Duisburg Gerichtsvollzieher W., der freundliche Bandido von nebenan

Tomas W., 49, ist Gerichtsvollzieher. Als herauskam, dass er Bandidos-Mitglied und Besitzer eines Vereinsheims ist, vor dem es zum tödlichen Showdown zwischen Vertretern rivalisierender Banden kam, durfte W. den Job nicht mehr ausüben. Zu Unrecht, wie nun ein Gericht entschied.

Polizei vor einem Bandidos-Vereinslokal: Rocker im Aktenarchiv
DDP

Polizei vor einem Bandidos-Vereinslokal: Rocker im Aktenarchiv

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Hamburg - Inmitten heruntergekommener Häuserblocks thront ein gelber Sombrero auf den roten Buchstaben "The Fat Mexican". Es ist der Schriftzug des Duisburger Bandido-Vereinsheims in der Charlottenstraße 84 - "Bandidos-Place" prangt in großen Lettern im Obergeschoss. Das Haus steht kurz vor dem Eingang zum Duisburger Rotlichtviertel an der Vulkanstraße.

Hier gab am 8. Oktober 2009 Hells-Angels-Mitglied Timur A. aus seinem weißen Mercedes heraus tödliche Schüsse auf den 32 Jahre alten Eschli E., Anhänger des Motorradclub "Bandidos MC" und einst in der Hooligan-Szene von Schalke 04 aktiv, ab. Der 31-jährige Schütze steht derzeit vor dem Landgericht Duisburg - wegen heimtückischen Mordes und versuchtem Totschlag in zwei Fällen.

Im Zusammenhang mit der Tat geriet auch Tomas W. ins Visier der Ermittler. Der 49-jährige Harley-Fahrer trägt die Bandido-Kutte mit Stolz, er ist der Besitzer und Eigentümer des Hauses, an dem der Sombrero hängt. Zu einem Rechtsstreit kam es, weil W. einem Beruf nachgeht, der bei einem Rocker denn doch merkwürdig anmutet: Er ist Gerichtsvollzieher beim Amtsgericht Essen, bis vor sechs Wochen tätig im Außendienst.

Als die Bandido-Verbindungen W.s im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Todesschüssen bekannt wurden, versetzte man W. dort prompt in den Innendienst - W. musste fortan Akten im Archiv sortieren. Eine regelrechte "Strafarbeit", wie sein Rechtsanwalt Volker Schröder aus Essen findet. "Dafür war mein Mandant mehr als überqualifiziert."

Nicht nur das. W., seit 33 Jahren Justizbeamter, davon seit 15 Jahren Gerichtsvollzieher, hätte zudem erhebliche Einkommenseinbußen durch die Abberufung in den Außendienst hinnehmen müssen, 30.000 Euro pro Jahr, so sein Anwalt.

W. reichte gegen seine Versetzung Klage beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ein.

Das Oberlandesgericht Hamm (OLG) als W.s vorgesetzte Behörde argumentierte hingegen, ein Beamter müsse sich auch außerhalb des Dienstes so verhalten, dass das Ansehen des Staates nicht beeinträchtigt werde und das Vertrauen der Bürger in den Öffentlichen Dienst erhalten bleibe. Neben der möglichen Bandidos-Verbindung prüfte das OLG auch, ob W. während seiner Arbeit Fehler unterlaufen sind.

Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschied nun, dass W., der seine Mitgliedschaft bei den Bandidos vor Gericht eingeräumt hatte, weiterhin als Gerichtsvollzieher arbeiten darf. Es bestehe weder der Verdacht auf strafbare Handlungen noch sei seitens der Bürger oder des Dienstherren ein "Vertrauensverlust" gegenüber W. eingetreten, heißt es in dem Beschluss, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Zudem erschließt sich nach Auffassung des Gerichts nicht, weshalb W. im Außendienst nicht mehr tragbar sein soll, beim Aktensortieren dagegen schon: Beide Tätigkeiten gehörten zur "Laufbahngruppe des mittleren Dienstes".

Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass sich W.s Mitgliedschaft bei den Bandidos negativ auf seine Arbeit ausgewirkt hätte. Der 49-Jährige übe zudem seine Tätigkeit in zwei Stadtteilen in Essen aus, während er als Bandido in Duisburg aktiv sei.

Die Richter führten außerdem an, W. dürfe nicht allein wegen seiner Bandido-Mitgliedschaft in eine Art "Sippenhaft" genommen und aus dem Außendienst entfernt werden. Die Vermietung seines Hauses an den Vorstand des Motorradclubs verstoße ebenso wenig wie die bloße Bandido-Mitgliedschaft gegen das Gesetz.

Nach sechs Wochen Archivarbeit werde Tomas W. am Montag um 9 Uhr wieder als Gerichtsvollzieher seine Runden durch Essen machen, erklärte Rechtsanwalt Schröder. Die Lederjacke mit dem Bandidos-Emblem auf dem Rücken lasse er dabei allerdings zu Hause im Schrank.

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