Kriminalität Neun Irrtümer und ein Rätsel über Einbrecher in Deutschland

Die Zahl der Einbrüche steigt und steigt, viele Menschen sind verunsichert. Wer sind die Täter? Kommen die Diebe nachts? Sind Reiche besonders gefährdet? Der Faktencheck.
Gestellte Einbruchsszene

Gestellte Einbruchsszene

Foto: Daniel Maurer/dpa

Vor wenigen Wochen ging der Duisburger Kriminologe Frank Kawelovski mit seinen Studenten raus in die Dämmerung. Insgesamt 500 Mehrfamilienhäuser klapperten sie ab - rein aus wissenschaftlicher Neugier, versteht sich. Bei 25 Häusern war die Haustür offen, so dass Fremde hineingehen konnten.

"Wir wären mühelos an 240 Wohnungen und zahlreiche Keller gelangt", rechnet Kawelovski vor. Und obwohl die Tester auffielen, als sie von Haus zu Haus marschierten, wurden sie nur zweimal von Passanten angesprochen. Niemand rief die Polizei.

Ein alarmierender Befund - auch wenn es sich nur um eine Stichprobe handelt. Offenbar haben Einbrecher in Deutschland zu oft leichtes Spiel. Seit Jahren steigen die Fallzahlen. Im vorigen Jahr registrierte die Polizei bundesweit 167.136 Einbrüche, fast zehn Prozent mehr als 2014, das zeigt die jüngste Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS).

Viele Menschen sind verunsichert. Was muss man wissen? Wie soll man sich verhalten? Neun Irrtümer und ein Rätsel über Einbrecher in Deutschland.

Irrtum 1: Geld auf dem Esstisch kann Täter besänftigen

Wer 200 Euro bar auf den Esstisch legt, hofft auf einen Deal mit einem Ganoven. Der soll das Geld nehmen und im Gegenzug nichts verwüsten. Klappt nicht, sagt Reinalt Kowalewski, als Kriminalhauptkommissar bei der Bremer Polizei zuständig für Prävention. "Der Täter wird denken, es sei noch mehr zu holen, und sucht erst recht weiter."

Irrtum 2: Einbrüche geschehen hauptsächlich nachts

Gut 70 Prozent der Einbrüche geschehen zwischen 10 Uhr und 20 Uhr, also am Tag. Täter schlagen am liebsten zu, wenn die Bewohner außer Haus sind. Nur in 20 Prozent aller Fälle sind die Opfer anwesend. Das haben die Experten vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) herausgefunden, in einer umfangreichen Studie für den Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

"Einbrecher sind in der Regel keine Gewalttäter, sie wollen keine Konfrontation", sagt Polizist Kowalewski. Wer Eindringlinge wahrnehme, solle sich bemerkbar machen, rät der Experte. Licht anknipsen, laut sprechen, aber niemanden zur Rede stellen. Das Kalkül: Die Täter verschwinden dann rasch von selbst.

Irrtum 3: In oberen Stockwerken hat man nichts zu befürchten

Gerade die oberen Stockwerke eines Mehrfamilienhauses sind für Täter reizvoll. Je weiter oben, desto weniger potenzielle Störer im Treppenhaus. "Wenn ein Täter es ins Haus schafft, bricht er eher oben ein als unten", sagt Kowalewski. Im Erdgeschoss besteht die größere Gefahr darin, dass Täter von draußen Fenster und Türen aufhebeln.

Irrtum 4: Einbrecher sind Männer mit großen Taschen

Einbrecher sind darauf bedacht, unauffällig zu erscheinen. Sie wollen schnell sein - und unbemerkt verschwinden. "Ein Einbruch dauert in der Regel nicht länger als fünf Minuten", sagt der Bremer Kommissar Kowalewski. Gestohlen wird hauptsächlich, was wertvoll ist und in Jackentaschen passt: Bargeld, Schmuck, Smartphones. Auch Laptops sind begehrt, ein Fernseher ist viel zu unhandlich.

Generell gehen Kriminologen davon aus, dass hauptsächlich Männer die Täter sind. Aber eben nicht nur. BDK-Chef Schulz sagt, gerade Banden würden junge Frauen auf Klautouren schicken, weil sie grundsätzlich weniger Argwohn wecken. "Oft handelt es sich bei diesen Täterinnen um junge Mädchen mit südosteuropäischem Aussehen, oftmals erst elf oder zwölf Jahre alt."

Irrtum 5: Den Notruf wählt man nur bei Gefahr im Verzug

Wer verdächtige Personen wahrnimmt, der soll den Notruf wählen: 110. Das rät Polizist Kowalewski. "Viele trauen sich nicht anzurufen", sagt er. Das sei ein Fehler. "Jeder hat ein natürliches Bauchgefühl, und das stimmt meistens."

BDK-Mann Schulz sagt: "Lieber einmal zu viel die Polizei anrufen als einmal zu wenig." Der Beamte am anderen Ende der Leitung bittet dann um eine Beschreibung der Lage - und entscheidet, was zu tun ist. Ein falscher Alarm hat für Anrufer keine Folgen, solange man die Polizei nicht bewusst in die Irre führt.

