Ende einer arrangierten Ehe Drei Schüsse in der Hölle

Sie wollten sich scheiden lassen, empfanden ihre Ehe als Hölle - dann drückte Dilek T. ab. Dreimal. Die 32-Jährige schoss auf offener Straße auf ihren Mann. Jetzt steht sie vor Gericht, und ihr schwerverletzter Ex-Partner schildert eine ganz andere Geschichte als sie: Er fürchtet noch immer um sein Leben.

Landgericht Essen: Hier wird der Fall Dilek T. verhandelt
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Landgericht Essen: Hier wird der Fall Dilek T. verhandelt

Aus Essen berichtet


Essen - Dilek hatte es beim zweiten Mal besser machen wollen. Zehn Jahre lang hatte sie als alleinerziehende Mutter gelebt. Sie wollte ihre erste, missglückte Ehe vergessen, ihrem Sohn endlich ein Familienleben bieten.

Als auch der zweite Anlauf gescheitert war, griff die Krankenpflegerin zur Waffe.

Seit Montag steht Dilek T. in Essen vor Gericht, wegen versuchten Mordes an ihrem zweiten Ehemann Ali. Wenige Minuten vor dem Scheidungstermin am 26. August vergangenen Jahres schoss die 32-Jährige auf ihren zwei Jahre jüngeren Mann, verletzte ihn schwer und verfolgte ihn, bis er sich in Sicherheit gebracht hatte. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat sie "heimtückisch und aus niederen Beweggründen" gehandelt. Wäre Ali T. nicht rechtzeitig versorgt worden, wäre er gestorben, erklärte Staatsanwalt Schütz.

Es ist das Ende einer arrangierten Ehe und die Geschichte zweier Menschen, die von ihren Familien einander vermittelt wurden, zwar aus freiem Willen heirateten - aber völlig gegensätzliche Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben hatten.

Dilek, in Gelsenkirchen geboren und deutsche Staatsangehörige, ist eine aparte Frau, selbstbewusst und stolz. Die Ehe mit ihrem ersten Ehemann scheitert 1997, kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Die folgenden zehn Jahre versorgt und erzieht sie das Kind alleine, bezieht 700 Euro Hartz IV und Unterstützung von ihrer Familie. Im Frühjahr 2007 fragt eine Türkin aus Gelsenkirchen, ob Dilek nicht ihren Neffen heiraten wolle. Dieser lebe in der Türkei. "Ich wollte einen Ersatzvater für meinen Sohn und eine Familie gründen", sagt Dilek vor Gericht.

Mit ihren Eltern fliegt Dilek im April nach Izmir. Dort lernt sie Ali kennen, einen jungen Bauern. Ein schmächtiger, gutaussehender Mann, der die Felder seines Vaters bestellt. Die Familien kennen sich nicht, haben sich noch nie zuvor gesehen. Die einzige Gemeinsamkeit: Sie stammen beide aus dem tiefsten Osten der Türkei, nahe der Grenze zu Armenien.

Tee trinken, kennenlernen, Heirat binnen 5 Tagen

Zwei Tage sitzen Dilek und Ali mit den Verwandten im Haus eines Onkels beisammen, trinken Tee, unterhalten sich. Am dritten Tag setzen sich die beiden Heiratswilligen allein zusammen. Man habe sich gut verstanden, verliebt seien sie jedoch nicht ineinander gewesen. Das betonen vor Gericht beide, und sie sagen auch, dass ihre Familien keinerlei Druck auf sie ausgeübt hätten. "Es war unsere freie Entscheidung." Zwei Tage später heiraten sie in Izmir standesamtlich. Dilek fliegt am nächsten Tag mit ihren Eltern zurück ins Ruhrgebiet.

Im August kommt Ali nach Gelsenkirchen - in ein neues Leben in einer ihm völlig fremden Welt. Dileks 73 Quadratmeter große Zweieinhalbzimmerwohnung ist jetzt sein neues Zuhause. Acht Monate lebt er dort. Für beide ist es die Hölle. So schildern sie ihr gemeinsames Leben vor Gericht - jeder für sich erlebt einen zerplatzten Traum.

