Bombenanschlag in Düsseldorf Verplappert

Der mutmaßliche Attentäter von Düsseldorf soll sich im Gefängnis mit dem Anschlag gebrüstet haben - und geriet so erneut ins Visier der Ermittler. Anscheinend machte er Ausländer für seine Geldnöte verantwortlich.

S-Bahnhof Wehrhahn
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S-Bahnhof Wehrhahn


S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf, es ist der 27. Juli 2000: An einem Geländer baumelt eine weiße Plastiktüte. Darin enthalten ist eine mit TNT gefüllte Bombe. Um 15.04 Uhr explodiert sie - mit verheerenden Folgen. Splitter fliegen bis zu hundert Meter weit. Die ersten Rettungskräfte berichten von "vielen Bewusstlosen mit großen blutenden Wunden". Ein Metallsplitter dringt in den Bauch einer schwangeren Frau ein und tötet ihr ungeborenes Baby.

Sieben Frauen und drei Männer werden zum Teil schwer verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um sechs jüdische Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion und vier Russlanddeutsche. Sie kamen vom Deutschunterricht an einer Sprachschule.

Mehr als 16 Jahre lang waren die Hintergründe des Bombenanschlags ungeklärt. Nun gehen Ermittler davon aus, den Täter gefasst zu haben: Ein Spezialeinsatzkommando nahm Ralf S. am Dienstag in Ratingen fest. Er soll den selbstgebauten Sprengsatz per Fernzünder gezündet haben, wie Staatsanwalt Ralf Herrenbrück mitteilte. S. weist den Vorwurf zurück.

Der 50-Jährige, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, ist arbeitslos und vorbestraft wegen Kleinkriminalität. Damals hatte er in der Nähe des Anschlagsorts einen Militaria-Laden betrieben. Die Anwohner in seinem Viertel fürchteten ihn als "Sheriff von Flingern", der mit dem Hund durch den Stadtteil patrouillierte oder nachts im Kampfanzug unterwegs war.

Aussage eines Mithäftlings

Auf einer Pressekonferenz gaben Polizei und Staatsanwaltschaft nun Details zu den Ermittlungen bekannt. Man habe noch einmal 69.000 Blatt Akten durchgearbeitet und mehr als 300 Spuren ausgewertet. Anstoß für neue Ermittlungen war aber wohl vor allem eine Begegnung in der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel. Dort saß S. ein, weil er eine Geldstrafe nicht gezahlt hatte.

Ein Mitinsasse meldete sich bei den Behörden: S. habe ihm gegenüber die Tat zugegeben. Laut Kriminalhauptkommissar Udo Gerhard Moll, der die Ermittlungen leitete, war dabei auch Täterwissen vorhanden - etwa, dass es sich um eine Rohrbombe mit Fernzünder gehandelt habe. Das sei im Jahr 2000 noch nicht zu verifizieren gewesen. Die Ermittler stießen zudem auf zwei Zeugen, die glaubwürdig ausgesagt hätten, dass Ralf S. solch eine Tat angekündigt habe. Er soll den Zeugen die Tat in ihren wesentlichen Zügen beschrieben haben.

Ralf Herrenbrück von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf
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Ralf Herrenbrück von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf

Eine Täteranalyse deutete ebenfalls stark auf S. hin. Er wusste viel über Waffen und Sprengstoff und verfügte über die Fähigkeiten, eine Bombe herzustellen, zum Beispiel konnte er schweißen. Ralf S. habe am Tag nach der Tat eine angemietete Wohnung gekündigt - dort soll er nach Überzeugung der Ermittler die Bombe gebaut haben. Durch seinen Militaria-Laden und seine Zeit bei der Bundeswehr habe S. zudem Kontakte gehabt, um an Sprengstoff zu kommen.

Finanzielle Misere

Auch zur Auswahl der Opfer haben die Ermittler eine Theorie: Ralf S. habe eine "fremdenfeindliche Motivation mit tief verwurzelter Aggressivität". 1999 habe die Sprachschule gegenüber seines Militaria-Ladens eine Dependance gehabt. Zwei Neonazis mit langen Ledermänteln und Kampfhunden hätten die Schüler bedroht. Als die Schüler sich gewehrt hätten, seien die beiden nicht identifizierten Männer in dem Laden von Ralf S. verschwunden. Diesen Vorfall werten Ermittler als möglicherweise motivauslösend.

Zudem hatte S. massive finanzielle Probleme. "Er machte so ziemlich alles dafür verantwortlich, dass er in einer desolaten Lage war", sagte Moll. S. sei der Überzeugung gewesen, Ausländer bekämen alles vom Staat und er nichts. Anfang 2000 leistete er einen Offenbarungseid, konnte weder Strom noch Miete für sein Geschäft bezahlen.

Rettungskräfte nach Anschlag in Düsseldorf (2000)
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Rettungskräfte nach Anschlag in Düsseldorf (2000)

Nach Überzeugung der Ermittler hat S. kein Alibi. Mal gab er an, vor der Tat in einem Laden gewesen zu sein, mal sagte er, wenige Minuten nach der Explosion in seiner Wohnung telefoniert zu haben. Es stehe fest, dass S. sich vom dem Laden zu seiner Wohnung bewegt habe. Und dazwischen liege der Tatort. Es sei inzwischen klar, dass S. damals Zeugen "massiv unter Druck gesetzt hat, insbesondere Alibizeugen", sagte Moll.

Die Summe und das Zusammenwirken der Indizien führten zur Verhaftung von Ralf S., wie Staatsanwalt Herrenbrück sagte. S. hatte bereits kurz nach dem Anschlag im Fokus der Ermittler gestanden und war festgenommen worden. Mangels Beweisen kam er wieder frei.

Der Anschlag hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Für die Opfer des Wehrhahn-Anschlags wurden fast 100.000 Mark gespendet. Als wenige Monate später ein Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge verübt wurde, forderte Bundeskanzler Gerhard Schröder einen "Aufstand der Anständigen".

ulz/dpa/AFP



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