Irrtum 6: Die größten Gefahren bestehen für Reiche

Jeder kann Opfer von Einbrechern werden - auch Menschen, die Hartz IV beziehen. Drogenabhängige Diebe zum Beispiel schlagen oft in ihrer unmittelbaren Umgebung zu. Sie suchen Bargeld für den nächsten Schuss oder ein Smartphone, das sich rasch verkaufen lässt. Beides findet sich in fast jeder deutschen Wohnung. So lohnt sich Einbruch mehr und mehr: Dem Versicherungsverband GDV zufolge ist der durchschnittliche Schaden von 2004 bis 2014 von 2350 Euro auf 3250 Euro gestiegen.

Irrtum 7: Eine Inventarliste schreibt man nach einem Einbruch

Wer Opfer von Einbrechern geworden ist, muss für Polizei und Versicherung angeben, was ihm fehlt. Und da wird es für viele schwierig. Wie sah der Schmuck aus, der gestohlen wurde? Wie viel Bargeld fehlt? Welche Nummer hat der Laptop? Wer da passen muss, bekommt möglicherweise nicht nur weniger Schadenersatz als erhofft - er schmälert auch die Chancen, die Beute wiederzufinden.

Fachmann Kowalewski empfiehlt: Jeder Haushalt sollte eine "Wertgegenstandsliste" führen. Es sei wichtig, unverwechselbare Merkmale zu notieren: Bei einem goldenen Ring eine spezielle Gravur, bei einem Laptop die Gerätenummer.

Irrtum 8: Einbrüche sind aufgeklärt, wenn Täter verurteilt wurden

Die Polizei macht es sich einfach. Ein Einbruch gilt als aufgeklärt, wenn die Beamten einen Tatverdächtigen ermittelt haben. Ob es wirklich der Täter war, ob es je einen Prozess gibt - das interessiert für die PKS nicht.

Diese Praxis kann bedeuten: Beamte haben Indizien dafür, dass ein auf frischer Tat geschnappter Ganove für 20 weitere Einbrüche verantwortlich sein könnte - dann sind im Nu 21 Fälle gelöst.

Irrtum 9: Flüchtlinge brechen mehr ein als Deutsche

BDK-Mann Schulz sagt, man müsse bei Flüchtlingen unterscheiden. "Kriegsflüchtlinge sind bei allen Straftaten unterrepräsentiert." Das heißt: Wer etwa aus Syrien oder Afghanistan stammt und in Deutschland Zuflucht sucht, werde generell in Deutschland deutlich unterdurchschnittlich straffällig. Zugleich gibt es Gruppen von Asylbewerbern, die der Polizei bei Einbrüchen große Probleme bereiten.

Dazu zählen zum Beispiel Zuwanderer vom Balkan, aus Rumänien, Bulgarien und Nordafrika sowie Asylbewerber aus Georgien. Aus einer vertraulichen Analyse des Bundeskriminalamts geht hervor, dass aus Georgien vermehrt Menschen einreisen, um Straftaten zu begehen. Ein mehrmonatiger Aufenthalt ist meist garantiert - es dauert einige Zeit, bis Asylanträge entschieden sind.

Täterrätsel: Sind Banden aus Osteuropa die schlimmste Tätergruppe?

Die Polizei erklärt den Anstieg der Einbruchszahlen vor allem damit, dass Kriminelle vor allem aus Osteuropa in Deutschland auf Beutezug gehen. Innenminister Thomas de Maizière sagte jüngst, früher seien Einbrecher häufig Junkies gewesen. "Heute werden Wohnungseinbrüche regelmäßig von ausländischen Banden verübt."

Banden als Ursache der Einbruchswelle - dafür spreche die "kriminalistische Erfahrung", sagt André Schulz, Chef vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Immer mehr Tatverdächtige würden ermittelt, die man Banden zurechnen könne.

Zugleich räumt Schulz ein, dass es keine empirischen Belege gibt. Lediglich etwa 15 Prozent der Einbrüche gelten als aufgeklärt (und was aufgeklärt bedeutet, können Sie unter Punkt 8 nachlesen). In nur knapp drei Prozent der Fälle werden Täter verurteilt, wie das KFN herausfand.

Es gibt möglicherweise nicht die eine große Gruppe der Täter. In einer KFN-Studie zu knapp 2500 Einbrüchen analysierten die Forscher vor einigen Jahren den Hintergrund der 62 verurteilten Täter. Von ihnen waren 28,8 Prozent Osteuropäer, 31,3 Prozent Drogenabhängige. Verallgemeinern aber lassen sich diese Zahlen nicht.

Zu überraschenden Ergebnissen kam eine Forschungsgruppe im Düsseldorfer Landeskriminalamt (LKA), die derzeit 10.000 Wohnungseinbrüche aus den Jahren 2011/2012 analysiert. Demnach kannten sich in der Hälfte der geklärten Fälle Täter und Opfer. Möglicherweise waren diese Täter aber auch gerade deshalb leichter zu ermitteln. Allerdings sind die untersuchten Fälle bereits einige Jahre alt und stammen aus der Zeit vor dem massiven Anstieg des Einbrüche. Auch im LKA geht man inzwischen davon aus, dass reisende Täter die aktuelle Explosion der Zahlen verursacht haben.