Anschläge mit Sprengfallen Tatwaffe Schwarzpulver - Gärtner unter Verdacht

Zweimal detonierten selbst gebaute Sprengsätze, eines der Opfer erlag seinen Verletzungen. In Rheinland-Pfalz ermittelt die Polizei in einem beunruhigenden Fall. In dessen Zentrum: ein toter Verdächtiger.

Tatort Arztpraxis in Enkenbach-Alsenborn
view-die agentur/ Martin Goldhahn

Tatort Arztpraxis in Enkenbach-Alsenborn

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Ein Landschaftsgärtner aus dem rheinland-pfälzischen Mehlingen soll Anschläge auf mehrere Bekannte ausgeübt haben - mit selbst gebauten Sprengfallen. Ein Mann starb, zwei Frauen kamen mit Verletzungen ins Krankenhaus. Und die Polizei warnt: Weitere Anschläge könnten möglicherweise folgen.

Im Zentrum des Falls steht ein Mann, der nicht mehr befragt werden kann: Bernhard Graumann. Der 59-Jährige nahm sich ersten Erkenntnissen zufolge am frühen Freitagmorgen vergangener Woche in seiner Wohnung das Leben, er gilt als Hauptverdächtiger. Die Polizei hat seinen vollständigen Namen in einer Mitteilung veröffentlicht, um mögliche weitere Opfer zu warnen.

Wie genau der Landschaftsgärtner starb, ist noch nicht klar. Feuerwehrleute hatten seinen leblosen Körper in seinem Bett gefunden, wie Mehlingens Bürgermeisterin Monika Rettig der Zeitung "Rheinpfalz" sagte. Eine erste Obduktion habe kein eindeutiges Ergebnis erbracht, sagte Polizeisprecher Michael Hummel dem SPIEGEL. Die Ermittler hätten ein toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben, um der Frage nachzugehen, ob Graumann sich vergiftet haben könnte. Ergebnisse dieser Untersuchung sollen frühestens am Mittwoch vorliegen.

"Er hatte Familie, eigentlich ganz normal"

Die Ermittler waren durch einen Zeugenhinweis auf Graumann als Tatverdächtigen gekommen, wie Hummel sagt. Der Landschaftsgärtner soll eine Sprengfalle gebaut und vor der Praxis eines Arztes im Nachbarort Enkenbach-Alsenborn abgelegt haben. Als der 64-jährige Mediziner den offenbar getarnten Gegenstand am Freitag vom Treppenabsatz aufheben wollte, kam es zur Explosion. Der Mann erlag seinen Verletzungen.

Aushang an der Arztpraxis in Enkenbach-Alsenborn
DPA

Aushang an der Arztpraxis in Enkenbach-Alsenborn

Zwei Tage später kam es in einem Haus im nahe gelegenen Otterberg zu einer weiteren Detonation, die Graumann zugerechnet wird. Der Sprengsatz bestand aus einem Scheit, das angebohrt und vermutlich mit Schwarzpulver gefüllt worden war. Das präparierte Holzstück hatte er vermutlich am Anwesen der späteren Opfer deponiert. Als eine arglose Bewohnerin dieses ins Kaminfeuer legte, explodierte es und ließ die Frontscheibe des Kamins zerbersten. Zwei Frauen, eine Mutter und ihre Tochter, kamen mit leichten Verletzungen in ein Krankenhaus.

Warum Graumann mutmaßlich die Taten verübte, zeichnet sich bislang nur schemenhaft ab. "Die Tatmotive liegen im persönlichen Bereich", sagte Polizeisprecher Hummel. Mit dem getöteten Arzt hatte er offenbar Streit aus privaten Gründen. Mit den beiden Verletzten aus Otterberg gab es geschäftliche Konflikte, offenbar waren sie als Kunden mit den Leistungen des Gärtners unzufrieden.

Graumann, ein selbstständiger Gartenbau-Unternehmer, sei Vater eines Sohnes und verheiratet gewesen, sagt Hummel: "Er hatte Familie, eigentlich ganz normal."

Der Polizei liegen keine Erkenntnisse über radikale Einstellungen oder psychische Probleme des Tatverdächtigen vor. Er war allerdings vorbestraft: Vor einigen Jahren wurde er laut Auskunft der Staatsanwaltschaft in Kaiserslautern wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz am Silvesterabend 2009 verurteilt. Graumann habe eine geringe Geldstrafe erhalten, weil er Schwarzpulver besessen und Böllerschüsse mit einem Vorderlader abgegeben habe, teilte der leitende Oberstaatsanwalt Udo Gehring mit.

Die Ermittler prüfen zudem, ob es in den Akten noch Fälle aus Graumanns Vorleben gibt, die ihn dazu veranlasst haben könnten, weitere Sprengstoff-Fallen aufzustellen. Infrage komme beispielsweise eine polizeibekannte körperliche Auseinandersetzung aus dem Jahr 1985. Er stritt sich damals offenbar mit dem Partner einer Ex-Freundin.

Bei einer Durchsuchung von Graumanns Haus und Grundstück in Mehlingen fanden Ermittler nun laut Hummel Schwarzpulver sowie "Gegenstände, die dem Waffen- und Sprengstoffgesetz unterliegen" - und aus denen sich gefährliche Explosionskörper bauen lassen. Einem Bericht der "Rheinpfalz" zufolge war Graumann in der Mittelalterszene aktiv und dafür bekannt, auf Mittelaltermärkten Böller- und Kanonenschüsse abzufeuern.

Schwarzpulver im Holzscheit

Der Zeitung zufolge war Graumann gemeinsam mit seiner Frau und seinem Kind vor etwa 19 Jahren dem Mittelalter-Verein "Die Legende" in Enkenbach-Alsenborn beigetreten. Mindestens einmal monatlich habe auf seinem Grundstück in Mehlingen ein "mittelalterliches Basteln" stattgefunden. Dabei seien - neben Schilden und Schuhen - auch "mächtige mittelalterliche Geschütze" nachgebaut worden, schrieb die Zeitung im Jahr 2004.

Ob es einen Zusammenhang zwischen diesem Hobby und dem aktuellen Fall gibt, ist noch unklar. Die Polizei hatte dazu aufgerufen, sich zu melden, wenn man ebenfalls in konfliktreicher Beziehung zu Bernhard Graumann stand. Daraufhin seien etwa 30 Anrufe eingegangen, sagte Hummel - darunter ein Fall aus Siegelbach, etwa 15 Kilometer von Mehlingen entfernt. Dort soll eine Kundin heftig mit dem Landschaftsgärtner über die Abwicklung eines Auftrags gestritten haben.

Ermittler der Sonderkommission "Treppe" kontaktieren Hummel zufolge derzeit alle potenziell Betroffenen und suchen mithilfe von Sprengstoffhunden nach möglichen weiteren Sprengfallen. Bislang wurden keine weiteren gefunden. Wohin diese Ermittlungen führen, ist Hummel zufolge derzeit noch nicht absehbar. "Wir können ja noch nicht mal ausschließen", sagte der Polizist über Graumann, "ob er möglicherweise Mittäter hatte."

Mitarbeit: Birte Bredow



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