Drogenkrieg in Mexiko "Die Leute haben Angst"

Leben und Sterben in Tijuana, Mexiko: In der Stadt an der Grenze zu den USA tobt seit Monaten ein immer brutaler werdender Drogenkrieg. In nur zwei Wochen wurden zuletzt 104 Menschen umgebracht - die Polizei ist machtlos.


Tijuana - Um 20.30 Uhr betrat das Killerkommando das Fischrestaurant "Nuevo Durazo" im Herzen Tijuanas. Die Mörder gingen auf drei Männer an einem Tisch nahe der Musikerempore zu, zogen ihre Schnellfeuerwaffen und erschossen ihre arglosen Opfer. Drei weitere Gäste des beliebten Lokals wurden verletzt.

Zweien der Opfer war es noch gelungen aufzustehen. Die Kugeln durchschlugen ihre Körper, die zwischen die Musikinstrumente geschleudert wurden. Zum Glück der Musiker hatte die Band gerade eine Pause eingelegt. Der dritte Mann starb auf einem Stuhl.

Ohne Eile verließen die Täter das Lokal und fuhren davon. Wenig später registrierte die Polizei in der Nähe noch mehrere Schießereien. Allein in dieser Nacht forderte der "Narco-Krieg" an der Nordwest-Grenze Mexikos noch mindestens fünf weitere Tote.

Den Sicherheitskräften und den von Präsident Felipe Calderón für den Krieg gegen die Drogenkartelle abgestellten Streitkräften, die das Gebiet um das "Nuevo Durazo" abriegelten, bot sich ein schon gewohntes Bild. In der ersten Oktoberhälfte wurden allein in Tijuana 104 Menschen im Kugelhagel getötet, meist Mitglieder rivalisierender Drogenbanden.

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben die Gewalttaten in der 1,6-Millionen-Stadt beständig zugenommen. Doch bis vor einiger Zeit beschränkte sich das Morden hauptsächlich auf die Mitglieder zweier Kartelle, des Golf-Kartells und der Bande der Arellano Felix (Tijuana-Kartell), die um die Kontrolle über die Stadt kämpfen, eine der lukrativsten Nahtstellen zwischen den USA und Lateinamerika für den Drogenhandel, Waffen- und Menschenschmuggel und für Prostitution.

"Die Schießereien spielten sich meist in den nicht von der Regierung kontrollierten Armenvierteln ab", sagt Rodolfo Corona Vásquez vom Institut der Nordgrenze. "Jetzt sind zunehmend auch unbeteiligte Einwohner betroffen. Das Leben ist für uns alle unsicher geworden." Vor wenigen Tagen wurde ein Baby von einem Geschoss getötet, als es mit seinen Eltern zwischen die Fronten geriet. Bürgermeister Jorge Ramos Hernández bekannte, die Lage in der Stadt sei bedauerlich.

Am Abend nach dem blutigen Überfall auf das Fischrestaurant herrschte in den Lokalen der Innenstadt gähnende Leere. "Die Leute haben Angst, in der Dunkelheit auf die Straße zu gehen", sagt Adela Navarra, Direktorin der Wochenzeitung "Revista Zeta". Sie weiß, wovon sie redet. Der Gründer des Blattes und drei weitere Mitarbeiter wurden ermordet, nachdem die Zeitung begonnen hatte, über die Machenschaften der Kartelle und die Korruption führender Persönlichkeiten der Stadt zu berichten.

Dabei wirken Tijuana und andere Städte des Nordens weitaus aufgeräumter, ordentlicher und sauberer als die meisten Orte Mexikos. Die Straßen sind gefegt, es liegt kaum Müll herum, und die Menschen halten sich an die Verkehrsregeln: An Stoppschildern und roten Ampeln bremsen die Autofahrer ihr Fahrzeug und lassen Fußgängern den Vortritt. Selbst die in den Straßen patrouillierenden schwer bewaffneten Militärfahrzeuge bremsen ab.

Aber die wachsende Unsicherheit und die Tatsache, dass die Stadtregierung nicht in der Lage ist, die Menschen zu schützen, haben schwerwiegende Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Touristen, vor allem US-Amerikaner aus dem nahen San Diego, die sich früher zu Tausenden in den Bars der Revolutions-Avenue diversen Vergnügungen hingaben, machen sich rar. Ebenso gehen Investitionen zurück - etwa für die Ansiedlungen von Verarbeitungsbetrieben. Die Einnahmen der Restaurants sind in den vergangenen Wochen um über 30 Prozent eingebrochen.

"Der Tourismus hat wegen der Gewalttaten um bis zu 50 Prozent verloren", sagte die Chefin des Tourismuskomitees von Tijuana, Ana Alicia Menenes, Mitte Oktober. Sie forderte die Behörden auf, dem Verbrechen entschlossener entgegenzutreten. Auch die Einwohner der Stadt sind der Gewalt und der Angst müde: "Wir können nicht mehr unser Haus verlassen, ohne zu denken, dass etwas passieren könnte", sagt ein Mann. "Wenn nicht einmal diejenigen sicher sind, die für die Sicherheit zuständig sind, was können wir dann als Bürger erwarten?"

Besonders gefährlich ist das Leben vor allem für die Wohlhabenden, die in ständiger Angst davor leben, dass sie erpresst oder entführt werden. Die meisten von ihnen leben mit ihren Familien bereits seit Jahren in San Diego. Seit einiger Zeit verlagern sie auch ihre Geschäfte und Restaurants in die USA oder eröffnen dort Filialen.

jdl/dpa



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