Mysteriöser Kriminalfall Vatikan soll Unterhalt für vermisstes Mädchen gezahlt haben

Seit Emanuela Orlandi 1983 aus dem Vatikan verschwand, wird gerätselt: Wurde sie verschleppt, ermordet oder von Terroristen entführt? Jetzt sind Dokumente aufgetaucht, die den Vatikan in Bedrängnis bringen.

Pietro Orlandi, Bruder der vermissten Emanuela, mit einem Foto seiner Schwester auf dem Petersplatz (Archivbild)
DPA

Pietro Orlandi, Bruder der vermissten Emanuela, mit einem Foto seiner Schwester auf dem Petersplatz (Archivbild)


Am 22. Juni 1983 verschwand die damals 15-jährige Emanuela Orlandi spurlos aus dem Vatikan. Der italienische Enthüllungsjournalist Emiliano Fittipaldi hat nun Dokumente vorgelegt, die belegen sollen, dass der Vatikan die vermisste Tochter eines Hofdieners jahrelang finanziell unterstützt hat, ihr in London "Unterhalt" gezahlt habe.

In der Zeitung "Repubblica" veröffentlichte Fittipaldi ein Dokument, das angeblich aus dem Jahr 1998 stammt und aufzeigen soll, dass der Vatikan bis 1997 umgerechnet rund 340.000 Euro für Orlandi ausgegeben hat. Das würde die These unterstützen, dass die Vermisste mindestens bis zu diesem Zeitpunkt am Leben war.

Bei dem Schreiben handelt es sich um einen fünfseitigen Brief des Kardinals Lorenzo Antonetti vom März 1998. Der Kardinal war seinerzeit Leiter der APSA, der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls. Adressiert war der Brief demnach an die Monsignori Giovanni Battista Re und Jean-Louis Tauran, die laut Fittipaldi mit dem Fall der verschwundenen Emanuela Orlandi betraut waren.

Fittipaldi zufolge ist der Brief, dessen Authentizität nicht bewiesen ist, ein Begleitschreiben zu einer Reihe von Rechnungen, die auf 197 Seiten verzeichnet sind und dem Staatssekretariat des Vatikans die Ausgaben für Orlandi in den Jahren 1983 bis 1997 belegen sollen. Der Vatikan-Sprecher nannte die Dokumente "falsch und lächerlich". "Ich habe das von Fittipaldi veröffentlichte Dokument nie gesehen", sagte Kardinal Giovanni Battista Re dem Nachrichtenportal Tgcom24. "Ich habe keine Rechnungslegung erhalten."

Fittipaldi erläutert, das Papier sei entweder glaubwürdig und somit ein Beweis für die Mitwisserschaft des Vatikans oder es sei eine Fälschung, die für Intrigen innerhalb des Vatikans genutzt werde. Der Bruder von Orlandi, der seit ihrem Verschwinden für eine Aufklärung kämpft, schrieb auf Facebook: "Die Mauer (des Schweigens) stürzt ein."

Über den Verbleib von Emanuela Orlandi hatte es zahlreiche Gerüchte gegeben, etwa, dass sie seinerzeit entführt und sexuell ausgebeutet oder ermordet worden sei. Eine Verbindung des Falls zur Mafia wurde insinuiert, außerdem die Theorie kolportiert, das Mädchen sei Gefangene einer terroristischen Vereinigung gewesen, die den Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca aus der Haft freipressen wollte.

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Mafia und Vatikan: Der Fall Emanuela Orlandi

Agca selbst behauptete im Juni 2012, Orlandi sei am Leben und befinde sich nach ihrer Entführung in der Türkei. Agca kam nach seinem Anschlag auf Papst Johannes Paul II. nach 19 Jahren Haft im Jahr 2000 durch eine Amnestie frei.

Für den Vatikan ist der Fall rechtlich abgeschlossen. Demnach gibt es keine konkreten Beweise dafür, dass Orlandi von der Mafia oder einer anderen kriminellen Organisation entführt wurde. Wären die Dokumente, die Fittipaldi vorlegt, echt, würde dies bedeuten, dass der Vatikan gewusst habe, wo Orlandi nach ihrem Verschwinden verblieben sei, Dies sei eine Falschmeldung, sagte Vatikansprecher Greg Burke laut "Radio Vatikan".

Der italienische Journalist Fittipaldi musste sich ab November 2015 im sogenannten Vatileaks-Zwei-Prozess vor Gericht im Vatikan verantworten, weil er geheime Vatikandokumente der Wirtschaftsprüfstelle Cosea in einem Buch veröffentlicht hatte. (Lesen Sie hier ein Interview mit dem Journalisten) Fittipaldi wurde freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.

ala/dpa



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