er seine Persönlichkeit bereits für gefestigt hält. »Beim Angeklagten können wir nicht sehen, dass eine Entwicklungsmöglichkeit noch besteht.«

Eine Abschiebung war nicht möglich

Erst fünf Tage vor der Tat war Abdullah al H. H. aus dem Gefängnis gekommen. Drei Jahre war er inhaftiert – wegen Körperverletzung, Bedrohung und weil er in Chats für die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) warb und ein Selbstmordattentat verüben wollte. Der Gefängnispsychologin sagte er noch am Ende der Haftzeit, dass es legitim sei, »Ungläubige« zu töten. Die Behörden mussten ihn trotzdem freilassen. Es gab keine Rechtsgrundlage, ihn weiter gefangen zu halten. Auch nach Syrien konnte er wegen der lebensgefährlichen Lage dort nicht abgeschoben werden.

Das Landeskriminalamt, der Verfassungsschutz, die örtliche Polizei und die Bewährungshilfe überwachten, kontrollierten und betreuten ihn nach seiner Freilassung. Vom Töten hielt ihn das nicht ab. Wäre die Tat zu verhindern gewesen? Der Richter versucht sich an einer Antwort, weil auch Oliver L. die Frage gestellt hatte. Eine dauerhafte Observation aller Gefährder in Deutschland rund um die Uhr könne der Staat nicht leisten, sagt Schlüter-Staats. Und eine elektronische Fußfessel hätte die Tat wohl nicht verhindert. Abdullah al H. H. habe als Märtyrer sterben wollen. Eine Fußfessel hätte ihm da kaum im Weg gestanden.

»Man kann solche Taten vielleicht verhindern«, sagt der Richter schließlich, »aber nicht in einer Gesellschaft, in der wir alle leben wollen.« Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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