Entführter Kapitän Piraten vereiteln Befreiungsaktion der US-Marine

US-Soldaten haben laut CNN versucht, das Boot mit dem entführten Kapitän Richard Phillips zu erreichen - und wurden durch Schüsse der Piraten zur Umkehr gezwungen. Reedereichef John Reinhart warnte vor Fehlern bei der Befreiung der Geisel: "Die Ausführung muss perfekt sein."


Washington - Der Vorfall soll sich nach Informationen des Fernsehsenders CNN bereits am frühen Samstagmorgen ereignet haben: Dem Bericht zufolge versuchte ein kleines Team von Matrosen vom Kriegsschiff "USS Bainbridge" das Rettungsboot der Piraten mit der Geisel Richard Phillips zu erreichen. Die Seeräuber eröffneten jedoch das Feuer und trieben die Amerikaner in die Flucht. Die Einheit kehrte zur "USS Bainbridge" zurück, die Schüsse wurden nicht erwidert.

Phillips wird seit Mittwoch von vier Piraten in einem Rettungsboot gefangen gehalten. Sein Schiff, die "Maersk Alabama", ist inzwischen in den Hafen von Mombasa in Kenia zurückgekehrt. Dort soll der Frachter von Spezialisten der US-Bundespolizei FBI untersucht werden. Das Schiff sei in ein Verbrechen hineingezogen worden, so dass eine Spurensicherung notwendig sei, teilte die Reederei Mærsk Shipping Line mit. Aus diesem Grund darf die 19-köpfige Besatzung bislang nicht von Bord gehen.

Reedereichef John Reinhart machte jedoch deutlich, dass sich derzeit alle Anstrengungen auf die Befreiung von Phillips konzentrierten. "Unsere erste und höchste Priorität ist es, den Kapitän nach Hause zu bringen", sagte Reinhart. Dabei dürften keine Fehler passieren. "Die Ausführung muss perfekt sein", sagte der Reedereichef.

Die Geiselnehmer hatten die beiden US-Kriegsschiffe - die "USS Bainbridge" und die Fregatte "USS Halyburton" - zuvor gewarnt, dass ein gewaltsamer Befreiungsversuch katastrophale Folgen haben werde. Ein drittes Kriegsschiff, die "USS Boxer" mit medizinischer Einrichtung an Bord, wurde ebenfalls in der Region südlich des Horns von Afrika erwartet.

In der Nacht zu Freitag war Phillips bereits mit einem dramatischen Fluchtversuch gescheitert: Er sprang ins Meer und versuchte, schwimmend die "USS Bainbridge" zu erreichen. Seine Entführer fingen ihn jedoch wieder ein und zerrten ihn an Bord.

Phillips, der sich beim Überfall auf seinen Frachter offenbar selbst als Geisel anbot, wird in den USA mittlerweile als Held gefeiert.Er treibt mit vier Piraten in einem kleinen Rettungsboot über den Indischen Ozean - der Willkür seiner Bewacher vollständig ausgeliefert. US-Kriegsschiffe patrouillieren in der Region, das FBI ist eingeschaltet und somalische Stammesführer wollen zwischen den Parteien vermitteln. Die unter US-Flagge fahrende "Maersk Alabama" war am Mittwoch vor der Küste Somalias von Piraten angegriffen worden. Der Mannschaft gelang es, die Kontrolle über das Schiff zurückzugewinnen. Die Piraten flohen mit einem Rettungsboot, Phillips wurde als einziges Besatzungsmitglied entführt.

John White, ein Mitglied der Crew, sagte dem Fernsehsender CBS, Phillips habe sich bei dem Piratenüberfall als einziger nicht versteckt. "Mit anderen Worten: Er hat sich den Piraten ergeben, um den Rest der Mannschaft zu schützen."

Deutscher Frachter in Piratenhand

Doch Phillips ist nicht das einzige Opfer der Seeräuber: Die Piraten haben seit Tagen auch den deutschen Frachter "Hansa Stavanger" und dessen 24 Besatzungsmitglieder in ihrer Gewalt. Die Bundesregierung hatte nach Informationen des SPIEGEL vor, das Schiff von der Spezialeinheit GSG 9 stürmen zu lassen. Die Aktion wurde jedoch kurzfristig abgesagt. Die Piraten konnten sich und ihre Beute zu schnell in Sicherheit bringen.

Im Golf von Aden haben französische Truppen am Freitag das gekaperte Segelschiff "Tanit" gestürmt. Bei der Aktion sollen zwei Piraten und eine Geisel ums Leben gekommen sein. Die vier weiteren Passagiere seien befreit worden, hieß es nach Angaben aus dem französischen Präsidialamt.

Die Besatzung eines unter panamaischer Flagge fahrenden Massengutfrachters hat am Samstag im Golf von Aden einen Angriff somalischer Piraten abgewehrt. Nato-Vertreter an Bord des portugiesischen Kriegsschiffs "Corte-Real" berichteten, die Seeleute hätten die Angreifer mit Hilfe von Wasserschläuchen vertrieben.

Weniger Glück hatte ein unter italienischer Flagge fahrender US-Schlepper. Die in Kenia ansässige Seemannsorganisation East African Seafarers' Assistance Group teilte mit, dass 16 Besatzungsmitglieder in die Gewalt von Piraten gerieten seien.

Die Eigentümer eines norwegischen Tankers vermeldeten die Freilassung des entführten Schiffes. Ein Sprecher des Unternehmens Salhus Shipping AS bestätigte Berichte, dass die "MT Bow Asir" freigelassen wurde. Ein Piratensprecher erklärte, für Schiff und die 27-köpfige Besatzung seien 2,4 Millionen Dollar Lösegeld gezahlt worden.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

hut/dpa/AP/Reuters/AFP

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