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Piraten vor Somalia: Neuer Seekrieg

Entführte "Beluga Nomination" Allein unter Piraten

Der Angriff erfolgte auf hoher See im Indischen Ozean: Seeräuber enterten die "Beluga Nomination", brachen den Schutzraum des Schiffs auf und nahmen zwölf Männer als Geiseln. Die Bremer Reederei fühlt sich von der internationalen Militärmission "Atalanta" im Stich gelassen.
Von Simone Utler

Piraten

Hamburg - Diesmal schlugen die fernab der international definierten Hochrisikozone am Horn von Afrika zu: Mitten im Indischen Ozean, etwa 800 Seemeilen nördlich der Seychellen, griffen Seeräuber die "Beluga Nomination" an und kaperten den 132 Meter langen Frachter, der unter der Flagge von Antigua und Barbuda fährt. Die zwölfköpfige Mannschaft sei "in akuter Gefahr", teilte die Bremer Beluga Reederei am Dienstag mit.

Der Angriff hatte sich bereits am Samstag ereignet: Die "Beluga Nomination" war auf dem Weg von Malta über die Seychellen und Indien ins südkoreanische Masan. Um 13.38 Uhr mitteleuropäischer Zeit setzte die Mannschaft einen Notruf ab. Der polnische Kapitän und seine Crew, zwei Ukrainer, zwei Russen sowie sieben Philippiner, harrten zunächst in dem eigens eingebauten Sicherheitsraum aus, einem mit schweren Stahlschotten gesicherten Bereich. Abgeschnitten von der Außenwelt und mit der Hoffnung, dass Hilfe naht.

Doch niemand kam.

Den Piraten gelang es, "mit professionellem Gerät" in den Sicherheitsraum einzudringen und die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen, erklärte die Reederei. Die Seeräuber änderten dann den Kurs des Schiffs gen Westen, offensichtlich in Richtung der somalischen Küste.

Ein Aufklärungsflugzeug der Küstenwache der Seychellen war am Montag zu dem Frachter geflogen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Mindestens vier Seeräuber seien an Deck gesehen worden, erklärte die Reederei jetzt. Ein Patrouillenboot der "Seychelles Coast Guard" folge der gekaperten "Beluga Nomination" mit einigen Meilen Abstand, habe jedoch zwischenzeitlich aufgrund schlechten Wetters die Jagd unterbrechen müssen.

Die Reederei kritisierte, dass - obwohl der Notruf auch an die europäische Anti-Piraten-Mission "Atalanta" gegangen war - von dort noch keine Hilfe gekommen sei. "Weder geeignete Fregatten noch Hubschrauber oder Aufklärungsflugzeuge konnten bis dato in Anspruch genommen werden, auch wenn die militärische Unterstützung dringend benötigt wird", hieß es in einer Erklärung des Unternehmens.

"Warum konnte keine Hilfe angeboten werden?"

"Wir sind zugegebenermaßen etwas irritiert", sagte Niels Stolberg, geschäftsführender Gesellschafter der Beluga Shipping. "Wir können uns nicht erklären, warum innerhalb der zweieinhalb Tage, in denen sich die Mannschaft im Sicherheitsraum versteckt hatte, keine Hilfe von außen angeboten werden konnte", so der Eigner des Schiffs. "Standen möglicherweise keine einsatzfähigen Einheiten zur Verfügung?"

Die deutsche Fregatte "Hamburg" war zum Zeitpunkt der Entführung in Somalia im Hafen von Dschibuti zum Nachversorgen. "Die Anfahrt bis zum Tatort im Indischen Ozean hätte drei bis vier Tage gedauert", sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr SPIEGEL ONLINE. Die Bundeswehr beteiligt sich mit mehreren hundert Soldaten an der EU-Mission "Atalanta", einem internationalen Anti-Piraten-Einsatz vor Afrika.

Auch andere Kriegsschiffe aus dem Verband waren zu weit von der "Beluga Nomination" entfernt, um die Entführung verhindern zu können. "Das Schiff, das aus unserer Flotte am nächsten dran war, war immer noch rund tausend Meilen entfernt", sagte der Sprecher der European Naval Force (EU Navfor), Paddy O'Kennedy, SPIEGEL ONLINE. Außerdem habe diese Fregatte einen Transport des Welternährungsprogramms unmittelbar vor der somalischen Küste begleitet. "Wenn wir unser Schiff von dort abgezogen hätten, hätten wir eine zweite Entführung riskiert", so O'Kennedy. "Egal, was wir tun - wir stehen immer als die Dummen da."

