Prozess gegen mutmaßliche IS-Frau Als Teenager in den Krieg
Sarah O. im Gerichtssaal
Foto: David Young/ DPADas Mädchen war 15 Jahre alt, als es nach Ansicht der Ermittler beschloss, für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in den Krieg zu ziehen.
Sarah O. schmiss das Gymnasium in der zehnten Klasse, packte ihre Sachen und machte sich im Oktober 2013 von Konstanz aus auf nach Syrien. Nun sitzt sie im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Düsseldorf auf der Anklagebank. Das Gericht am Rande der Stadt gleicht einer Festung.
Sarah O. ist eine zierliche junge Frau. Ihr hüftlanges Haar trägt sie offen. Um kurz nach 10 Uhr wird sie von Justizbeamten in den Saal geführt. Ihre schwarz umrandete Brille wirkt zu groß in ihrem schmalen Gesicht. Die Bundesanwaltschaft wirft der inzwischen 21-Jährigen IS-Mitgliedschaft, Beteiligung an Kriegsverbrechen, Menschenhandel und Freiheitsberaubung vor. Auch eine Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist aus Sicht des Senats unter Vorsitz von Richter Lars Bachler möglich.
Verhandelt wird hinter verschlossenen Türen. Auf Antrag von Verteidiger Ali Aydin wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Zuschauer und Journalisten müssen den Saal verlassen, noch bevor Oberstaatsanwalt Simon Henrichs die Anklage verliest. Sarah O. soll die Taten von Ende Januar 2014 bis Oktober 2017 und damit als Jugendliche und Heranwachsende begangen haben.
"Der Ausschluss der Öffentlichkeit ist im Interesse der Erziehung der Angeklagten geboten", sagt auch der Oberstaatsanwalt. Zwar gebe es ein gesteigertes Informationsbedürfnis, "entscheidend ist jedoch, dass die Angeklagte zum Zeitpunkt ihrer Ausreise in Richtung Syrien erst 15, zu Beginn der Tatzeit gerade einmal 16 und am Ende 19 Jahre alt war." Der Schutz der Jugend gehe vor. Die Angeklagte sei vor "Bloßstellung und Stigmatisierung" zu bewahren.
Sie heiratete einen IS-Kämpfer
So wird die Öffentlichkeit keine Einzelheiten darüber erfahren, wie sich Sarah O. noch in Deutschland immer weiter radikalisierte. Auch nicht über ihr Leben in Syrien, wo sie wenige Monate nach ihrer Ankunft Ende 2013 den mutmaßlich hochrangigen IS-Kämpfer Ismail S. heiratete und in den Folgejahren drei Töchter bekam. Im Februar 2018 reiste Sarah O. in die Türkei aus. Im September 2018 wurde sie nach Deutschland abgeschoben. Seither ist sie in Untersuchungshaft.
Sarah O. ist die Tochter eines Algeriers und einer Deutschen. In den Sommerferien soll sie vor ihrer Ausreise nach Syrien eine religiöse Schule in Algerien besucht haben. Danach soll sie sich verändert haben. Die Ermittler glauben, dass Sarah O. zum Kämpfen zum IS gegangen sei.
In Syrien soll sie mit ihrem Mann und den Kindern in Wohnungen gelebt haben, deren Eigentümer vom IS vertrieben oder getötet wurden. In ihrer Gewalt sollen sich zwei jesidische Frauen und ein jesidisches Mädchen als Sklavinnen befunden haben. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft diente die Sklavenhaltung den Zielen des IS, die jesidische Bevölkerung gewaltsam zur Aufgabe ihres Glaubens und zum Anschluss an den Islam zu zwingen. Sarah O. soll zudem gemeinsam mit ihrem Mann Wach- und Polizeidienste für den IS geleistet und versucht haben, über das Internet weitere Menschen für die Terrorgruppe anzuwerben.
