Ehemalige KZ-Aufseherin Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 93-jährige Hamburgerin

Hilde Michnia aus Hamburg soll 1945 an einem Todesmarsch von KZ-Häftlingen beteiligt gewesen sein, bei dem 1400 Menschen starben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die 93-Jährige.


Hamburg - Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat ein Ermittlungsverfahren gegen eine 93-Jährige eröffnet, die im Verdacht steht, für ein nationalsozialistisches Gewaltverbrechen mitverantwortlich gewesen zu sein. Gegen Hilde Michnia werde wegen Beihilfe zum Mord ermittelt, bestätigte Oberstaatsanwalt Carsten Rinio SPIEGEL ONLINE einen entsprechenden Bericht der "Welt am Sonntag".

Demnach soll Hilde Michnia Anfang 1945 als SS-Aufseherin an einem Todesmarsch von KZ-Häftlingen beteiligt gewesen sein. 2000 Frauen hätten damals vom KZ Groß-Rosen nach Gubin laufen müssen, 1400 seien dabei ums Leben gekommen. Laut Bericht war Michnia damals im Konzentrationslager Bergen-Belsen tätig gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie in diesem Zusammenhang zu einem Jahr Haft verurteilt.

Vergangene Woche erstattete nun der Lüneburger Hans-Jürgen Brennecke Strafanzeige gegen Hilde Michnia. Brennecke, Jahrgang 1944, setzt sich seit Jahren für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ein.

"Ach, ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche"

Die Staatsanwaltschaft prüft nun mehrere Quellen, unter anderem Audio- und Videomaterial, die in der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu finden sein sollen. Es soll sich um ein Interview mit der 93-Jährigen handeln, das 2004 geführt wurde. Auszüge davon sind in einem irischen Dokumentarfilm zu sehen.

Noch sei nicht klar, welche Rolle die Seniorin bei dem Todesmarsch gespielt habe, so Rinio. Michnia selbst sagte der "Welt": "Ach, ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche." Sie habe nichts gesehen, über die Vorgänge im Lager in Bergen-Belsen habe sie sich keine Gedanken gemacht.

Bei der Staatsanwaltschaft Hamburg hat ein Sonderdezernat die Ermittlungen übernommen. Momentan beschäftige sich die Abteilung mit drei Fällen, sagte Rinio. Neben Michnia werde gegen den 93 Jahre alten Gerhard S. ermittelt. Er soll die SS-Kompanie angeführt haben, die 1944 ein Massaker im italienischen Sant'Anna di Stazzema verübte. Zudem gebe es ein Vorermittlungsverfahren gegen einen weiteren Mann jenseits der 90.

gam

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.