Derzeit werden in der EU-Navfor-Zentrale alle Informationen gesammelt und das weitere Vorgehen beraten. "Zurzeit ist immer noch keines unserer Schiffe in der Nähe", so O'Kennedy. Man gehe davon aus, dass die Entführer die "Beluga Nomination" vor die somalische Küste bringen. "Aber auch dann werden wir nicht viel tun können - wie immer, wenn Geiseln an Bord sind", befürchtet der EU-Navfor-Sprecher. Wann auch immer sich das Militär einem gekaperten Schiff nähere, drohten die Piraten, die Besatzung zu töten.

Mehr Schutz kostet mehr Geld

Unterdessen wird in Deutschland darüber diskutiert, wie die Handelsschiffe vor den stetig zunehmenden Angriffen der Piraten wirkungsvoller geschützt werden könnten. In Berlin waren am Montag Reedereivertreter und Gewerkschaften mit dem Koordinator für die maritime Wirtschaft, Staatssekretär Hans-Joachim Otto, zusammengekommen - ohne jedoch ein konkretes Ergebnis zu erzielen.

In erster Linie seien die Schiffseigner für mehr Schutz an Bord verantwortlich, dies sei bei dem Treffen weitestgehend unstrittig gewesen sei, sagte Otto. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) verwies jedoch darauf, dass inzwischen auch schwer zugängliche Schutzräume an Bord von Piraten gewaltsam geöffnet würden. Das zeige den akuten Handlungsbedarf.

Im Indischen Ozean vor Somalia liegen die gefährlichsten Wasserwege der Welt. Dem Internationalen Schifffahrtsbüro (IMB) zufolge ereigneten sich dort im vergangenen Jahr rund 90 Prozent aller weltweit registrierten Piratenüberfälle. Demnach wurden 2010 vor der somalischen Küste 49 Schiffe gekapert und 1016 Seeleute verschleppt.

Britische Versicherer favorisieren zum Schutz den Einsatz privater Sicherheitskräfte. Der VDR plädiert für die Mitreise bewaffneter Kräfte an Bord besonders gefährdeter Schiffe - allerdings nicht privat organisiert, sondern unter staatlicher Ägide. Der Koordinator für die maritime Wirtschaft sieht jedoch zurzeit keine Möglichkeit, Marinesoldaten oder die Bundespolizei einzusetzen.

Für die Unternehmen geht die Bedrohung mit steigenden Kosten einher. Beluga Shipping investiert nach eigenen Angaben jährlich mehrere Millionen Euro in die defensive Sicherheitsausstattung der Flotte, in steigende Versicherungssummen und in das Training der Crews.

Zum dritten Mal ein Schiff von Beluga Shipping entführt

Mit der "Beluga Nomination" wurde bereits zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren ein Schiff der Bremer Reederei entführt. Im Sommer 2008 wurde die "BBC Trinidad" gekapert - und nach drei Wochen für ein Lösegeld von 1,1 Millionen Euro freigekauft. Im Oktober 2010 stürmten Piraten die "Beluga Fortune", ließen aber von dem Schiff ab, als Marine-Einheiten nahten. Damals konnte sich die Crew erfolgreich im Schutzraum verschanzen.

Dass schon mehrfach Schiffe der Bremer Reederei entführt wurden, könnte daran liegen, dass sie überwiegend Schwergutschiffe besitzt. Diese sind aufgrund ihres Gewichts sehr langsam und haben sehr niedrige Außenbordwände. Daher können die Piraten die Frachter gut verfolgen und leicht mit Hilfe von Kaperleitern oder Leinen an Bord gelangen.

Zurzeit sieht es aus, als sei den Piraten mit der Entführung der "Beluga Nomination" erneut ein Coup gelungen. Die Reederei erklärte bereits, aus Bremen "wird alles getan, um ein schnelles Ende der Kaperung herbeizuführen". Das klingt nach einer Lösegeldzahlung.

Mehr als 39 Millionen Euro Lösegeld sollen 2009 Schätzungen zufolge insgesamt gezahlt worden sein. Allein für den Öltanker "Sirius Star" waren im Januar 2009 unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen drei und acht Millionen Dollar gezahlt worden, für das Schiff "Maran Centaurus" im Januar 2010 zwischen fünfeinhalb und neun Millionen Dollar.

mit Material von dpa