Drohungen Polizei jagt die Amok-Trittbrettfahrer

Die anonyme Amok-Ankündigung für den Nikolaustag hat etliche Nachahmer inspiriert - aus Wut, Rache oder Langeweile. Die Polizei ist in Alarmbereitschaft, der erste Täter schon verurteilt. Ein 20-Jähriger aus Sachsen, der seine Schule sprengen wollte, ist noch immer spurlos verschwunden.


Stuttgart - Tausenden Schülern, Eltern und Lehrern im Südwesten Deutschlands steht ein weiterer Tag mit der Angst vor einem möglichen Amoklauf bevor. Die Polizei werde auch heute an den Schulen präsent sein, sagte ein Sprecher. "Es wird nur langsam wieder Normalität einkehren." Auch in Schleswig soll der Unterricht an einer Realschule heute unter Polizeischutz stattfinden, nachdem auch dort ein Unbekannter einen Amoklauf angedroht hat.

Polizisten an einer Schule in Baden-Württemberg: "Aufgeheizte Situation"
DPA

Polizisten an einer Schule in Baden-Württemberg: "Aufgeheizte Situation"

In Baden-Württemberg sucht die Polizei weiterhin nach dem Urheber einer anonymen Warnung im Internet. Ein Unbekannter hatte im Chat eines Online-Computerspiels einen Amoklauf an seiner Schule für den Nikolaustag angedroht. Die Stuttgarter Landesregierung veröffentlichte daraufhin eine Warnung, die großes Aufsehen erregte und inzwischen in ganz Deutschland Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen hat.

Gestern Vormittag war in der Schule in Schleswig ein Zettel an einer Schultür entdeckt worden, auf dem ein Amoklauf angekündigt wurde. Nach intensiven Beratungen hätten die Behörden beschlossen, "in der gegenwärtigen aufgeheizten Situation der Schule Polizeischutz zu gewähren". Selbst wenn es sich um einen üblen Scherz handele, sei dies ein Straftatbestand, erklärte eine Sprecherin des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums. Zudem müsse der Nachahmer die Kosten des Polizeieinsatzes zahlen.

Gestern kündigten allein in Baden-Württemberg mindestens zehn Nachahmer Gewalttaten an Schulen an. Ein 19-Jähriger aus Achern wurde im Schnellverfahren zu vier Wochen Dauerarrest verurteilt. Ein 20-Jähriger im sächsischen Döbeln kündigte nach einem Schulverweis telefonisch bei der Polizei die Sprengung seiner Berufsschule an und wird seither vermisst. Im sauerländischen Marsberg wurde ein 16-Jähriger vorübergehend festgenommen, nachdem er im Internet Amokpläne angedeutet hatte. Weitere Vorfälle gab es unter anderem in Köln, Frankfurt und Saarbrücken.

Der bayerischen Polizei ging vermutlich ein echter potentieller Gewalttäter ins Netz. Der 21-Jährige hatte in einem Internet-Chatroom einen Amoklauf an seiner ehemaligen Arbeitsstätte angekündigt und war bereits am vergangenen Montag festgenommen worden. Der Chef der Münchner Mordkommission, Josef Wilfling, sagte der "Süddeutschen Zeitung", der Mann habe es ernst gemeint. Er habe sich für seine Kündigung rächen wollen. "Wir haben ihn gerade noch abgefangen", sagte Wilfling. Der Mann sei eine "tickende Zeitbombe".

Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) forderte in der Zeitung eine stärkere Überwachung des Internets durch die Polizei. Ludwig Eckinger, Chef des Verbandes Bildung und Erziehung, sagte, die Unsicherheit und Angst in den Lehrerkollegien sei derzeit groß. Eine bessere Zusammenarbeit untereinander unter Einbeziehung der Eltern sei nötig.

ffr/dpa



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