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26. August 2011, 10:23 Uhr

Drogenkrieg in Mexiko

Erstickt und verbrannt in der Spielhölle

Von , Mexiko-Stadt

Es war der bislang verheerendste Anschlag auf die Zivilbevölkerung im brutalen mexikanischen Drogenkrieg: Rund ein halbes Dutzend Männer überfiel in Monterrey ein Casino, vergoss Benzin und ließ das Gebäude in Flammen aufgehen. 53 Menschen starben, die meisten an Rauchvergiftungen.

Es war am hellichten Tag, kurz nach 15 Uhr, als die Mörder vorfuhren. Das Casino Royale in Mexikos Vier-Millionen-Metropole Monterrey war wie jeden Tag um diese Uhrzeit gut besucht. Rund ein halbes Dutzend Männer stieg aus Pick-ups und SUV. Die Männer hatten Benzinkanister in den Händen, Flüche auf den Lippen und drangen in die Spielhölle ein. Die meisten Gäste an den Poker- und Bingotischen, den einarmigen Banditen und dem Roulette erstarrten vor Schreck. Andere flohen auf die Toiletten und drückten sich in die Ecken, während die Angreifer Benzin ausgossen, Handgranaten zündeten und das zweistöckige Casino in Flammen aufgehen ließen.

Vorläufige Bilanz: 53 Tote. Schaden in Millionenhöhe und ein Land in Schockstarre.

Es war der verheerendste Anschlag auf die Zivilbevölkerung, seit Präsident Felipe Calderón vor fünf Jahren den Krieg gegen die Kartelle ausrief. "Das ist ein sehr trauriger Abend für Mexiko", sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Alejandro Poiré, in einer landesweit übertragenen Rede im mexikanischen Fernsehen. "Es ist ein Terroranschlag ungeheuren Ausmaßes."

Der Anschlag trägt die Handschrift des organisierten Verbrechens. In Monterrey, der drittgrößten Stadt Mexikos, kämpfen das Golf-Kartell und die Zetas erbittert um die Hoheit. Beide Mafiabanden erpressen Schutzgelder und zwingen die Bar- und Kneipenbesitzer, in ihren Etablissements Drogen zu verkaufen.

Wenn sich ein Wirt weigert, wird sein Geschäft überfallen, werden Gäste und Angestellte ermordet. Am 2. Juli hatten mutmaßlich Pistoleros des Golf-Kartells das Striptease-Lokal Sabino Gordo im Stadtzentrum Monterreys überfallen und 21 Menschen ermordet. Der Wirt hatte die Zetas in seinem Vergnügungsschuppen Drogen verkaufen lassen.

Mehr als 40.000 Tote - Drogenbosse, Pistoleros, Unschuldige

Bei dem Anschlag auf das Casino Royale am Donnerstag starben ersten Ermittlungen zufolge die meisten Opfer an Rauchvergiftungen auf den Toiletten und in den Büros. Ausgerechnet in den Räumen, in denen sie sich sicher wähnten vor den Mördern. Der Brand konnte erst nach drei Stunden gelöscht werden. Die Feuerwehr riss die Mauern des Gebäudes ein, um leichter zu den Eingeschlossenen vorzudringen. Die Rettungskräfte konnten aber fast nur noch Tote bergen. Der Einsatzleiter Ángel Flores sagte, man habe Dutzende Menschen erstickt auf den Toiletten gefunden. Manche hätten offensichtlich noch versucht, über Handy Hilfe zu holen.

Der Zeitung "El Norte" sagte eine Überlebende, die Gäste des Casinos hätten in Panik zu fliehen versucht. Viele seien dabei niedergetrampelt worden. "Die Angreifer zielten auf uns und sagten, wir sollten verschwinden, sonst würden wir mit zum Teufel gehen. Der Notausgang war viel zu klein und ich sah viele, die hinfielen und das Bewusstsein verloren."

Das Casino, das zur gleichnamigen Gruppe Royale gehört, war erst vor drei Jahren eröffnet worden. Die Spielcasinos sind gerade in Monterrey und anderen Städten im Norden Mexikos in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Behörden verdächtigen die Drogenkartelle, in den Vergnügungsgeschäften das Geld aus dem Handel mit Drogen und anderen Schmuggelwaren zu waschen.

Mexikos Regierung führt seit Ende 2006 einen aussichtslosen Kampf gegen die Drogenkartelle des Landes. Präsident Calderón hat Zehntausende Soldaten und Bundespolizisten in die Schlacht gegen die Mafiosi geworfen. Das Resultat ist verheerend. Mehr als 40.000 Tote - Drogenbosse, Dealer, Pistoleros, Soldaten und Polizisten. Zunehmend wird die Zivilbevölkerung in diesen Krieg hineingezogen, in dem keine Seite mehr Rücksicht auf Verluste nimmt. Immer mehr Unschuldige sterben, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind oder schlicht bei Rachefeldzügen der Mafia-Mörder verwechselt werden.

Monterrey schien immun gegen das Durcheinander des Drogenkriegs

Seit einem Jahr ist vor allem Monterrey Schauplatz grausiger Morde. Vergangenes Jahr zählten die Behörden hier 828 Mordopfer im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität. Dies entsprach einem Anstieg von 210 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis Juli 2011 starben in der Metropole und den angrenzenden Gemeinden bereits mehr als tausend Menschen einen gewaltsamen Tod, ungefähr so viele wie in Afghanistan.

Ausgerechnet Monterrey. Die Stadt ist das wirtschaftliche Herz Mexikos. Sie steht wie keine andere des nordamerikanischen Landes für den Aufstieg Mexikos zur 14. größten Wirtschaftsmacht der Welt. Monterrey ist einer der wichtigsten Industriestandorte Lateinamerikas, Dienstleistungszentrale und Handelszentrum. Hier haben Bierbrauer, Banken und global tätige Baustoffmultis wie Cemex ihre Heimat. Der globale Automobilzulieferer Nemak stammt aus Monterrey, genauso wie Stahlfirmen und Glashersteller.

Die Stadt, rund 200 Kilometer von der US-Grenze entfernt, war über Jahrzehnte Inbegriff von Lebensqualität, Sicherheit und Prosperität, scheinbar immun gegen das Durcheinander im Rest des Landes. Aber seit Zetas und Golfos, zwei der brutalsten Mafiabanden Mexikos, hier um die Macht kämpfen und sich um Reviere und Routen für ihr Rauschgift streiten, liegt die Stadt in einer kollektiven Depression.

Lorenzo Zambrano, CEO des Zementkonzerns Cemex, fürchtet nicht nur um seine Stadt, sondern sein Land: "Wir können nicht erlauben, dass Monterrey vollständig in die Hände des organisierten Verbrechens fällt. Wenn wir Monterrey verlieren, ist auch Mexiko verloren."

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