Tod einer Afghanin in Berlin »Sie war die beste Mutter der Welt«

Zwei junge Männer sollen ihre Schwester ermordet haben. Auch deren 13-jähriger Sohn wurde vernommen – die Worte an seine Onkel sind so beklemmend wie bewegend: »Das hat null mit Ehre zu tun.«
Von Wiebke Ramm
Angeklagter Yousuf H.: Angst, Schrecken und Kontrolle

Angeklagter Yousuf H.: Angst, Schrecken und Kontrolle

Foto: Olaf Wagner / imago images/Olaf Wagner

Der Junge hat eine Botschaft an seine Onkel. Für einen Moment blickt der 13-Jährige direkt in die Kamera. Nur kurz hält er den Blick. Seine beiden Onkel, Mahdi und Yousuf H., seien keine Männer, sagt er. Sie seien auch keine Muslime, schon gar keine Ehrenmänner. »Die sind das Schlimmste, was es geben kann«, sagt der Junge. »Sogar Tiere sind besser.«

Die Leinwand hängt etwas erhöht links neben der Richterbank. Überlebensgroß blickt der Junge von dort an diesem Freitag auf seine beiden Onkel auf der Anklagebank herab. Die Aufnahme ist im November 2021 entstanden. Um dem Jungen eine Aussage im Gerichtssaal zu ersparen, wurde die richterliche Vernehmung auf Video aufgezeichnet.

Seine Mutter ist tot. Ihre Brüder haben laut Anklage Maryam H. am 13. Juli 2021 in Berlin ermordet. Mit ihrer toten Schwester im Koffer sollen Mahdi, 23, und Yousuf H., 27, im ICE von Berlin nach Bayern gereist sein. Die Leiche der 34-Jährigen wurde Anfang August am Rande eines Feldweges gefunden.

Gegen die Mauer des Schweigens

Seit März müssen sich Yousuf und Mahdi H. vor der 22. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin verantworten. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft haben sie ihre Schwester ermordet, weil Maryam H. selbst über ihr Leben bestimmen wollte.

Von einem Ehrenmord sei die Rede, sagt ihr Sohn. Doch der Begriff sei falsch. »Das hat null mit Ehre zu tun. Das hat was mit Ehrlosigkeit zu tun.«

Der Junge spricht rund eineinhalb Stunden lang. Im schwarzen Hemd sitzt er da. Ein Schüler der neunten Klasse, fast 14 Jahre alt, der reifer wirkt als andere in seinem Alter. Er spricht ruhig und konzentriert. Er muss nicht aussagen, er hat das Recht zu schweigen. Doch der Junge will reden. Er will die Mauer des Schweigens in seiner Familie zum Einsturz bringen. Und deshalb spricht er nun über Jahre der Gewalt, der Demütigung, der Angst.

Stets den beiden zu Diensten

Maryam H. kam 2015 aus Afghanistan nach Deutschland. 2018 trennte sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann, mit dem sie in der Heimat zwangsverheiratet worden war. Nach der Trennung, sagt ihr Sohn, habe es angefangen: Die Brüder hätten Maryam permanent kontrollieren wollen. Auch ihn habe Yousuf ständig übers Handy angerufen, um sich nach dem Aufenthaltsort seiner Mutter zu erkundigen.

Der Sohn berichtet: Jedes Wochenende seien die Brüder bei ihnen zu Hause gewesen. Der Junge, seine jüngere Schwester, auch ihre Mutter mussten ihnen zu Diensten sein. Die Kinder durften keine Freunde treffen, nicht für die Schule lernen. Parierten sie nicht, gab es Schläge. Wenn Maryam H. zu spät nach Hause kam. Wenn ihr Sohn Yousufs Anruf nicht entgegennahm. Wenn Maryam H., ihre Tochter und ihr Sohn sich den Vorstellungen der Männer widersetzten. »Meine Mutter hat wirklich Angst gehabt.«

»Schrei nicht, du Hure«

Einmal habe Mahdi ihr ins Gesicht geschlagen. Seine Hand habe einen Abdruck auf ihrer Wange hinterlassen. Maryam habe geschrien, Yousuf ihr den Mund zugehalten. »Schrei nicht, du Hure«, habe er gesagt. »Ich konnte wirklich nichts machen«, sagt ihr Sohn zur Richterin, die ihn vernimmt. »Ich war noch ein Kind. Das war wirklich sehr schlimm für mich. Das werde ich nie vergessen.«

Das Kind hat sich aus seiner Ohnmacht befreit, so scheint es. Der Junge kämpft für seine Mutter und wehrt sich gegen seine Onkel. Nicht mit Gewalt, sondern mit Worten und der Macht des Rechtsstaats. Indem er der Richterin sagt, was er zu Hause erlebt hat.

