Einbruch ins Grüne Gewölbe Ein Tatverdächtiger war rechtskräftig verurteilt, aber frei

Drei Angehörige des Remmo-Clans wurden im Fall des Kunstdiebstahls im Dresdner Grünen Gewölbe festgenommen. Einer von ihnen war bereits rechtskräftig verurteilt – er wurde aber nie zum Haftantritt aufgefordert.
Dresden: Spurensicherung vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe (Archivbild)

Dresden: Spurensicherung vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe (Archivbild)

Foto: Sebastian Kahnert / picture alliance/dpa

Nach der Großrazzia im Zusammenhang mit dem Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden sind zwei Tatverdächtige flüchtig, drei weitere konnten festgenommen werden.

Einer der Männer, die am Dienstag gefasst wurden, muss wegen eines anderen Diebstahls noch eine Freiheitsstrafe in Berlin absitzen. Nach Informationen von SPIEGEL TV handelt es sich um Wissam Remmo. Der heute 23-Jährige war im Februar 2020 als Beteiligter am Diebstahl einer 100 Kilo schweren Goldmünze auf der Museumsinsel zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden, die Jugendstrafe war seit September rechtskräftig.

Das für die Vollstreckung zuständige Amtsgericht Tiergarten hat den Mann aber bisher nicht zum Haftantritt aufgefordert, wie eine Gerichtssprecherin bestätigte.

Von der U-Haft verschont

Zwei Mitangeklagte im Fall der Goldmünze »Big Maple Leaf« hatten Revision gegen den Schuldspruch beantragt, der 23-Jährige hatte seine Strafe allerdings angenommen. Nach seiner Festnahme im Jahr 2017 war er von der Untersuchungshaft mit der Bedingung verschont worden, sich dreimal in der Woche bei der Polizei zu melden und alle 14 Tage die Teilnahme an einem Kurierdienstpraktikum zu bescheinigen. Diese Bedingungen habe der Mann stets erfüllt, sagte die Gerichtssprecherin weiter.

Im Juli 2018 wurde der Haftbefehl auf Antrag der Staatsanwaltschaft Berlin aus Gründen der Verhältnismäßigkeit aufgehoben, da zu diesem Zeitpunkt der Abschluss der Ermittlungen nicht absehbar war.

Fahndung läuft international

Die Beschuldigten im Dresdner Fall gehören zu einer polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie – nach Angaben der Ermittler handelt es sich um den Berliner Remmo-Clan. 

Die Fahndung nach den beiden flüchtigen Männern dauert an. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um die 21 Jahre alten Zwillingsbrüder Abdul Majed Remmo und Mohamed Remmo. Ihnen wird schwerer Bandendiebstahl und Brandstiftung vorgeworfen, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte: »Die Fahndung läuft international.« (Lesen Sie hier alles über die Razzia und die Tatverdächtigen.)

Zwei Tatverdächtige sind weiter auf der Flucht: Abdul Majed Remmo (l.) und Mohamed Remmo

Zwei Tatverdächtige sind weiter auf der Flucht: Abdul Majed Remmo (l.) und Mohamed Remmo

Foto: Staatsanwaltschaft Dresden / Polizeidirektion Dresden

Laut Angaben der Ermittler sind die Zwillinge ebenfalls Mitglieder des Berliner Remmo-Clans, der für weitere große Straftaten wie den Goldmünzendiebstahl aus dem Berliner Bode-Museum 2017 verantwortlich gemacht wird. Am Dienstag waren drei Männer aus dem Clan im Alter von 23 und 26 Jahren festgenommen worden.

Alle drei befinden sich in Untersuchungshaft. »Sie haben sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert«, teilte die Dresdner Staatsanwaltschaft mit. Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) sprach von einem Warnzeichen an das Clanmilieu.

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Jetzt laufen die Ermittlungen. Die bei den Durchsuchungen in Berlin gesicherten Beweismittel, darunter Speichermedien, werden ausgewertet. Die Fahndung nach den beiden noch flüchtigen dringend Tatverdächtigen läuft. Bis zum Mittwochmorgen gab es zum Aufenthaltsort der beiden Gesuchten keine neuen Erkenntnisse.

Dabei steht den Kriminalisten der Soko »Epaulette« ein weiteres Stück mühsamer Puzzlearbeit bevor, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden sagte. Bei einem der spektakulärsten Einbrüche der vergangenen Jahrzehnte hatten die Täter am 25. November 2019 aus der berühmten Schatzkammer Grünes Gewölbe Schmuckstücke von kaum messbarem kunsthistorischen Wert gestohlen.

Bei dem Großeinsatz am Dienstag in Berlin mit mehr als 1600 Polizisten aus acht Bundesländern, darunter Spezialeinheiten des Bundes sowie der Länder Berlin und Sachsen, wurden bis zum Abend 20 Wohnungen, zwei Garagen, ein Café und mehrere Autos in Berlin durchsucht. Schwerpunkt war der Bezirk Neukölln.

»Clankriminalität nicht ernst genommen«

Der Bürgermeister des Bezirks, Martin Hikel (SPD), plädiert im Kampf gegen Clankriminalität für neue Wege auch bei der Beweisführung. »Das schlechteste Signal, das wir geben können, ist, dass es sich lohnt, kriminell zur werden«, sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. 

Clankriminalität sei über viele Jahre nicht richtig ernst genommen worden, sagte Hikel. »Das fällt uns ein Stück weit auf die Füße.« Mittlerweile gibt es in Berlin einen Fünfpunkteplan gegen Clankriminalität. Die Festnahmen und die Durchsuchungen im Zusammenhang mit dem Kunstdiebstahl in Dresden betrachtet Hikel als wichtiges Signal.

Die Auswertung von Überwachungskamera-Aufnahmen hatte die sächsische Polizei auf die Spur der Verdächtigen gebracht. Die vor und während des Diebstahls aufgenommenen Bilder hätten den Ermittlern wertvolle Hinweise zum Verhalten der Täter gegeben, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Am Tatort hätten die Kriminaltechniker zudem wichtige Spuren gesichert. Weitere Hinweise habe die Polizei aus dem sichergestellten Fluchtauto, einem als Taxi getarnten Mercedes 500, erlangt.

Der Remmo-Clan ist einer der größten Deutschlands, insgesamt setzt er sich aus 13 Familien zusammen. Die Polizei Berlin erstellte einst einen Stammbaum der Mitglieder, die ursprünglich einer Arabisch sprechenden Minderheit aus der Südosttürkei entstammen.

ala/dpa
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