Ehrenmord-Prozess "Man lebte in Kreuzberg, aber wohl nicht in Deutschland"

Eine hohe Haftstrafe, zwei Freisprüche zweiter Klasse: So endete der Berliner Prozess gegen drei türkische Brüder wegen der Ermordung ihrer Schwester. Die junge Mutter musste sterben, so das Gericht, weil ihr jüngster Bruder mit ihrem Lebensstil nicht zurechtkam.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Der Saal B129 des Landgerichts Berlin ist mit murmelnden Zuschauern voll besetzt, die Luft könnte man in Scheiben schneiden. Als Richter Michael Degreif zur Urteilsverkündung ansetzt, wird es gespenstisch still. Eine Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verhängt er gegen den jüngsten der drei angeklagten Brüder, die anderen beiden spricht er frei. "Jaaa!", rufen Freunde oder Familienmitglieder des Sürücü-Clans in die Stille hinein.

Dass der Jüngste verurteilt werden würde, war klar: Er hatte den Mord an seiner Schwester bereits gestanden. Aber die Freisprüche für die Brüder sind eine Überraschung. Während der Urteilsbegründung wird allerdings deutlich, dass es Freisprüche aus Mangel an Beweisen sind. Die Hinweise auf Mittäterschaft der beiden beruhten lediglich auf Aussagen einer Zeugin, die diese "vom Hörensagen" hatte. Es bleibe, so Degreif, "das Bild einer Möglichkeit, die im Raum stehen bleibt." Damit müssten die beiden leben.

Der Prozess, der heute zu Ende ging, war einer der Aufsehen erregendsten der letzten Jahre. Die Türkin Hatun Sürücü, Mutter eines fünf Jahre alten Sohnes, war am 7. Februar 2005 in Berlin-Tempelhof durch drei Schüsse aus nächster Nähe regelrecht hingerichtet worden. Eine Woche später verdichteten sich Hinweise, dass ihr jüngster Brüder der Schütze gewesen war. Als Indizien auftauchten, es habe sich bei der Hinrichtung um einen so genannten Ehrenmord gehandelt, entbrannte eine heftige öffentliche Debatte. "Ein besonderer Mord", der den "Rahmen des Üblichen sprenge", fasste Richter Degreif jetzt das Ergebnis des Verfahrens zusammen: "Sie wurde zum Opfer, weil sie ihr Leben lebte, wie sie es leben wollte."

"Schädliche Neigung" des Täters

Die über den zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alten Mörder verhängte Strafe liegt nur um neun Monate unterhalb der nach Jugendstrafrecht zulässigen. Das begründete der Richter damit, dass sowohl Schwere der Schuld als auch eine "schädliche Neigung" des Täters belegt seien. Zudem habe der Todesschütze die Tat "gedanklich lange vorbereitet" und mit dem Mord einem kleinen Jugen, seinem eigenen Neffen, in vollem Bewusstsein die Mutter geraubt. Einen "Rabatt" dafür, dass der Mörder nach moralischen Maßgaben handelte, die diese Tat erforderlich erscheinen ließen, könne es nicht geben: Nur die Werte der Rechtsgemeinschaft der Bundesrepublik seien gültig. Richter Degreif versuchte in seinen ausführlichen Erläuterungen ein Porträt der "ostanatolischen" Familie Sürücü zu zeichnen: "Man lebte in Kreuzberg, aber wohl nicht in Deutschland", summierte er.

Der Verurteilte nahm das Urteil anscheinend ohne Emotionen zur Kenntnis. In einen Sicherheitsglaskasten gesperrt machte er sich Notizen auf einem Zettel, sah manchmal ganz weg, schlug nur selten die Hände vors Gesicht - und lächelte ansonsten den nach und nach eintröpfelnden Freunden zu, die in den Gerichtssaal kamen. Die warfen ihrem Kumpel Handküsschen zu und verabredeten sich über Gesten mit ihm zum Telefonieren. Von Reue oder Zerknirschung war nicht viel zu spüren.

"Konstante Missbilligung durch die Familie"

Hatun Sürücüs Entfremdung von ihrer Familie begann, nachdem sie im Alter von 16 Jahren mit einem Türken in der Türkei in einer arrangierten Ehe verheiratet wurde. Sie wurde schwanger, die Verbindung jedoch scheiterte - Sürücü kehrte allein nach Berlin zurück. Nach und nach nahm sie ein westlicheres, weniger traditionelles Leben auf; sie legte zum Beispiel das Kopftuch ab und "suchte und fand Beziehungen zu jungen Männer", wie Degreif es formulierte.

Diesen Lebenswandel lehnte die Familie ab. Es habe, so Degreif, eine "konstante Missbilligung ihres eigenen Lebens durch die eigene Familie gegeben". Insbesondere ihr jüngster Bruder, der für sich in Anspruch nimmt, besonders gläubig zu sein, wollte diesen Zustand um jeden Preis beenden. Er sprach sogar mehr oder weniger offen über seine Pläne; schließlich lockte er im Februar 2005 seine Schwester aus der Wohnung in Tempelhof und schoss ihr drei Mal in den Kopf. Der Prozess kam ins Rollen, weil er seiner damaligen Freundin von der Tat berichtete. Sie sagte aus. Indizien, die auf eine Verstrickung der Brüder bei Ausführung der Tat und der Beschaffung der Waffe deuteten, konnten nicht erhärtet werden.

53 Ehrenmorde in Deutschland

Der Mord an Hatun Sürücü ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation "Terre des femmes" wurden in Deutschland von 1996 bis 2005 insgesamt 53 solcher Ehrenmorde an Frauen oder Mädchen bekannt. Gesicherte Zahlen liegen indes nicht vor, da Morde in den Kriminalstatistiken nicht nach Motiven aufgeschlüsselt erfasst werden. Die Dunkelziffer bei Gewaltverbrechen an Frauen sei jedoch sehr hoch, berichten Beratungsstellen. "Wenn es nur ein Mordversuch war, bekommt es meistens sowieso niemand mit", sagt Sybille Schreiber von Terre des femmes, "in den seltensten Fällen erstatten die Frauen Anzeige."

Ehrenmorde seien allerdings kein "islamisches Phänomen", so Schreiber. Weltweit seien 18 Länder bekannt, in denen "Morde im Namen der Ehre" an Frauen begangen würden, unter ihnen Italien und Brasilien. "Wir betrachten das grundsätzlich eher als patriarchalisches Phänomen und nicht primär als ein religiöses Problem", so Schreiber.

Richter Degreif, der heute sehr zurückhaltend und nachdenklich vorging, stellte am Ende klar: "Es ist vollkommen selbstverständlich, dass jede junge Frau, egal welcher Nationalität, hier leben darf, wie sie es möchte." Auf eine weitere politische Einordnung des Falles verzichtete er.

Angesichts des Presseinteresses nahm er sich selbst und den Staatsanwalt aber schon einmal vorauseilend gegen etwaige Kritik in Schutz: Weder das Gericht noch der Ankläger hätten sich Versäumnisse vorzuwerfen, sagte er sinngemäß. Damit bezog er sich möglicherweise auf Vorhaltungen, wonach Gerüchten über eine angebliche sexuelle Misshandlung von Hatun Sürücü durch einen ihrer Bruder nicht tatkräftig genug nachgegangen worden sei. Die Staatsanwaltschaft kündigte noch am Donnerstag an, Revision gegen die Urteile einzulegen. Sie hatte für die beiden Älteren wegen gemeinschaftlichen Mordes lebenslange Haft und für den Jüngeren eine Jugendstrafe von neun Jahren und acht Monaten gefordert.

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