Duisburger Mafiamorde Das blutige Mosaik

Es war das brutale Ende einer Geburtstagsfeier: Die Killer kamen mit Schnellfeuerwaffen, sie schossen mehr als 70 Mal - sechs Italiener starben im August 2007 vor einer Duisburger Pizzeria. In Kalabrien stehen die mutmaßlichen Täter nun vor Gericht. Die Aufklärung läuft schleppend.

DPA

Rom/Locri - Es ist nicht so, als wären die Scheinwerfer der Fernsehnation auf ihn gerichtet. Ein Vierteljahr ist es bereits her, dass der Prozess gegen den 31-jährigen Giovanni Strangio in dem kalabrischen Seebad Locri eröffnet wurde. Strangio gilt als Drahtzieher der sechs Mafiamorde von Duisburg vor knapp drei Jahren. Doch die Italiener fasziniert, wenn überhaupt, derzeit mehr, wo und wie in diesen Tagen Coup auf Coup gegen die Bosse der Camorra und 'Ndrangheta gelingt. Unterdessen fügt sich im Prozess von Locri nur stückchenweise ein blutiges Mosaik zusammen.

Was sich in dem Küstenstädtchen im Südosten Kalabriens abspielt, ist schon merkwürdig. Vor dem Geschworenengericht in Locri muss sich nicht allein der "planende Kopf" des Blutbades von Duisburg im August 2007 verantworten. Denn die Staatsanwälte hatten sich mit ihrem Antrag durchgesetzt, diesen mörderischen Höhepunkt der Familienfehde der 'Ndrangheta-Clans Pelle-Vottari und Nirta-Strangio in ein bereits laufendes Massenverfahren zu integrieren.

Also stehen 14 mutmaßliche Mafiosi aus der Verbrechenshochburg San Luca vor Gericht. Und somit dreht sich nicht alles nur um Giovanni Strangio, auch wenn die Duisburger Bluttat als Rache für den Mord an seiner Cousine Maria Strangio an Weihnachten des Jahres 2006 gilt.

Als vor der Pizzeria "Da Bruno" sechs Italiener auf einer Straße im Kugelhagel umkamen, alarmierte dieses "Massaker von Duisburg" auch die deutschen Mafia-Fahnder. Zuvor galt die Bundesrepublik eher als Rückzugsraum für Killer und Geschäftemacher denn als Schauplatz brutaler Mafia-Taten - und inzwischen ist das wohl wieder so.

Überwachungskameras vor der Duisburger Pizzeria

Die enge Zusammenarbeit italienischer und deutscher Fahnder füllte dann nicht nur 100.000 Aktenseiten - sie führte schließlich auch zum Durchbruch. Zunächst gingen Giovanni Strangio und Giuseppe Nirta in ihrem Amsterdamer Unterschlupf den Beamten ins Netz. Sie wurden an Italien ausgeliefert. Der mutmaßliche dritte Schütze Sebastiano Nirta kam erst im Februar hinter Gitter.

Auch wenn das Verfahren kaum Schlagzeilen macht, so kommt es doch nach und nach voran. Eine frische DNA-Analyse durch Erbgutfachmann Giancarlo Maugeri hat nun bestätigt: Der genetische Fingerabdruck des Hauptangeklagten ist identisch mit einigen Spuren in einem Renault Clio, den die Täter von Duisburg der Anklage zufolge benutzt haben. Auch Schießpulver spürten die Fahnder auf, als sie das in Belgien gefundene Auto inspizierten.

Ein deutscher Ballistik-Experte berichtete den Geschworenen in Locri, diese Spuren seien "kompatibel" mit dem, was man an dem Tatort in einer Patronenhülse gefunden habe, wie die Prozessbeobachter der italienischen Nachrichtenagentur Ansa meldeten. Zudem will eine Duisburgerin Strangio vier Tage vor der Tat in der Nähe gesehen haben.

Doch "peccato", wie der Italiener sagt: Schade, dass während des sechsfachen Mordes keine Überwachungskamera an diesem kleinen Platz direkt auf das Geschehen gerichtet war, wie ein Polizist aus Duisburg den Geschworenen erklären musste. Festgehalten hatten die Videoaugen in der Nähe des Lokals nur einen etwa 1,75 Meter großen Mann mit Hut, dem etwas aus der Jacke ragte. Doch das war Stunden vor dem Blutbad, wie Prozessbeobachter notierten.

Und Giovanni Strangio selbst dürfte das kaum erläutern wollen, wenn er - wohl an diesem Freitag - befragt werden sollte. Noch gibt es viel zu klären in dem Prozess, der auf den Mord an Maria Strangio zu Weihnachten 2006 zurückgeht: Eine schon alte Blutfehde war neu ausgebrochen. Und mit Marco Marmo starb in Duisburg einer der Männer, die sie an jenem unheiligen Abend getötet haben sollen.

jdl/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.