Empörung über Pascal-Urteil "Wie dreist kann man denn sein?"

Aufregung nach den Freisprüchen im Pascal-Prozess: Während Gerichtsbesucher fassungslos auf das überraschende Urteil reagieren, stellen die Hauptangeklagten ihre Erleichterung zur Schau. Sie könnten nun Polizeischutz bekommen.


Saarbrücken - Ulrich Chudoba windet sich. "Es ist ein Grenzfall", sagt der Vorsitzende Richter am Freitag im Sitzungssaal 35 des Saarbrücker Landgerichts: "Ein Grenzfall, bei dem sowohl die Schuld der Angeklagten als auch ihre Unschuld möglich scheint." Es klingt ein bisschen nach Rechtfertigung. Wenige Minuten zuvor hatte er nach dem fast dreijährigen Verfahren das Urteil im Pascal-Prozess verkündet. Die angeklagten acht Männer und vier Frauen wurden allesamt freigesprochen.

Das Entsetzen unter den Besuchern im Sitzungssaal ist groß. Noch vor Beginn des 148. Verhandlungstages waren sich die Zuschauer sicher, dass die Angeklagten für den Missbrauch und Mord an dem damals fünf Jahre alten Pascal hinter Gitter müssen.

"Das wäre eine Schande, wenn die auf Staatskosten freigesprochen werden", hatte etwa der 87-jährige Karl M. gesagt. "Die haben doch alle was mit dieser Sache zu tun - die einen mehr, die anderen weniger."

"Keine objektiven Beweise"

Die Schwurgerichtskammer, das betont Chudoba mehrmals, ist nicht von der Unschuld aller Angeklagten überzeugt. Aber es gelte der Rechtsgrundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten", sagt der Richter während der mehr als dreieinhalbstündigen Urteilsbegründung. Zumindest bei Christa W., Andrea M. und Martin R. vermute man, dass sie sich im Sinne "der Kernaussage der Anklage" schuldig gemacht hätten. Dafür gebe es aber keine objektiven Beweise, sagt Chudoba.

Eine Antwort darauf, was mit dem am 30. September 2001 verschwundenen Jungen geschehen ist, hat der Prozess nicht gegeben. Die Angeklagten mussten sich beinahe drei Jahre lang wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs oder der Beihilfe zu diesen Taten vor Gericht verantworten. Den Ermittlungsergebnissen zufolge soll Pascal im Nebenzimmer der Saarbrücker Kneipe von Christa W. mehrfach missbraucht und anschließend ermordet worden sein. Die "Tosa-Klause" gibt es mittlerweile nicht mehr.

Nach dem Ende des Prozesses haben es die Angeklagten eilig, aus dem Sitzungssaal herauszukommen. Draußen erwartet sie ein Dickicht aus Fernsehkameras und Mikrofonen. Gabriele G. überreicht ihrer Anwältin einen Blumenstrauß. Was sie zu dem Urteil sage, wird Christa W. im Vorbeigehen gefragt. "Ja, okay", sagt sie, lächelt und bahnt sich ihren Weg nach draußen.

Staatsanwaltschaft weiterhin von der Schuld überzeugt

Ihr Anwalt Walter Teusch bleibt stehen - und rechnet mit dem Gericht ab: Es sei nur "ein Freispruch dritter Klasse", das Gericht habe sich um die Verantwortung eines klaren Urteils gedrückt. Er befürchte nun, dass seine Mandantin Opfer von Racheakten werde. Deshalb bekommen die bisherigen Angeklagten möglicherweise Polizeischutz: "Wir haben mit den Anwälten der Betroffenen bereits abgesprochen, dass polizeiliche Maßnahmen getroffen werden, wenn sich Bedrohungssituationen konkretisieren sollten", sagte Saarbrückens Kripo-Chef Peter Steffens der Online-Ausgabe des Focus.

Oberstaatsanwalt Josef Pattar will nach der Verhandlung keine Stellungnahme abgeben, er lässt stattdessen eine schriftliche Erklärung verbreiten. Die Anklagebehörde werde gegen die Urteile des Landgerichts Revision beim Bundesgerichtshof einlegen, heißt es darin. Die Staatsanwaltschaft sei weiter von der Schuld der Angeklagten überzeugt. Die Behörde hatte mit einer Ausnahme lange Haftstrafen für die zwölf Beschuldigten gefordert.

Vor dem Gerichtssaal posieren Andrea M. und Christa W. unterdessen für die Fotografen. Die Zuschauer sind fassungslos. "Wie dreist kann man denn sein", sagt eine junge Frau. Das Urteil sei "gnadenlos und eine Unverschämtheit".

Daniel Staffen-Quandt, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.