Mordserie in Marseille Drogenkrieg am Mittelmeer

Ein 25-Jähriger wird in seinem Auto von Schüssen aus einer Kalaschnikow durchsiebt, er ist das 19. Opfer der Drogenmafia in der Region Marseille in diesem Jahr. Die Mordserie erschüttert Frankreich, jetzt erklärt Premier Ayrault den Rauschgiftkrieg zum nationalen Problem.
Ermittler nach der Schießerei im Norden von Marseille: Das 19. Opfer in acht Monaten

Ermittler nach der Schießerei im Norden von Marseille: Das 19. Opfer in acht Monaten

Foto: GERARD JULIEN/ AFP

Marseille/Hamburg - Ein schwarzer Kleinwagen hält an einer roten Ampel auf dem Boulevard Casanova, im Norden von Marseille. Am Steuer sitzt eine junge Frau, an ihrer Seite Walid M. Ein anderes Auto stoppt neben dem Wagen. Sekunden später ist der 25-Jährige tot - durchsiebt von Kalaschnikow-Kugeln. Polizisten finden am Tatort rund 30 Patronenhülsen. Die junge Frau überlebt.

Der am vergangenen Mittwoch getötete Franzose war den Ermittlern als Drogendealer bekannt. Er ist in dem berüchtigten Nordteil der Stadt aufgewachsen, wo Rauschgiftbanden seit Jahrzehnten das Sagen haben. Walid M. ist das 14. Opfer des Drogenkrieges von Marseille in diesem Jahr. Zählt man das Umland der Großstadt hinzu, erhöht sich die Bilanz auf 19 Todesfälle.

Seit den fünfziger Jahren ist die Hafenstadt durch eine starke Einwanderung aus dem Maghreb geprägt. Im Zuge der Deindustrialisierung der Stadt stieg die Jugendarbeitslosigkeit in manchen Vierteln auf bis zu 50 Prozent. Handlangerjobs im Drogenhandel ersetzten immer mehr die Berufsausbildung der Jugendlichen in den Vororten.

Die Stadt ist bekannt für ihre hohe Kriminalitätsrate. Doch seit ein paar Jahren wird der Bandenkrieg immer brutaler. So gehören mittlerweile großkalibrige Automatikwaffen vom Typ Kalaschnikow, importiert aus Osteuropa, zu der Ausrüstung der Drogendealer und ihrer Komplizen.

Polizei überfordert, Hilferuf nach Militär

Einen Tag nach der Bluttat vom Mittwoch beschloss die Marseiller Bezirksvorsteherin und Senatorin Samia Ghali zu handeln. Sie forderte einen Militäreinsatz in Marseille. Soldaten der französischen Armee sollten dort eingreifen, wo die Polizei versagte, und die Straßen ihrer Stadt wieder sicher machen.

Der Hilferuf sorgte für Aufsehen in Paris. Innenminister Manuel Valls schüttelte über den Vorschlag den Kopf: "Es gibt keinen Feind im Inneren", sagte der Sozialist. Auch Staatspräsident François Hollande betonte, die Sicherheit in den Städten sei Aufgabe der Polizei und nicht der Armee.

Doch in der zweitgrößten Stadt Frankreichs gehen seit 2007 immer weniger Polizisten auf Streife. Seit dem Amtsantritt von Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy wurden 350 Stellen bei der Polizei gestrichen. In der gleichen Zeit stieg die Einwohnerzahl der Millionenmetropole um 40.000. Ursache dieser Unterbesetzung ist die "Politique de non-remplacement", die Nicht-Wiederbesetzung von Beamtenstellen, eine Sparmaßnahme der konservativen Regierung.

Hochsicherheitszone für ganz Marseille

Auf dem Papier scheint die Polizei in Marseille gut aufgestellt. "Wir haben genug Personal", sagte der Präfekt von Marseille, Alain Gardère, am Freitag im französischen Radio. "Mit 2932 Polizeibeamten sind wir nach Paris die zweite Stadt in Frankreich, was das Verhältnis von Polizist pro Einwohner angeht."

Jedoch ist Marseille flächenmäßig dreimal so groß wie die Hauptstadt, deren Brennpunktviertel allesamt außerhalb des Stadtkerns liegen. "In Marseille sind die Problembezirke überall in der Stadt verteilt", sagt der Polizeigewerkschafter Jean Marie Allemand. "Nur am alten Innenhafen haben sie die Kalaschnikow noch nicht ausgepackt."

Der Norden Marseilles gehört zu den 15 sogenannten Hochsicherheitszonen, die das französische Innenministerium Anfang August benannte. In diesen Gegenden werden verstärkt Polizisten eingesetzt. Zwar konzentriere sich die Gewalt auf den Nordteil der Stadt, aber kein Viertel sei vor den Schießereien gefeit, so der Gewerkschafter. "Wir brauchen nicht nur ein paar Streifenpolizisten mehr, sondern vor allem gut ausgebildete Drogenfahnder und zwar in der ganzen Stadt", sagt Allemand. Die Polizeigewerkschaften fordern 350 zusätzliche Einsatzkräfte in Marseille. "Polizisten wohlgemerkt, keine Soldaten."

Der Vorschlag der Senatorin Ghali, Soldaten im Kampf gegen die Drogenhändler einzusetzen, stellte sich als politisches Kalkül heraus. "Ich bin zufrieden, weil ich bekommen habe, was ich wollte", sagte die Politikerin am Freitag der Tageszeitung "Le Monde". Denn die Regierung hat sie mit ihrem Aufruf wach gerüttelt. So macht Premierminister Jean-Marc Ayrault die Causa Marseille zur Chefsache und erklärt die Kriminalität in der Hafenstadt zum nationalen Problem. Am Donnerstag will er zusammen mit acht Ministern einen Aktionsplan zur Rettung Marseilles erarbeiten.

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