Sarah O. will sich vor Gericht zu den Vorwürfen äußern, nicht an diesem Tag, aber an einem der folgenden Verhandlungstage. Was sie sagen wird, deutet ihr Verteidiger außerhalb des Saales an. "Ich gehe davon aus, dass meine Mandantin zu keinem Zeitpunkt Herrschaft über Sklaven hatte", sagt Anwalt Aydin. Sarah O. habe sich auch nie an Wachdiensten beteiligt.
Auch die Schwiegereltern sitzen auf der Anklagebank
Ihr Mann, Ismail S., befindet sich noch immer in der Türkei. Den deutschen Behörden ist er wohlbekannt. Als Jugendlicher hatte er im Sommer 2008 zusammen mit seinem Bruder in Köln versucht, Polizisten in einen Hinterhalt zu locken, um ihre Waffen zu entwenden. In einer Art Testament gaben sie bekannt, mit den Waffen US-Soldaten töten und als Märtyrer sterben zu wollen. Nach einer Jugendstrafe reisten die Brüder nach Syrien aus.
In Syrien soll Ismail S. auch mithilfe seiner in Deutschland lebenden Eltern Waffengeschäfte mit dem IS betrieben haben. Vater Ahmet, 51, und Mutter Perihan S., 48, sitzen mit Sarah O. auf der Anklagebank. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Sie sollen mit Geld und Waffenteilen ihren Söhnen dabei geholfen haben, den IS mit Waffen zu versorgen.
Der Fall von Sarah O. ist wegen ihres jungen Alters besonders, doch ein Einzelfall ist er nicht. So steht in München derzeit Jennifer W., 28, vor Gericht. Auch sie soll für den IS gearbeitet haben. Auch sie soll zusammen mit ihrem Mann Jesidinnen als Sklaven gehalten haben.
Tumult im Zuschauerbereich
Während der Senat am Mittwoch in Düsseldorf über den Ausschluss der Öffentlichkeit berät, kommt es im Wartebereich für Zuschauer zu einem Tumult.
Einer der Wartenden ist Bernhard Falk , einst Linksterrorist, mittlerweile Salafist. Nach eigenen Angaben betreut er Gefangene, regelmäßig solche, die wegen islamistischen Terrors angeklagt sind. Er nennt sie politische Gefangene. Neben ihm sitzt zufällig Gian Aldonani, sie ist im Vorstand des Zentralrats der Jesiden in Deutschland. Falk und Aldonani kennen sich nicht. Sie wechseln ein paar Worte. "Sie relativieren die Verbrechen des IS", ruft Aldonani plötzlich aufgebracht und sichtlich entsetzt. Sie fordert Falk mit Nachdruck auf, ihr ihre Visitenkarte zurückzugeben.
Falk gibt Frauen nicht die Hand, hat aber keine Scheu, mit ihnen zu sprechen. Rummel um seine Person ist er gewohnt und weiß, ihn zu nutzen. Falk provoziert, indem er ruhig bleibt und keine Anstalten macht, Aldonani ihre Karte zurückzugeben. Bis sie ihm ihre Karte schließlich aus der Hemdtasche reißt. Justizbeamte kommen hinzu und trennen die beiden.
Sie kümmere sich um jesidische Frauen und Kinder, die aus IS-Gefangenschaft freigekommen seien, sagt Aldonani hinterher. Sie wisse um deren Leid, wisse von den Vergewaltigungen und den Misshandlungen.
"Ich habe ihr ausdrücklich gesagt, dass ich nicht relativieren will, was den Jesiden Grausames geschehen ist", sagt Falk hinterher. Doch dass Frauen wie Sarah O. oder auch Jennifer W. in München der Prozess gemacht wird, halte er für Unrecht. Das liegt womöglich auch an seinem Frauenbild. Sarah O. habe den Haushalt geführt und Kinder geboren, sagt er. Als Terroristin sieht er sie nicht.