Duisburg Kind vernachlässigt - Eltern festgenommen

Es scheint kein Ende zu nehmen: Nach dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin hat die Polizei erneut ein vernachlässigtes und schwer misshandeltes Kind entdeckt. In Duisburg fanden Beamte in einer verwahrlosten Wohnung einen verletzten Zweijährigen.


Duisburg - Die 24-jährige Mutter und ihr Lebensgefährte wurden festgenommen, wie die Polizei heute mitteilte. Das Kind habe Schwellungen am Körper und eine Brandwunde am Fuß. Die Verletzungen seien die Folge von Bestrafungen des Jungen gewesen, wenn er in die Hose gemacht habe. Unterdessen ging der politische Streit um den Schutz von Kindern weiter.

Der zweijährige Junge musste laut Polizei in der Wohnung auf dem Fußboden schlafen, ein Bett gab es nicht. Auch sei er schlecht ernährt gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Die Mutter und ihr Lebensgefährte, der nicht der leibliche Vater des Kindes ist, beschuldigten sich gegenseitig der Misshandlungen. Beide sind arbeitslos und Drogenkonsumenten. Die Polizei war gestern wegen eines Streits zwischen den beiden alarmiert worden. Dabei entdeckten die Beamten das auf dem Boden liegende Kind und verständigten sofort einen Arzt.

Die schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht warf dem Bund unterdessen mangelnde Aktivitäten beim Kinderschutz vor. "Im Rahmen einer Sonderkonferenz am 24. November 2006 zum Thema Kinderschutz und im Rahmen von Bundesratsaktivitäten hatten wir den Druck und die Erwartung auf die Bundesebene gerichtet, doch wir sind enttäuscht worden", sagte die SPD-Politikerin dem Berliner "Tagesspiegel". Weil ihr Land nicht länger warten, sondern eigene Möglichkeiten ausschöpfen wolle, habe es ein eigenes Kinderschutzgesetz verabschiedet.

"Ich weiß, dass sich auch andere Bundesländer auf den Weg gemacht haben, ein solches oder ähnliches Gesetz zu verabschieden", sagte Trauernicht. Sie halte das für erforderlich: "Gut wäre es gewesen, wenn die Bundesebene dies koordiniert hätte, damit die rechtlichen Situationen in den einzelnen Ländern gleich gewesen wären."

Der Stadtrat von Schwerin will die Aufklärung des Hungertods von Lea-Sophie wohl mit eigenen Untersuchungen vorantreiben. Es wird ein Gremium aus Vertretern aller Fraktionen geben, das parallel zu den laufenden Prüfungen der Verwaltung eigene Ergebnisse beisteuern soll, wie der Vorsitzende der Fraktion CDU/Liberale, Gert Rudolf, ankündigte. Darüber herrsche weitgehend Einigkeit in der Stadtvertretung. Er gehe davon aus, dass am 10. Dezember ein entsprechender Beschluss gefasst werde.

Zuvor hatte bereits die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses des Schweriner Stadtparlaments, Silke Gajek, auf eine Überprüfung der Jugendarbeit durch die Politik gedrungen. Dabei solle über den Fall Lea-Sophie hinaus untersucht werden, ob die Voraussetzungen für eine angemessene Jugendarbeit überhaupt gegeben seien und was sich ändern müsse. Die Stadtverwaltung hatte ebenfalls angekündigt, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einem Untersuchungsbericht begleiten zu wollen.

Heute erschien in der "Schweriner Volkszeitung" eine Traueranzeige zum Tod des Mädchens. Darin werfen die Großeltern noch einmal die Frage nach dem Warum auf. Sie bedauern zudem ihre eigene Hilflosigkeit: "Wir waren zu schwach, um dir zu helfen." Die Anzeige schließt mit den Worten: "Wir werden dich immer lieb haben!" Das Mädchen war in der Nacht zum vergangenen Mittwoch in Schwerin an den Folgen monatelanger Vernachlässigung gestorben. Die Eltern, die in Untersuchungshaft sitzen, hatten sie verhungern und verdursten lassen. Bei ihrem Tod hat Lea-Sophie nur noch 7,4 Kilogramm gewogen.



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