Ein Schulbeispiel Die vermeintliche Messerattacke von Zehlendorf

Aufregung in einer Schule in Berlin-Zehlendorf: Zwischen Lehrern und Schülern sei es zu einer Schlägerei gekommen, hieß es. Ein Schüler sei dabei mit einem Messer verletzt worden. Doch am Ort des Geschehens stellt sich die Situation etwas anders dar.

Von


Berlin - Die Leistikow-Oberschule liegt in einer kleinen idyllischen Straße in Berlin-Zehlendorf. Vor den großen Einfamilienhäusern stehen riesige Bäume, Vögel zwitschern. Aber heute hat die Polizei um das ockerfarbende Hauptschulgebäude großräumig rot-weißes Absperrband  gespannt. Eine Anwohnerin, die mit ihrem Koffer die Straße passieren will, wird mit Polizeischutz durch das Sperrgebiet geleitet. Verwirrung herrscht auch bei Lehrern, die erst am späten Vormittag an ihrem Arbeitsplatz eintreffen. "Wie soll ich denn hier reinkommen", fragt ein Mann.

Presserummel vor der Leistikow-Oberschule: "Der Streit wurde vom Vater begonnen"
SPIEGEL ONLINE

Presserummel vor der Leistikow-Oberschule: "Der Streit wurde vom Vater begonnen"

Dutzende Reporter haben ihre Kameras aufgebaut. Der Grund für die Aufregung: Am Morgen, so hatten die Nachrichtenagenturen gemeldet, sei es zu einer Schlägerei zwischen Lehrern und Schülern gekommen. Und auf die Leistikow-Schule war auch der Jugendliche gegangen, der bei der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs vor zweieinhalb Wochen über dreißig Menschen mit dem Messer verletzt hatte. Auch der mutmaßliche Mörder des kleinen Christian, der im August 2005 erschlagen worden war, war dort Schüler. Gegen den 17-Jährigen wurde heute das Urteil gesprochen: zehn Jahre Jugendstrafe. Die Nachfolgerin der berüchtigten Rütli-Schule in Neukölln schien gefunden.

Doch hier sind keine Schüler, die vor den Journalisten posieren. Stattdessen steht ein Polizeipressesprecher auf dem Bürgersteig, Marcel Kuhlmey, und gibt brav jedem Kamerateam das gewünschte Statement: Am Morgen gegen 8.40 Uhr sei es vor der Schule zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen. Ein 16-Jähriger sei dabei leicht verletzt worden. Beteiligt waren mehrere Schüler.

"Über das Motiv können wir noch nichts sagen", sagt Kuhlmey. Vorausgegangen sei dem Vorfall ein Streit zwischen zwei Schülern am vorigen Abend. Einer der Streitenden, der Verletzte, war mit seinem Vater wegen des Vorfalls zum Gespräch mit dem Sozialarbeiter gebeten worden. "Aber weiter kann ich Ihnen wirklich nichts sagen." Der Fall sei sehr verworren, dadurch, dass viele an dem Vorfall beteiligt waren, gebe es auch viele Versionen. "Wir gehen von wechselseitiger Körperverletzung aus", so Kuhlmey.

Während der Sprecher redet, lehnen sich Schüler aus den Fenstern ihrer Klassenräume. Als ein Reporter auf sie zugehen will, schließen sie schnell die Fenster. Keiner soll und will hier sprechen.

Kein Messer im Spiel

Eine Stunde zuvor war ein Rettungshubschrauber bei der Schule gelandet, sagt der Sprecher. "Es hieß ja erst, dass jemand mit dem Messer in den Hals gestochen worden sei", erzählt ein Beamter. Mehrere Tatverdächtige nahm die Polizei fest. Es wurden neun Strafanzeigen erstattet.

Inzwischen ist jedoch klar, dass die anfänglichen Meldungen falsch sind. Vermutlich sei kein Messer im Spiel gewesen, sagt Kuhlmey jetzt. Vielmehr sei der Schüler durch "einen stumpfen Gegenstand, vielleicht einen Schuh" verletzt worden und habe eine Platzwunde "hinterm Ohr".

Auch ein anderes Detail stellt sich anders dar als zunächst vermutet. Nicht die Schüler sind offensichtlich ausgerastet, sondern ein Vater. "Der Streit wurde von dem Vater begonnen", sagt Kuhlmey. Als der mit seinem Sohn wegen des gestrigen Streits zu einem Gespräch mit einem Sozialarbeiter kam, habe er den Jugendlichen gesehen, der sich gestern mit seinem Sohn gestritten hatte. "Und er hat ihn sofort angegriffen." Als der Sozialarbeiter die beiden Streitenden in sein Zimmer holen wollte, seien andere Jugendliche dazu gekommen, wieder habe es Handgreiflichkeiten gegeben. Bis schließlich der 16-Jährige seine Flucht antrat und durch ein offenes Fenster ins Gebüsch sprang. Draußen sei es dann zu einer regelrechten Schlägerei gekommen, bei der der 16-Jährige verletzt worden sei.

Nach zwei Stunden rollt ein Polizist die Absperrbänder wieder ein. Seine Begründung: "Keine besondere Dramatik."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.