Millionengeschäft Abzocke mit Amtsanschein

Mit amtlich wirkenden Formularen soll eine Bande von Betrügern Millionen Euro ergaunert haben. Selbst vor Schulen schreckten die Abzocker nicht zurück. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ein Brüderpaar, das schnelle Autos liebt.

Zurückhaltung und Bescheidenheit scheinen nicht die ganz großen Stärken der Brüder Kaltenmeier zu sein. Frechen bei Köln: Vor dem Bürogebäude der Geschäftsmänner, gegen die neben anderen derzeit ermittelt wird, parken ein weißes Audi-Coupé und ein knallgelbes Cabrio der Marke Ferrari. Blitzblank poliert funkeln die Karossen in der Abendsonne, während die SPIEGEL-TV-Reporter abgekanzelt werden: "Kein Kommentar!"

Zwei Wochen zuvor hatten die Kaltenmeiers ihren Besuch noch hineinlassen müssen. Damals schlugen Beamte der Staatsanwaltschaft Düsseldorf mit einem Durchsuchungsbefehl auf. Gleichzeitig filzten 100 andere Fahnder weitere 15 Büros, Kanzleien und Wohnungen im Rheinland. Acht Personen verdächtigen die Ermittler inzwischen, mehr als 100.000 Menschen abgezockt und einen Schaden in zweistelliger Millionenhöhe angerichtet zu haben.

Dazu dient der Gruppierung den Ermittlern zufolge die GWE-Wirtschaftsinformations GmbH mit Sitz in Düsseldorf. Das Geschäftsmodell der äußerst dubiosen Firma ist demnach simpel und funktioniert ganz analog per Brief oder Fax. Offenbar wahllos verschicken die Trickser amtlich wirkende Formulare an Unternehmen und sogar Schulen. Sie erwecken dabei den Anschein, die Angaben seien für Einträge in Firmenregister oder Adressverzeichnisse notwendig.

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Adressbuch-Abzocke: Geschäft im großen Stil

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Getäuscht vom grauen Amtspapier und dem offiziell anmutenden Charakter des Schreibens füllen vor allem Selbstständige die Formulare aus und unterschreiben anschließend. Dann folgt die böse Überraschung: Rechnungen zwischen 500 und 600 Euro flattern ins Haus. Erst jetzt schauen sich Betroffene das Dokument genauer an und stellen fest, dass sich im Kleingedruckten tatsächlich der dezente Hinweis auf die horrenden Kosten für den Eintrag in eine Datenbank findet.

Bleibt aber eine Zahlung aus, folgt in der Regel ein juristisches Donnerwetter, es hagelt Mahnungen, Inkasso-Schreiben, es wird mit dem Besuch eines Gerichtsvollziehers gedroht. Derart zermürbt oder eingeschüchtert überweisen die Opfer dann oft jeweils Hunderte Euro. Auf diese Weise könnten die GWE-Geschäftsleute in vier Jahren 30 Millionen Euro eingetrieben haben.

Einen Katalog mit Fragen sowie die Bitte um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ließ die GWE bislang unbeantwortet.

Wenig Aufwand

Der Deutsche Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität (DSW) schätzt den möglichen Gesamtschaden, den sogenannte Adressbuch-Betrüger jedes Jahr im Bundesgebiet verursachen, auf über 700 Millionen Euro, Tendenz steigend. Dabei braucht es auf der Abzockerseite neben potentiell krimineller Energie erstaunlich wenig Aufwand. Eine Portokasse, Drucker und die von einschlägigen Anwälten unterschriebenen Zahlungsaufforderungen reichen im Grunde aus.

Hilfreich für die Abzocker ist auch eine nicht immer eindeutige Rechtsprechung. So gibt es Gerichte, die insbesondere das von der GWE aktuell verwendete Formular für zulässig erachten.

"Der Richter muss in jedem Einzelfall überzeugt werden, dass eine arglistige Täuschung vorliegt", sagt der Mannheimer Rechtsanwalt Alexander Thamm. "Die entscheidende Frage dabei ist stets: Wird durch die Gestaltung des Dokuments bewusst versucht, den Geschädigten hinters Licht zu führen?" 30 Verfahren hat Thamm bislang allein gegen die GWE geführt - verloren hat er nach eigenen Angaben noch kein einziges. "Auf keinen Fall direkt zahlen", rät der Anwalt.

Keinerlei Hemmungen

Als Geschäftsführer der GWE tritt Sebastian Cyperski, 38, auf, dessen Polizeiakte Dutzende Seiten füllt. Jedoch entlarvt eine notarielle Urkunde, die SPIEGEL TV vorliegt, Thomas Kaltenmeier, 40, als Hintermann der Firma. Sebastian Cyperski hingegen scheint bloß ein Befehlsempfänger zu sein, der die Beute vollständig abliefern muss. Unterstützung erhält Thomas Kaltenmeier darüber hinaus wohl von seinem Bruder, dem Ferrari-Fan Andreas Kaltenmeier, 38.

Bei der Auswahl ihrer Opfer hatte das Brüderpaar offenbar keinerlei Hemmungen. In Wörrstadt bei Mainz etwa traf es drei Grundschulen. Getäuscht vom amtlichen Charakter der Briefe unterzeichneten die Schulleiter. Die Folge: Seit Jahren befindet sich die Verbandsgemeinde nun in einem Rechtsstreit mit den hartnäckigen Geldeintreibern.

"Es ist ein enormer Zahlungsdruck, der da aufgebaut wird", sagt Barbara Weber, Direktorin an einer der betroffenen Schulen in Wallertheim. Die Lehrerin ärgert sich, dass ihre arglose Unterschrift und der daraus resultierende Konflikt mit der GWE die Gemeindekasse belastet.

"Ich verstehe nicht, wie man so tief sinken kann, dass es einem wirklich nur um die eigene Kasse geht, völlig egal, wen es trifft", so die Pädagogin. "Das ist Geld, das wir hier für unsere Kinder brauchen."

Auch die Kölner Fotografin Kathrin Kiss-Elder unterschrieb im März den Vertrag mit der GWE und zahlte nach der sich anschließenden Papierlawine 398 Euro - das Geld ist weg. Es sei eine perfide Masche, sagt sie. Scheinbar amtlichen Schreiben bringe man eben nicht so viel Misstrauen entgegen wie möglicherweise dem Brief einer Firma. "Ich gehe doch nicht davon aus", sagt Kiss-Elder, "dass die 'Gewerbeauskunftszentrale' mir etwas Böses will."

Die Abteilung für Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, ansonsten mit weitaus größeren Verfahren befasst, ermittelt inzwischen wegen gewerbsmäßigen Betrugs in der Sache. Rund 4500 Anzeigen gegen Geschäftsführer Sebastian Cyperski konnten die Top-Fahnder irgendwann nicht mehr ignorieren. Es scheint, als hätten es die Sportwagenfreunde Kaltenmeier am Ende vielleicht doch übertrieben.


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