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29. Januar 2009, 09:33 Uhr

"Ehrenmord"-Prozess

Verteidigung setzt auf verminderte Schuldfähigkeit

"Mord kommt nicht in Betracht": Im Prozess um den sogenannten Ehrenmord an der Deutsch-Afghanin Morsal Obeidi wollen die Verteidiger des angeklagten Bruders auf Totschlag sowie verminderte Schuldfähigkeit plädieren.

Hamburg - Der Anwalt des 24-jährigen Angeklagten erklärte am Donnerstag, das vom Gericht in Auftrag gegebene psychiatrische Gutachten und die Beweisaufnahme hätten ergeben, dass sein Mandant die Schwester vor dem Hintergrund einer Persönlichkeitsstörung im Affekt getötet habe. "Ich gehe davon aus, dass Mord nicht in Betracht kommt", so Thomas Bliwier.

Eben dieses Gutachten wird von der Anklagevertretung abgelehnt. "Die Staatsanwaltschaft hat Schwierigkeiten mit den Feststellungen der Sachverständigen", erklärte deren Sprecher Wilhelm Möllers. Die Expertin hatte dem Angeklagten eine "krankhafte narzisstische Störung mit Hang zu explosiven Gewaltausbrüchen" attestiert, aufgrund derer sie ihn für vermindert schuldfähig halte. Die Anklage lehnt sie als befangen ab und hat einen entsprechenden Antrag gestellt.

Ursprünglich waren die Plädoyers für Freitag geplant. Wegen des Streits über die Gutachterin wird sich der Termin aber möglicherweise verschieben. Das Gericht hatte vorsorglich bereits einen weiteren Prozesstag angesetzt. Demnach könnten die Plädoyers am nächsten Donnerstag gehalten werden, ein Urteil würde dann wohl am 13. Februar fallen.

Die Staatsanwaltschaft geht eigenen Angaben zufolge weiterhin von einem Mord aus und betrachtet den 24-Jährigen als voll schuldfähig. "Wir sind der Meinung, dass der Angeklagte planvoll vorging", sagte deren Sprecher.

In dem Verfahren vor dem Landgericht Hamburg muss sich der 24-Jährige seit Dezember wegen einer tödlichen Messerattacke auf seine Schwester verantworten. Er soll Morsal Obeidi am 15. Mai vergangenen Jahres auf einem Parkplatz im Hamburger Stadtteil St. Georg in eine Falle gelockt und mit 23 Messerstichen getötet haben, weil er ihren Lebensstil missbilligte.

Das Verbrechen hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Schon zuvor soll er die junge Frau wiederholt geschlagen und getreten haben. Vor Gericht schwieg der Mann bislang. Er hatte die Tötung Morsals zuvor bei der Polizei gestanden.

ala/dpa

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