Drogenkrieg in Mexiko Geständnisse zur besten Sendezeit

Sie haben Menschen ermordet und mit Drogen gehandelt: Nach der Festnahme gestehen viele mexikanische Schwerkriminelle ihre Taten vor den Kameras der Polizei. Das Fernsehen strahlt diese Bekenner-Videos seit neuestem aus, angeblich um die Arbeit der Fahnder zu unterstützen.

Öffentliche Vorführung: Mutmaßlicher Bandenchef García Montoya vor der Presse
DPA

Öffentliche Vorführung: Mutmaßlicher Bandenchef García Montoya vor der Presse


Mexiko-Stadt - Es ist ein Dialog des Grauens, geführt zwischen Staatsanwalt und Verbrecher: "Wie viele Hinrichtungen haben sie befohlen?" "Befohlen? Mehr als 300 glaube ich." "Und wie viele gehen auf Ihr Konto?" "Nochmal rund 300, mit meinen eigenen Händen." "Womit haben Sie die Köpfe Ihrer Opfer abgeschnitten?" "Mit Messern und Kettensägen."

Das Geständnis stammt von García Montoya, einem lange gesuchten Drogenboss, und so monströs sein Inhalt ist, so wenig kann es Richter und Staatsanwälte noch überraschen. Der Drogenkrieg in Mexiko nimmt immer extremere Ausmaße an.

Neu ist, dass die Mexikaner die Verbrechensbeichten im Fernsehen verfolgen können. Polizisten nehmen Geständnisse der Kriminellen auf Video auf, noch bevor sie einen Anwalt zu Gesicht bekommen, und lancieren das Material an die großen Fernsehstationen. Dort laufen die Bekenner-Clips dann zusätzlich zu den öffentlichen Täter-Vorführungen.

So wurde halb Mexiko in den vergangenen Monaten zwischen Soap Opera und Krimiserie Zeuge, wie "El Chango" gestand, der Anführer des "La Familia"-Kartells zu sein. "El Pajaro" sagte in die Kameras, dass ein tödlicher Granatenanschlag auf sein Konto ging. Und "El Mamito" widersprach nicht, als man ihm vorwarf, fünf selbstgebaute Panzer zu besitzen.

Die mexikanische Polizei steht unter hohem Druck, den ausufernden Drogenkrieg einzudämmen. Daher wird für sie jeder festgenommene Kriminelle zu einer Art Trophäe. Mit den Geständnis-Videos wollen sie der Öffentlichkeit zeigen, dass sie den Drogenhandel - narcotráfico genannt - unter Kontrolle haben .

Warum aber lassen sich die Kriminellen zu den Video-Geständnissen überreden? Vielleicht geht es darum, am eigenen Heldenstatus zu arbeiten, vielleicht sind die Geständnisse Ausdruck eines makaberen Stolzes.

Menschenrechtler und Verteidiger bemängeln, dass die Verdächtigen mit Versprechen zu den brutalen Aussagen überredet werden. "Es ist alles Teil einer Übereinkunft", sagte der Rechtsprofessor John Ackerman von der Universität in Mexiko-Stadt der "Washington Post". "Wenn du dein Geständnis in der Öffentlichkeit ablegst, sind wir vielleicht etwas nachsichtiger mit dir. Das ist der Deal."

In Mexiko sorgt unterdessen ein weiteres Geständnis García Montoyas für Aufsehen. Wie der mutmaßliche Anführer der gefürchteten Bande "Mano con Ojos" ("Hand mit Augen") ebenfalls in seinem Video-Geständnis angab, will er geplant haben, dem mexikanischen Staatsanwalt Alfredo Castillo ein Drohvideo zu schicken. Laut der mexikanischen Zeitung "El Universal" soll er in dem Kamera-Verhör folgende Morddrohungen gegen Castillo ausgesprochen haben: "Ich hätte dich getötet, ich hätte dich gefunden und in Stücke gerissen."

Wenn es Verbrechern so leicht gemacht wird, ihre Drohungen in aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, stellt sich eine Frage in jedem Fall: Wer führt hier wen vor?

bos/jbr



insgesamt 1919 Beiträge
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Seite 1
Skandalos, 30.07.2010
1.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Durch die Legalisierung von Drogen in den USA. Dort gibts ja eine aktuelle Initiative, die sich großer Unterstützung quer durch alle Parteien erfreut. Prohibition funktioniert einfach nicht.
karmamarga 30.07.2010
2. Wie entkommen?
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Den Shabab-Milizen das Land schenken. Dann weiss jeder im Land mit wem oder was er es zu tun hat. So wie jetzt geht die Sache endlos weiter.
Ohli 30.07.2010
3. Keine Macht der Drogenmafia
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Die Abteilung der UN, die sich des Themas Drogen angenommen hat, gibt auf ihren jählich stattfindenden Konferenzen in Wien seit 2 Jahren bekannt, das der "War on Drugs", der hauptsächlich in den 80er Jahren von Ronald Reagan proklamiert wurde, verloren ist. Jahrzehnte in denen Milliarden für die Strafverfolgung ausgegeben wurden, umsonst. Der weltweite illegale Drogenanbau hat sich erhöht, die Verkaufszahlen und der Umsatz haben sich erhöht (geschätzte 500 Milliarden US-Dollar wurden im vergangenen Jahr weltweit mit illegalen Drogen umgesetzt). Weiter so wie bisher, bedeutet weitere Profite für die organisierte Kriminalität, weiter Korruption, weiter mit dem Elend und Leid. Eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Illusion, sagte einmal der Drogenbeauftragte der Regierung Kohl, Eduard Lintner. Das Ziel muss eine staatlich regulierte Vergabe aller zur Zeit illegalen Drogen sein. Wie eine erfolgreiche Drogenpolitik aussehen kann, zeigt der "Frankfurter Weg" und deren Projekt mit der Heroinvergabe an schwerstabhängige. Regulierung statt Repression, Akzeptanz und Toleranz, statt Stigmatisierung und Strafverfolgung von Konsumenten. Es wäre auf jeden Fall eimal wünschenswert, wenn man sich sachlich und pragmatisch mit dem Thema Drogen auseinandersetzen würde, statt wie bisher polemisch und emotional. Einen schönen Tag noch, wünscht Ohli
Roller, 30.07.2010
4.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Ganz einfach: die Legalisierung aller Drogen.
obi wan 30.07.2010
5. Gegen jede Art von Titeln und Orden!!!!
Keine Ahnung wie Mexiko entkommen kann. Ich kann nur sagen: Sicher nicht durch so politisch vielleicht korrekte aber vollkommen nutzlose Konzepte wie Rauschgift legalisieren, Dialog suchen u.ä. Mal sehen wann hier die Ersten hier auftauchenk, die so etwas als alleiniges Allheilmittel ernsthaft verkaufen wollen.
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