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Tote Bremer Lehrerin: Angeklagter Gero S. zeigt keine Reue

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Eklat in Mordprozess Angeklagter verhöhnt sein Opfer

Der Staatsanwalt war fassungslos, die Eltern des Opfers zutiefst entsetzt: Der 21-jährige Gero S. aus Bremen, der seine Ex-Lehrerin verfolgte und schließlich brutal tötete, nutzte den Mordprozess, um sein Opfer zu verhöhnen: "Was Heike säte, erntete sie", sagte er nun in der Verhandlung.

Bremen - "Wir müssen unseren Frieden finden", sagte der Vater der getöteten Lehrerin Heike Block aus Osterholz-Scharmbeck vor wenigen Tagen SPIEGEL ONLINE. Es sei für die Familie wichtig, dem Prozess gegen den Mann beizuwohnen, der ihre Tochter monatelang verfolgte, belästigte, ihr schließlich vor ihrer Haustür auflauerte und sie dann mit mehr als 20 Messerstichen tötete: Gero S., ihr ehemaliger Schüler.

Was sich an diesem Prozesstag im Verhandlungssaal des Landgerichts Bremen zutrug, wird es den Angehörigen Heike Blocks schwer machen, diesen Frieden tatsächlich zu finden.

Nachdem Staatsanwalt und Verteidigung ihre Plädoyers gehalten hatten, wurde Gero S. das Schlusswort erteilt. Der Angeklagte zeigte keinerlei Reue, im Gegenteil: Er beschimpfte sein Opfer.

Mit erhobener Stimme las Gero S. eine vorbereitete Erklärung vor - und bekundete Stolz auf seine Tat. "Was Heike säte, erntete sie. Für mich ist es eine persönliche Genugtuung, dass ich dem Schrecken ein Ende gemacht habe. Ich fühle mich innerlich befreit", so der Angeklagte. Er schäme sich, die Tat "nicht schon viel früher" begangen zu haben.

Diese Äußerungen trafen sogar berufserfahrene Juristen ins Mark. "Was machen Sie hier?", unterbrach Staatsanwalt Uwe Picard fassungslos. Er habe noch nie erlebt, dass ein Angeklagter sein Opfer "noch verhöhnt". Der Vorsitzende Richter Helmut Kellermann ließ S. zwar gewähren, erklärte jedoch: "Ich will nicht verhehlen, dass das starker Tobak ist."

Heike Blocks Eltern, die als Nebenkläger den gesamten Prozess verfolgt hatten, reagierten bestürzt. Die Mutter schlug die Hände vors Gesicht und hielt sich später die Ohren zu. Der Vater sagte, es sei für seine Frau und ihn erschreckend, mit welcher Ruhe und Gelassenheit der Angeklagte über die Tat spreche. "Ein Opfer ist genug. Weitere müssen verhindert werden", appellierte er an das Gericht.

Staatsanwalt fordert 15 Jahre Haft wegen Mordes

Gero S. hatte Heike Block, die am Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck unterrichtete, am 18. Dezember 2009 vor ihrer Wohnung aufgelauert. Sein Plan sah laut Anklage vor, sie in seine Gewalt zu bringen und mehrere Tage in ihrer Wohnung zu ihrem Lebensstil, Sex und Liebe zu verhören. Doch zu der Befragung kam es nicht. Als sich Block weigerte mitzukommen, stach S. mit einem Kampfmesser mehr als 20 Mal zu. Danach rief er über sein Handy die Polizei.

Staatsanwalt Picard forderte in seinem Plädoyer am Freitag 15 Jahre Haft wegen Mordes. Die Anklage geht davon aus, dass die Tat aus Neid und verschmähter Liebe im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit begangen wurde. Die Verwerflichkeit der Tat sei dem Täter aber durchaus bewusst gewesen. Der Angeklagte habe seine damalige Lehrerin seit Oktober 2007 "in erheblichem Maße belästigt", sagte Picard. S. habe Block nachgestellt, persönlich und per E-Mail, und habe ihr seine Liebe gestanden. Ein klassischer Fall von Stalking, wie Picard darlegte. Die darüber informierte Schulleitung habe "unprofessionell" und "stümperhaft" reagiert, kritisierte der Staatsanwalt.

Die Biologie- und Chemielehrerin unterrichtete seit 2006 an dem Gymnasium. Seit Herbst 2007 fühlte sie sich von S. belästigt, wie sie in einem Tagebuch festhielt. Sie informierte die Schulleitung und verlangte, dass er aus ihrer Klasse herausgenommen würde. Doch der Schulleiter ordnete an, dass sie dem Schüler Einzelunterricht erteilen sollte. 2008 wandte sich Block an die Polizei, weil sie S. für suizidgefährdet hielt. Danach war der junge Mann in psychiatrischer Behandlung.

"Er hatte keine Möglichkeit mehr, selbstkorrigierend in den Prozess einzugreifen"

Den Mord an Heike Block plante der 21-Jährige nach eigenen Angaben im November 2008. Am 18. Dezember 2009 befestigte er einen Peilsender am Auto der 35-Jährigen und lauerte ihr mit zwei Messern bewaffnet vor ihrer Wohnung auf. Er hatte einen Katalog mit 6500 Fragen dabei, die er ihr zu Hause stellen wollte. Ein halbes Jahr zuvor hatte er die Schule verlassen, weil er nicht zum Abitur zugelassen worden war.

Der Verteidiger von S. plädierte am Freitag auf Totschlag und verlangte eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Ein Mord liege nicht vor, weil sein Mandant subjektiv nicht aus niedrigen Beweggründen gehandelt habe. Der 21-Jährige habe sich in Hass auf sein Opfer hineingesteigert. "Er hatte keine Möglichkeit mehr, selbstkorrigierend in den Prozess einzugreifen", sagte Anwalt Gerhard Lunkmoss. Sein Mandant habe sich in einer ausweglosen Situation befunden. Er sei vereinsamt gewesen und habe sich lebensuntauglich gefühlt. Als Heike Block sich weigerte, ihn weiter zu unterrichten, sei die Liebe in Hass umgeschlagen. Andererseits habe er aber auch an ihrem Leben teilhaben und es sich sogar zu eigen machen wollen.

Anklage und Verteidigung fordern die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Zwei Gutachter hatten im Prozess ausgesagt, dass der Angeklagte an einer Persönlichkeitsstörung mit schizoiden Zügen leidet. Deshalb sei er bei dem Verbrechen vermindert schuldfähig gewesen. Von ihm gehe eine Gefahr aus, es gebe zurzeit keine Therapie für ihn.

Die Kammer will am Montag das Urteil verkünden.

siu/ddp/apn/dpa
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