Sie wollte nicht zur Polizei gehen

Er spricht von sexuellen Übergriffen, denen er und seine Schwester, zehn Jahre alt, ausgesetzt gewesen seien. Er habe einmal schlafend im Bett gelegen. Aufgewacht sei er von der Hand seines Onkels Mahdi in seiner Hose. Weinend sei er zu seiner Mutter gelaufen. Er solle sich von ihm fernhalten, habe sie ihm geraten. Mit ihren Brüdern zu brechen, kam für sie nie infrage.

»Sie hat ihre Brüder wirklich sehr geliebt«, das sagen ihre Kinder; das haben vor Gericht auch alle anderen Zeuginnen und Zeugen gesagt, die Maryam H. kannten. Mehrfach habe er ihr gesagt, dass sie sich nicht so behandeln lassen dürfe, dass sie zur Polizei gehen solle, sagt ihr Sohn. Doch Maryam H. wollte nicht. »Das sind meine Brüder«, habe sie gesagt.

Ein Messer am Hals

Dass sich ihre Mutter in ihren Familienhelfer verliebt hatte, wussten ihre Kinder. Seit fünf Jahren seien die beiden ein Paar gewesen. Ihre Brüder durften das nicht wissen. Doch sie ahnten es wohl längst. Der Sohn musste erleben, wie seine Onkel den Mann schlugen und ihm ein Messer an den Hals hielten. Er werde sterben, wenn er sich nicht von Maryam fernhalte, habe Yousuf gedroht. Der Junge stand draußen vor der Tür. »Ich habe gehört, wie er geschrien hat.«

Yousuf habe versucht, auf seinen Neffen einzuwirken. Als Mann habe auch er seine Mutter zu kontrollieren. »Du bist kein Mann, wenn du uns nicht Bescheid gibst, wenn du deine Mutter mit einem Mann siehst«, habe er zu ihm gesagt. »Völliger Quatsch«, sagt der Junge. Oder er habe dafür sorgen sollen, dass sie nicht nach 22 Uhr nach Hause kommt. »Aber sie ist ja eine erwachsene Frau.« Sie ist, sagt er. Nicht: sie war.

»Sie war wirklich eine sehr gute Frau«

Die Richterin fragt den Jungen, was für ein Mensch seine Mutter gewesen ist. Zurückhaltend, sagt er. Sie habe sehr viel gearbeitet, ihren Brüdern immer wieder Geld gegeben, für sie gekocht. Sie habe nie Drogen genommen, nicht geraucht, keinen Alkohol getrunken. »Sie war wirklich eine sehr gute Frau.«

Für seine Mutter sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen, ein Kopftuch zu tragen. Der Junge erklärt es der Richterin. Seine Mutter ist in Afghanistan aufgewachsen. Das Haar nicht zu bedecken – das sei dort für Frauen, als wenn sie ohne Hose das Haus verließen. Doch als Yousuf wollte, dass auch ihre Tochter ein Kopftuch trägt, habe sich Maryam H. gewehrt. »Wir sind in Europa«, habe sie gesagt. Es sei zu einem Riesenstreit gekommen.

In manchen Momenten blitzt seine Wut auf. Seine Onkel seien »zurückgebliebene Menschen«, die ihre eigene Schwäche mit Gewalt zu kaschieren versuchten, sagt er. »Die haben so getan, als wären sie Männer.« Sie hätten sich als Herrscher über Leben und Tod aufgespielt. Doch: »Sie sind kein Gott, der das entscheiden kann.«

Er hat keinerlei Zweifel daran, dass seine Onkel seine Mutter getötet haben. Begreifen kann er es nicht. »Das ist für mich wirklich ein Rätsel, warum sie das getan haben. Warum tut man so was?«, fragt er. »Wie können die damit weiterleben?«

Eine Woche vor ihrem Tod hätten Yousuf und Mahdi H. ein Spiel vorgeschlagen. Gemeinsam sollten sie alle ihre Körpergröße messen und sich wiegen. Diese Situation sei ihm wieder eingefallen, als er erfuhr, dass seine tote Mutter in einem Koffer transportiert worden sein soll. »Vielleicht deswegen«, sagt er nun. »Vielleicht wollten sie den perfekten Koffer.«

Am 13. Juli waren in Berlin Schulferien. Ihr Sohn lag noch im Bett, als sich Maryam H. am Morgen von ihm verabschiedete. Sie sagte, dass sie sich mit Yousuf treffen wolle. »Ich sah, wie sie die Tür geöffnet hat und gegangen ist. Danach habe ich sie nie wiedergesehen.« Dann sagt er noch, wie gern er die Zeit zurückdrehen würde. Er sagt: »Sie war die beste Mutter der Welt.«