Drogenhandel Der Milchmann, der den Schnee brachte

In der britischen Unterwelt nannte man ihn den "Milchmann", weil er so zuverlässig lieferte. Doch Brian Brendan Wright versorgte die Schönen und Reichen der Insel mit ganz anderer Ware: Kokain. Elf Jahre dauerte die Jagd auf den König der Kokshändler.

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London - Es gibt diese beiden, fast anerkennenden Sätze britischer Fahnder, die am besten beschreiben, in welcher Dimension der Drogenbaron Brian Brendan Wright, 60, sein illegales Geschäft betrieb. Der eine Satz geht so: "Das Kokain kam schneller ins Land, als die Leute es schniefen konnten", zitiert der "Guardian" einen Ermittler. Und der andere, nachzulesen im "Independent", lautet: "Wright ist der Ober-Obermacker."

Kokainkonsument: "Er ist der Ober-Obermacker"
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Kokainkonsument: "Er ist der Ober-Obermacker"

Brian Brendan Wright war über Jahre hinweg so etwas wie der ungekrönte König der britischen Kokshändler. Sein Schmugglerring galt als der erfolgreichste im ganzen Land. Mehrere hundert Millionen Euro soll der Stoff wert gewesen sein, den Wright mit seinen Gefolgsleuten auf die Insel brachte. Allein das Privatvermögen des Mannes, der gestern von einem britischen Gericht zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wird auf 600 Millionen Pfund (etwa 890 Millionen Euro) geschätzt. Dennoch soll "Mr. Big", wie Wright auch genannt wurde, nie ein Konto besessen oder jemals Steuern gezahlt haben. Sein Geld habe er größtenteils bar in den Wohnungen zahlreicher Verwandter eingelagert, berichteten britische Medien.

Der Mann, der es als Kokain-Großhändler zu Großbritanniens wahrscheinlich reichstem Kriminellen gebracht hat, wurde im irischen Dublin geboren. Als er zwölf war, zog seine Familie in die Nähe von London. Die Öffentlichkeit weiß nicht viel über die Jugend des "Milchmannes", bekannt aber ist, dass er für zwei Jahre in eine Besserungsanstalt eingewiesen wurde, weil er wiederholt die Schule geschwänzt hatte. Wright gilt als ungebildet, manchem sogar als Analphabet.

Die Transporte des weißen Pulvers, nach dem die Schönen und Reichen so verrückt waren, folgten dennoch einem bis ins letzte Detail ausgeklügelten Plan. Zumeist wurden die Drogen von Südamerika oder der Karibik aus in einer großen, auffälligen Yacht über den Atlantik gebracht. Vor der britischen Küste dann traf sich das Schiff, das die Aufmerksamkeit der Behörden erregen sollte, mit kleineren Booten. Die verbotene Fracht luden Helfershelfer in sicherer Entfernung zum Festland um. Wurde die Yacht dann - wie von den Gaunern vorausgesehen - später im Hafen durchsucht, löschten Komplizen die kleineren Kähne. Der Stoff war im Land.

Jahrelang ging das gut. Bis im September 1996 ein heftiger Herbststurm die Yacht "Sea Mist" zwang, ihren Kurs zu ändern. Die Mannschaft des umgebauten Fischkutters steuerte in ihrer Not den nächsten Hafen im irischen Cork an und leitete damit den Anfang vom Ende des "Milchmannes" ein. Denn an Bord des Schiffes, versteckt im Speiseaufzug, entdeckten Zoll-Beamte fast 600 Kilogramm Kokain. Straßenverkaufswert: etwa 80 Millionen Pfund. Wer hinter dem Großtransport stecken musste, war den Beamten zu diesem Zeitpunkt längst klar.

Die Operation "Extend", die nun anlief, hatte deshalb nur ein Ziel: Das Kartell des "Milchmannes" endgültig zu zerschlagen. Eine Mammutaufgabe: Denn Großbritanniens Drogenboss verschanzte sich in einer Welt aus Luxus und Glamour. Zu seinen Freunden und engsten Vertrauten zählten Showgrößen und Sportstars. Wright brüstete sich damit, Frank Sinatra persönlich zu kennen. Er zeigte sich mit Clint Eastwood, Michael Caine und Jerry Hall. Er lebte in einem Luxus-Appartement in Chelsea, er arbeitete in einer Suite im Nobel-Hotel nebenan, er vergnügte sich in seiner Villa in Marbella, die er "El Lechero" taufte, "der Milchmann". Und die Promis und seine reichen Freunde? Sie ahnten nicht, womit Wright, das Superhirn des britischen Drogenmarkts, sein Geld wirklich verdiente.

Die meisten hielten ihn wohl für jemanden, der besonders viel Glück im Spiel gehabt hatte. Denn das war Wrights große Leidenschaft: Wetten. Er soll bis zu 500.000 Pfund in einem einzigen Pferderennen gesetzt haben. Eine Zeit lang wurde er verdächtigt, die Tiere gedopt, Wettkämpfe verschoben und Jockeys geschmiert zu haben, doch die Vorwürfe führten nie zu einer Anklage. Und einen weiteren angenehmen Nebeneffekt hatte die Wettbegeisterung des "Mr. Big": Das durch die Drogengeschäfte verdiente Geld ließ sich im Wettbetrieb hervorragend waschen.

Als sich nach Jahren der mühevollen Ermittlungen die Schlinge um "Mr. Big" langsam zuzog, als erste Gang-Mitglieder aufflogen, setzte sich Wright nach Nord-Zypern ab. Dort war er vor seinen britischen Häschern sicher, ein Auslieferungsabkommen mit Großbritannien bestand nicht. Zwei Jahre später, die Gründe sind bis heute unklar, kehrte Wright nach Spanien zurück und wurde dort verhaftet. Der Kokskönig war entthront.

Plötzlich gab es noch eine Anekdote, eine, die ebenfalls viel über den Zocker und Schwerkriminellen Brian Brendan Wright aussagt. Einem Zollfahnder, den er verhöhnen wollte, soll Wright vor langer Zeit ein Spiel angeboten haben. Er setze eine Million Pfund, so berichtete der "Guardian", gegen ein einziges Pfund des Beamten, dass er nie gefasst würde.

Der "Milchmann" verlor.



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