Empörung in Wien Geheime Kampusch-Protokolle veröffentlicht

Sie lagen unter Verschluss bei der Staatsanwaltschaft, jetzt hat sie eine Zeitung veröffentlicht: Protokolle aus der achtjährigen Gefangenschaft von Natascha Kampusch. Experten rätseln, wer sie herausgegeben hat. Das Opfer selbst ist entsetzt.


Wien - Auf fünf Seiten verbreitete die in Wiener U-Bahnen verteilte Gratiszeitung "Heute" Auszüge aus Befragungsprotokollen des inzwischen 19-jährigen Entführungsopfers. Es sind Details, die bisher von der Staatsanwaltschaft unter Verschluss gehalten worden waren. Kampusch selbst gab sich nach der Veröffentlichung "entsetzt". In einer der Nachrichtenagentur APA übermittelten Erklärung forderte sie "bedingungslose Aufklärung" und sprach von "einem Tiefpunkt des österreichischen Journalismus".

Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger drohte Medien, die die vertraulichen Details veröffentlichen, mit Klagen. Die Wiener Staatsanwaltschaft begann Ermittlungen im Zusammenhang mit der Weitergabe der Informationen an die Medien wegen "Verletzung des Amtsgeheimnisses". Unter Verdacht stehen vor allem Mitglieder eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Fall Kampusch, der seit mehreren Wochen Zugang zu den Unterlagen hatte.

Medienrechtsexperten sprachen von einem "Verstoß gegen den höchstpersönlichen Lebensbereich von Natascha Kampusch". Anwalt Ganzger war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die heute 19-Jährige war 1998 als zehnjähriges Mädchen auf dem Schulweg im Norden Wiens entführt und danach von ihrem Kidnapper Wolfgang Priklopil acht Jahre in einem verliesähnlichen Raum festgehalten worden. Im August 2006 gelang ihr die Flucht. Priklopil nahm sich daraufhin das Leben.

In dem Bericht wird unter anderem erneut die Frage aufgeworfen, ob Kampuschs Entführer bei der Tat Komplizen hatte. Dies wurde sowohl von der Polizei als auch in der Erklärung Kampuschs energisch bestritten. Vermutungen, dass die bisher vertraulichen Dokumente von Parlamentariern an die Zeitung weitergegeben wurden, konnten am Freitag nicht bestätigt werden. Der sogenannte Kampusch-Ausschuss soll mögliche Pannen bei der Fahndung nach dem Entführer des Mädchens kurz nach der Tat aufklären.

Einige persönliche Beweismittel, darunter etwa das Tagebuch von Kampusch und auch Protokolle ihrer ersten Befragung durch eine junge Polizistin nach ihrer Flucht, waren der jungen Frau nach Abschluss der Untersuchungen zurückgegeben worden. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Gerhard Jarosch, sagte dazu der Nachrichtenagentur APA, es gebe "berechtigte Interessen von Frau Kampusch, dass bestimmte Sachen einfach nicht an die Öffentlichkeit kommen". Auch der frühere Chef des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, Ludwig Adamovich, zeigte Verständnis. "Hier geht es um das grundsätzliche Thema Opferschutz", sagte er. "Die Frage ist allerdings: Wie weit kann so etwas gehen?"

jjc/dpa



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