Elefanten im Zirkus Tierschützer warnen vor "tickenden Zeitbomben"

Im Odenwald tötet ein Elefant aus dem Zirkus einen 65-Jährigen. Das Tier war seit Jahren als aggressiv bekannt. Liegt es an der Haltung? Die wichtigsten Fakten zur Debatte.
Zirkus Francordia: Ausgebrochener Elefant tötet Rentner

Zirkus Francordia: Ausgebrochener Elefant tötet Rentner

Foto: Rene Priebe/ dpa

Die Attacke geschah am Samstag in den frühen Morgenstunden: Im Ort Buchen im Odenwald erdrückte Zirkuselefant "Baby" den 65-jährigen Alexander H. Die Elefantendame war aus ihrem Gehege entkommen. Ihre Heimat, der Zirkus Francordia, gastiert rund hundert Meter vom Tatort entfernt.

Nach dem tödlichen Vorfall schlagen Tierschützer Alarm. "Das Unglück war wirklich abzusehen", sagte Peter Höffken, Sprecher der Tierschutzorganisation Peta. "Wir haben die Behörden immer wieder gewarnt und gefordert, das Tier aus dem Zirkus zu nehmen." Höffken kündigte an: "Wir werden Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen die Behörden stellen, die nicht gehandelt haben, und gegen den Zirkus ."

Die Antworten zur Debatte um den tödlichen Elefantenangriff:

Wer ist schuld am Tod des Rentners?

"Wir haben keinen Täter, keinen Tatverdächtigen", sagt Rainer Köller, Sprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn. Die Ermittlungen liefen gegen unbekannt. "Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie der Elefant aus dem Zeltgehege herausgekommen ist."

Derzeit gehen die Ermittler davon aus, dass der Elefant die Sicherheitsvorkehrungen nicht allein überwand: "Jemand hat das Gehege aufgemacht, oder es wurde nicht richtig verschlossen."

Details darüber, wie es am Gehege aussah, wollen die Ermittler nicht nennen. "Wenn es einen Täter gibt, dann ist der Zustand des Geheges Täterwissen", sagte Köller. Bislang haben sich laut Köller keine Zeugen gemeldet.

In der "Bild"-Zeitung erhob Zirkusdirektor Mario Frank schwere Vorwürfe gegen "die Tierschützer". Sie hätten den Elefanten freigelassen. Peta-Sprecher Peter Höffken widersprach: "Ich schließe aus, dass Tierschützer am Werk waren." Man wisse, dass ein freier Elefant für Menschen gefährlich sei. Die Aussage Franks wertet er als Reflex: Immer wenn ein Elefant ausbreche, "behaupten Zirkusdirektoren, dass Tierschützer schuld sind".

War Elefant "Baby" den Behörden als aggressives Tier bekannt?

Die eindeutige Antwort: ja. Der Biologe Tobias Dornbusch engagiert sich für die Organisation Elefanten-Schutz Europa und erstellte für Behörden mehrfach Gutachten. Demnach kam das Tier 1997 in den Zirkus. Bereits im Jahr 2000 verletzte es eine damals 32-jährige Passantin schwer. Im Jahr 2010 verlor ein junger Vater nach einer Attacke seine Niere, sein neun Monate alter Sohn wurde ebenfalls schwer verletzt. Insgesamt gab es zehn Vorfälle, Attacken und Ausbrüche.

Dornbusch sagt, er habe schon damals dazu geraten, das Tier aus dem Zirkus zu nehmen. "Wenn die Behörden darauf gehört hätten, dann hätte dieser Todesfall verhindert werden können." Die 34-jährige "Baby" sei "extrem verhaltensgestört".

Die hessische Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin sagte im Radiosender hr1: "Das Tier ist definitiv seit Jahren verhaltensauffällig, zeigt Verhaltensstörungen." Sie habe aber selbst nicht handeln können, weil diejenige Veterinärbehörde zuständig sei, in deren Bereich der Zirkus auftrete. Nach der tödlichen Attacke kam das Tier am Sonntag in den Safaripark im westfälischen Schloß Holte-Stukenbrock - mit dem Einverständnis der Besitzer.

Wie werden Elefanten im Zirkus gehalten?

Insgesamt leben in Deutschland etwa 50 Elefanten in einem Zirkus. Grundlage für ihre Haltung sind die "Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen" . Herausgegeben werden sie vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Demnach dürfen Elefanten, "da es sich um sozial lebende Tiere handelt", nicht allein gehalten werden. Für "Baby", den einzigen Elefanten von Francordia, gab es offenbar eine Ausnahmegenehmigung. Verbreitet ist eine Paddock-Haltung: Stromkabel grenzen ein Gehege ein und sollen garantieren, dass die Elefanten nicht ausbrechen können.

Was kritisieren Tierschützer daran, dass im Zirkus Elefanten auftreten?

Tobias Dornbusch sagt: "Elefanten sind im Zirkus nicht sicherheitsgerecht haltbar." Es komme nicht von ungefähr, dass ein Zoo Millionen dafür ausgebe, ein Gehege mit dicken Mauern zu sichern. "Ein Zirkus hat zwar zahme Elefanten, aber es gibt keine Garantie dafür, dass sie das ein Leben lang bleiben."

Auch nach Überzeugung von Peta sind Elefanten für den Zirkus nicht geeignet, sagt Sprecher Höffken. Die Tiere seien gefährlich, ihr Leben spiele sich in der Manege, auf Lkw und in engen Gehegen ab. In 18 EU-Ländern seien Elefanten als Zirkustiere bereits verboten, "Deutschland ist da leider Schlusslicht". Die Tiere seien verhaltensgestört. "Die werden von klein auf geschlagen, damit sie in der Manege gehorchen. Das sind tickende Zeitbomben."

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