Ali habe sich - nachdem er seine Aufenthaltsgenehmigung in der Tasche hatte - um nichts gekümmert, habe von morgens bis abends im türkischen Café gesessen, sie bepöbelt, gedemütigt und geschlagen und mit Gegenständen nach ihr geworfen, behauptet Dilek. Ali habe Geld eingefordert, das er dann beim Glücksspiel am Automaten verzockt habe. Ihren Sohn habe er zu den Großeltern abschieben wollen, Zärtlichkeiten habe er abgewehrt und sich geweigert, mit ihr ein Bett zu teilen. Irgendwann habe sie nachgegeben und sei ins Kinderzimmer gezogen.

"Ich führte weiterhin das Leben einer alleinerziehenden Mutter", sagte Dilek vor Gericht. Als sie ihren Ehemann gefragt habe, warum er sie geheiratet habe, habe er ohne mit der Wimper zu zucken geantwortet: "Um nach Deutschland zu kommen." Dieses Bekenntnis sei für sie "extrem schmerzhaft" gewesen.

Dilek wehrt sich und meldet bei der Ausländerbehörde, sie lebe von ihrem Ehemann getrennt, wenn auch in einer Wohnung. "Ich wollte, dass er zurück in die Türkei geht." Ali habe sie daraufhin bedroht, sie solle ihre Aussagen zurücknehmen. Dilek informiert daraufhin ihre Familie - integrierte Deutschtürken, die als Lehrer, Bauzeichner und Installateure im Ruhrgebiet ihr Geld verdienen. Dass ihre Brüder nicht nur verbal Kontakt zu ihrem Ehemann gesucht haben sollen, bestreitet sie vehement.

Wer demütigte wen?

Dilek, so erzählt es dagegen Ali mit Hilfe einer Übersetzerin, habe ihn wie "einen Sklaven" behandelt. "Sie wollte Macht über mich haben", sagt der 30-Jährige. Unmissverständlich habe sie ihm klargemacht: "Ich habe dich hierhergeholt, du machst alles, was ich will - wenn nicht, schicke ich dich zurück!" Er habe um Erlaubnis bitten müssen, wenn er Fußball in der Kneipe sehen wollte. Sie habe seinen Lohn, den er in einem türkischen Restaurant verdiente, eingefordert und ihm den Haustürschlüssel weggenommen.

Bis Ende März 2008 halten es Dilek und Ali unter einem Dach aus. Bis heute wisse er nicht, wie hoch die Miete sei, sagte Ali vor Gericht. Dilek habe ein Leben ohne ihn geführt. "Mindestens 40 Mal hat sie mir die Tür gezeigt: Du kannst ja gehen, wenn es dir nicht passt!" Schließlich sei er nur mit dem, was er am Leib trug, ausgezogen - rausgeschmissen von seiner Ehefrau, sagt Ali T.



insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
elwu, 01.02.2010
1. Multikulti,
oder doch nur eine Beziehungsgeschichte, die unabhängig vom Herkunftshintergrund jedem passieren kann? Das wird man nie wissen. Ich halte daher eine Diskussion darüber für wenig weiterführend.
fritzes_flitze 01.02.2010
2. Hm. Da schreiben...
... Sie, Frau Jüttner, zunächst "Dilek, in Gelsenkirchen geboren und deutsche Staatsangehörige...", um ein paar Absätze später ein "Die einzige Gemeinsamkeit: Sie stammen beide aus dem tiefsten Osten der Türkei, nahe der Grenze zu Armenien." zum Besten zu geben. Fällt Ihnen da nix auf? Etwa sowas wie "Was schreibe ich da nur für einen widersinningen Krimskrams?" Nein? Oder, im weiteren Verrlauf, tippen Sie da was von Zeugenschutzprogramm, um im folgenden Hauptsatz darauf hinzuweisen, daß Ali T. nach Hagen "umgezogen wurde". Glauben Sie nicht, daß sowas ziemlich dämlich, widersinning, bar jeder Sorgfaltspflicht ist und -- sofern es sich bei Dileks Brüdern tatsächlich um Schläger & gedungene Mordbuben handeln sollte -- fast schon an einen "journalistischen" Mordaufruf im Hagener Stadtgebiet grenzt? Nein? Ja? Denken Sie mal darüber nach. Ach, haben Sie schon? Ist Ihnen aber völlig Wurscht? Verstehe.
xehris 01.02.2010
3. Importehen
Zitat von elwuoder doch nur eine Beziehungsgeschichte, die unabhängig vom Herkunftshintergrund jedem passieren kann? Das wird man nie wissen. Ich halte daher eine Diskussion darüber für wenig weiterführend.
Nein, hier handelt es sich nicht um eine normale Beziehungsgeschichte, sondern um das Problem des Importes von Ehepartnern aus einem moslemischen Land, wie es immer noch täglich passiert in Deutschland: aus dem Mittelalter in ein hochtechnisiertes Land, innerhalb von wenigen Flugstunden. Dass die arrangierten Importehen zu enorm großen Konflikten führen, ist bereits bekannt. Vielleicht sollte hier darüber diskutiert werden, ob besser über die Problematik von Importehen aufgeklärt werden sollte oder ob man Importehen verbieten sollte.
Fabian G, 01.02.2010
4. hm
Zitat von xehrisNein, hier handelt es sich nicht um eine normale Beziehungsgeschichte, sondern um das Problem des Importes von Ehepartnern aus einem moslemischen Land, wie es immer noch täglich passiert in Deutschland: aus dem Mittelalter in ein hochtechnisiertes Land, innerhalb von wenigen Flugstunden. Dass die arrangierten Importehen zu enorm großen Konflikten führen, ist bereits bekannt. Vielleicht sollte hier darüber diskutiert werden, ob besser über die Problematik von Importehen aufgeklärt werden sollte oder ob man Importehen verbieten sollte.
ich glaub in diesem fall hat das wenig mit import ehe zu tun. beide erzählten versionen könnten glaubwürdig sein. so was gibts in china, indonesien, england, australien, usa etc...
Grämlich 01.02.2010
5. Umzugsbekanntgabe
Zitat von fritzes_flitze... Sie, Frau Jüttner, zunächst "Dilek, in Gelsenkirchen geboren und deutsche Staatsangehörige...", um ein paar Absätze später ein "Die einzige Gemeinsamkeit: Sie stammen beide aus dem tiefsten Osten der Türkei, nahe der Grenze zu Armenien." zum Besten zu geben. Fällt Ihnen da nix auf? Etwa sowas wie "Was schreibe ich da nur für einen widersinningen Krimskrams?" Nein? Oder, im weiteren Verrlauf, tippen Sie da was von Zeugenschutzprogramm, um im folgenden Hauptsatz darauf hinzuweisen, daß Ali T. nach Hagen "umgezogen wurde". Glauben Sie nicht, daß sowas ziemlich dämlich, widersinning, bar jeder Sorgfaltspflicht ist und -- sofern es sich bei Dileks Brüdern tatsächlich um Schläger & gedungene Mordbuben handeln sollte -- fast schon an einen "journalistischen" Mordaufruf im Hagener Stadtgebiet grenzt? Nein? Ja? Denken Sie mal darüber nach. Ach, haben Sie schon? Ist Ihnen aber völlig Wurscht? Verstehe.
Das ist das heutige deutsche Staatsbürgerschaftsrecht. So ziemlich jeder kann "Deutscher" werden, der 8 Jahre lang hier wohnt. Das mit dem Umzug nach Hagen zu schreiben, hat mich aber auch gewundert. Vielleicht wußte die Familie der Frau das schon vorher? Eine Antwort der Autorin würde auch mich interessieren.
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