Entführte Frauen in Ohio "Der Alptraum ist vorüber"

Die Polizei von Ohio feiert das Wiederauftauchen dreier seit Jahren verschollener Frauen, doch der Beitrag der Ermittler zu ihrer Befreiung ist überschaubar. Einen Hausbesuch brachen die Fahnder 2004 ab - weil C. nicht daheim war. Nun sollen die Aussagen der Opfer den Fall aufklären.

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Cleveland - Freude und Erleichterung waren die vorwiegenden Gefühle auf der heutigen Pressekonferenz der Polizei in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. Nach zehn Jahren war es der entführten Amanda Berry gelungen, sich mit Hilfe von zwei Nachbarn aus dem Gefängnis ihres mutmaßlichen Kidnappers zu befreien. Auch Gina DeJesus, die 2004 als 14-Jährige entführt worden war, tauchte wieder auf. Desweiteren die heute 32 Jahre alte Michelle Knight, die seit ihrem 20. Lebensjahr vermisst wurde.

"Wir sind froh, dass sie zu uns zurückgekehrt sind", sagte der Bürgermeister von Cleveland, Frank Jackson. Noch ist vollkommen unklar, was die drei Frauen in der Vergangenheit ertragen mussten. Der Bürgermeister bat um Zurückhaltung. "Für sie war es eine traumatische Erfahrung. Wir müssen ihnen Raum geben."

Laut Polizeichef Michael McGrath war es Berry, die sich selbst und die beiden anderen Frauen befreit hat. Die Opfer seien zurzeit die erste Informationsquelle der Polizei. "Sie sind diejenigen, die uns mit auf diesen Weg nehmen, uns zeigen, was passiert ist, wie sie zu diesen Kerlen kamen und wie sie in dem Haus landeten", sagte er.

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Cleveland: Vermisste Frauen gefunden
Auf die Frage eines Journalisten, ob ein Menschenhändlerring in den Fall verwickelt sein könnte, sagte McGrath: "Wir haben absolut keinen Hinweis darauf, dass dies über die Grenzen der Nachbarschaft hinausgeht." Das Kind, das man in dem Haus an der Seymour Avenue in Cleveland gefunden habe, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit die Tochter von Amanda Berry.

Der Verantwortliche für öffentliche Sicherheit, Martin Flask, erklärte, der mutmaßlich an der Entführung beteiligte und bereits festgenommene Hausbesitzer Ariel C. sei im Januar 2004 von der Polizei aufgesucht worden, weil es Beschwerden gegen ihn gegeben habe. Der Schulbusfahrer soll ein Kind im Fahrzeug vergessen haben. Kinderschützer wollten ihn dazu befragen, die Sache sei aber im Sande verlaufen, weil die Beamten ihn nicht zu Hause antrafen.

Vier Jahre zuvor soll C. selbst die Polizei gerufen haben, weil es vor seinem Haus auf der Straße zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen war.

"Jede Spur verfolgt"

"Der Alptraum ist vorüber. Jetzt kann die Heilung beginnen", sagte der Special Agent Steve Anthony vom FBI. Aber - und das wird die Polizei eher beunruhigen - auch die Auseinandersetzung mit möglichen Ermittlungsfehlern der Behörden. Wie konnten die drei Frauen unerkannt zehn Jahre lang im Verborgenen leben? Und vermutlich auch noch ein Kind gebären?

Man habe jede Spur verfolgt. "Die Familien haben nie die Hoffnung verloren, und ebenso ging es den Beamten." Einer von ihnen sei sogar in Tränen ausgebrochen, als er vom Auftauchen der Frauen erfahren habe. Anthony appellierte an die Bevölkerung, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. "Es gibt viele offene Fragen. Bevor diese nicht beantwortet sind, werden wir nicht darüber spekulieren, was passiert ist." Die Ermittler würden nun akribisch die Ereignisse der vergangenen Jahre rekonstruieren. Die Opfer verdienten während dieser Zeit Ruhe und Respekt. Ein Team von Experten stünde ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Berry hatte den Namen ihres mutmaßlichen Kidnappers gennannt: Es ist Ariel C., ein Lateinamerikaner, 52 Jahre alt. Wie die Behörden mitteilten, wurden bereits drei Verdächtige festgenommen. Es handelt sich um C. und zwei seiner Brüder im Alter von 50 und 54 Jahren. Die Verdächtigen seien aufgrund von Informationen in Gewahrsam genommen worden, die die Vermissten geliefert hätten, sagte Clevelands stellvertretender Polizeichef Ed Tomba. "Wir glauben, wir haben die Verantwortlichen gefunden." Seinen Angaben zufolge wurden die Frauen vermutlich seit ihrem Verschwinden in dem Haus festgehalten.

ala



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