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01. Juni 2014, 16:40 Uhr

Enkeltrick-Mafia

Ein Clan, eine Masche, ein Millionenvermögen

Von und

Die mutmaßlichen Drahtzieher der Enkeltrick-Mafia sind gefasst. Wie der Clan von Polen aus Rentner in ganz Deutschland ausgenommen haben soll und wie die Opfer gelitten haben, zeigt SPIEGEL TV.

Sie waren gerade beim Buchstaben W angekommen. W wie Walther, davon gibt es einige im Ruhrgebiet. Dann hatten sie nach alten Vornamen gesucht, nach Adolf, Alfred oder Egon. Thomas oder Silke schieden aus, waren mit blauem Kugelschreiber durchgestrichen. Zickzack. Wer so heißt, gehört nicht zur Zielgruppe der Enkeltrick-Mafia. Potenzielle Opfer haben wohl ein Kreuz vor den Namen bekommen, wer gleich abwimmelte, wurde durchgestrichen. Das Durcharbeiten deutscher Telefonbücher muss mitunter auch langweilig gewesen sein. Blaue Wolken sind am Rand gekritzelt, eine Seite ziert ein Spinnennetz.

Die Arbeitsweise der Enkeltrick-Mafia zu durchleuchten, ist ein schwieriges Unterfangen. Seit mehr als 18 Monaten ist SPIEGEL TV an dem klandestin operierenden Roma-Clan dran, hat sich mit Fahndern und Informanten getroffen, Aktenkonvolute gelesen, Gerichtsprozesse besucht. Am vergangen Mittwoch war es so weit. Exklusiv konnten wir an verschiedenen Orten in Polen und Deutschland beim Zugriff durch die Ermittler dabei sein. In Warschau wurde Arkadiusz "Hoss" Lakatosz verhaftet, mutmaßlicher Erfinder des Enkeltricks. Kathrin Hennings, Vizechefin der Abteilung Organisierte Kriminalität im Hamburger LKA ist sich sicher, dass Hoss der Chef der mafiösen Bande ist. "Er hat seinen Modus Operandi immer weiter professionalisiert. Er hat auch die Strukturen aufgebaut, diese Hierarchie, die ihm unterstand."

"Die hatten richtige Bürozeiten"

Monatelang hatten deutsche Ermittler die Telefone der Tatverdächtigen abgehört. "Die benahmen sich, als wenn sie zur Arbeit gehen würden", erzählt ein Fahnder. "Die hatten richtige Bürozeiten." Die Gespräche mit den potenziellen Opfern in Deutschland begannen immer gleich: "Rate mal, wer hier ist!" Hundertfach findet sich der perfekte Gesprächseinstieg so oder so ähnlich in den Akten. Wenn das Opfer einen Verwandten zu erkennen glaubte, zogen die Anrufer es in ihren Bann. Geschickt drehte es sich im Telefonat dann um eine Immobilie zum Schnäppchenpreis oder einen tragischen Unfall. Dringend sei Bargeld erforderlich. Notfalls würde auch Schmuck gehen. Die, die in Polen den Anruf tätigen, werden im Roma-Jargon "Keiler" genannt.

Sobald Oma versprochen hatte, das Geld zu besorgen, informierte der "Keiler" den "Logistiker", einen Komplizen, der ein Netz von Abholern in Deutschland dirigierte. Kuriere brachten den Großteil der Beute sofort nach Polen.

Die Schnelligkeit und Chuzpe der Enkeltrick-Betrüger war selbst für erfahrene Polizisten erstaunlich. Einmal hörten die Fahnder am Telefon - der "Logistiker" wurde belauscht - live mit, wie eine Rentnerin 40.000 Euro von ihrer Bank abholte, um es dem Roma-Clan zu übergeben. "Wir suchten wie verrückt nach dem Übergabeort. Wir wussten den Stadtteil und dass da ein Supermarkt ist. Als wir endlich ankamen, war schon alles vorbei." Geld, Kurier, Logistiker - weg.

Ein einträgliches Geschäft

Es war, so belegen es die sichergestellten Autos, ein einträgliches Geschäft. Die Bande fuhr nur mit der mobilen Spitzenklasse durch die Gegend: S-Klasse Mercedes, Ferrari, Lamborghini. Auch die Partys des Clans sind legendär. Die besten Szenen sind auf Video zu bestaunen. Es geht zu wie in einem Mafia-Film. Dickbäuchige Herren im Anzug und mit dunklen Sonnenbrillen küssen einander zur Begrüßung, es gibt Kaviar und Austern satt, Champagner edelster Marken fließt in rauen Mengen. Gäste werden mit einem Helikopter eingeflogen.

Als am Mittwoch in Essen die Handschellen für "Remek" den "Logistiker" klicken, kommen nach ein paar Minuten in einem goldfarbenen Mercedes ein paar Helfer vor der Wohnung an. "Haut ab, ihr Missgeburten", brüllt eine ältere Dame und wirft den rechten Schuh.

Was sie zu den Vorwürfen sagt und wie die Opfer unter den Betrügern gelitten haben, zeigt das SPIEGEL TV Magazin auf RTL am Sonntag um 22.30 Uhr.

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